Es war einmal ein Einhorn-Traum: „Magnifico“, die neue Show von André Heller, hat ihre Weltpremiere in München

von Michael Grill

Ach, ein Pferd. Foto / Copyright: www.peterrigaud.com

Ganz großer Auftrieb in der sonst eher drögen Prärie des Münchner Ostens: Vor den Hallen der Neuen Messe steht eine Zeltstadt, die Vip-Shuttles kreisen, der rote Teppich leuchtet. Weltpremiere für André Hellers „Magnifico“, eine „Show mit Pferden, aber keine Pferde-Show“, wie der Wiener Künstler und Impresario vorsorglich angekündigt hat. Es ist ein Versprechen und eine Warnung. Nach mehr als fünf Jahren will Heller an seinen Welterfolg von „Afrika!Afrika!“ anknüpfen.

Immer wieder erzählte er in den letzten Wochen die Geschichte von Magnifico, dem Einhorn, das er als Kind auf einem Bild bei seiner Oma sah, das ihm Angst nahm und gute Träume brachte. Jetzt steht der 63 Jahre alte Heller vor einer monströsen Theatermaschinerie, wie man sie von großen Rockkonzerten kennt, und bittet sein 2500 Köpfe zählendes Publikum um „gute Energie“, damit „das alles gutgeht“.

Der Jahrmarkt des 21. Jahrhunderts. Foto: GABO / Magnfico

Magnifico hat keine übergreifende Geschichte, die wollte Heller auch nicht: „Das ist eine Show, kein Shakespeare.“ Er wollte eine bunte Folge von Träumen. Leider bekommt man aber über lange Strecken nicht mehr als eine bunte Folge von Kostümen.

Die Riesenbühne fährt zwischen den Nummern rein und raus wie der Rasenboden in die Schalke-Arena. LED-beleuchtete Pferde glitzern wie Discokugeln, ein fröhlicher Clown steppt an der Decke – die Technik macht den Jahrmarkt des 21. Jahrhunderts. Fabelwesen, Insektenpuppen, Babydolls purzeln über die Bühne, dazu erklingen mal die Beatles und mal Walzer, mal Ragtime und mal Dornröschen-Ballett. Breakdance-Rapper wirbeln,

Feuerwerk auf Rädern. Foto: GABO / Magnfico

dazu wackeln Zentauren mit durchtrainierten Muskel-Brüsten, es gibt Szenenapplaus für die ersten Jongleure. Ein Marionetten-Pferd, in dessen Puppenhülle ein echtes steckt, stakst eine Runde, es folgt die gute Hochseilnummer und das nette Schattenspiel. Doch vieles ist so tautologisch wie ein weißer Schimmel – wenn ein solcher in die Manege schreitet, seufzen die Streicher, näseln die Flöten. Ach, ein Pferd!

Dann wird es orientalisch, da wallen die Gewänder, wippen die Troddeln, tragen die Pferde Klunkerkettchen. Ja, das sind schöne Bilder. Sie müssen keinen Sinn haben, sie stehen einfach so vor dem Publikum, das staunen soll und das auch bereitwillig tut. Doch wo ist die Heller'sche Poesie? Der Moment der Kontemplation, des Mitfliegens der Phantasie? Magnifico hat ein Tempo wie ein Video aus dem vergangenen

Rigolo - die beste Nummer. Doch man ist zu zugeballert für sie. Foto: GABO / Magnfico

MTV-Zeitalter: Kaum eine Nummer, kaum eine Szene dauert länger als ein, zwei Minuten, und die meisten würden auch nicht länger tragen. Dazu bombardiert der große Screen hinter der Bühne den Betrachter unentwegt mit einem bunten Action-Geflimmer. Das ist oft eher Kindergeburtstag, auch das „Quallenfischen“ mit fliegenden Puppen kennen die Kleinen ja vom TV-Helden Spongebob. Motto: Wir probieren mal was.

Als kurz vor der Pause bei einer aus dem Schweizer Nouveau Cirque übernommenen Rigolo-Nummer ein Artist ein atemraubendes Riesen-Mobile baut – eine herausragende, wunderbare Übung zu traditioneller, ganz ruhiger Akkordeon-Musik – fehlt dem Publikum minutenlang der Zugang zu dieser hochpoetischen Äquilibristik. Man ist viel zu zugeballert. Erst als das Kunstwerk wieder zusammenstürzen darf, entlädt sich Irritation in erleichtertem Beifall.

Das ist erstaunlich. Foto: GABO / Magnfico

Manches ist einfach nur Tischfeuerwerk auf Rädern, auf sich drehenden immerhin. Da trifft das Trojanische Pferd auf den Radetzky-Marsch, eine Torte rülpst, und nicht begnadete, sondern lediglich ungewöhnliche Körper zeigen absurde Verdrehungen menschlicher Gelenke. Plötzlich spielen die Beatles „I Am the Walrus“, dann fährt ein Walross von rechts nach links über die Bühne. Applaus, nächste Nummer. Oft scheint diese Revue näher an André Rieus Gassenhauersammlung sein zu wollen denn an André Hellers einst mit „Afrika! Afrika!“ selbstgesetzten Maßstäben: Hauptsache, es kracht. Dumm nur, wenn es selbst das nicht tut. Die Kraftmänner „aus Wanzhou“ bekommen viel Applaus, aber letztlich hat man ihre Artistik vor vielen Jahren im Cirque du Soleil dramatischer serviert bekommen.

Dann fährt ein Walross von rechts nach links. Foto: GABO / Magnfico

Der Pferdebezug kann teilweise nur sehr mühsam hergestellt werden. Er ist in etwa so sinnvoll wie die Assoziation, dass die Hauben dieses Hellerschen Zeltpalastes von außen irgendwie an den spitzen BH erinnern, den die Popkünstlerin Madonna einst von einem gewissen Herrn Gaultier verpasst bekommen hat: Ein erzwungenes Bild ist auch nicht besser als ein schlechter Witz. Ganz am Schluss kommt ein Pferd mit einem spitzen Horn auf der Stirn und dreht seine Runden. Das war's.

In den letzten Jahren sind einige groß angelegte Shows („Ben Hur“, „India“) in kürzester Zeit am Ende gewesen, obwohl sie spektakulärer waren, als es „Magnifico“ ist. Es muss einem bange sein ums liebe Einhorn.

Magnifico in den Zeltpalästen vor den Riem Arcaden bis 13. März. Weitere Infos und Tourdaten über die Seite www.magnifico-show.com

Der Bericht von den Vorbereitungen zu Magnifico finden Sie hier: Kulturvollzug vom November

Veröffentlicht am: 09.02.2011

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