Zu Sybille Kraffts Buch über bayerische Volksschauspieler

Mehr als nur Gaudi - ein Blick auf Urviecher und Parade-Bayern

von Karl Stankiewitz

Helmut Fischer als Kriminalkommissar Lenz in "Tatort". Foto: BR/Sessner

In der Publikumsgunst stehen sie hier zu Lande meist ganz oben: die Volksschauspieler männlichen und weiblichen Geschlechts. Im übrigen Deutschland werden sie, selbst bei fehlendem Sprachverständnis, als Parade-Bayern gern gesehen. Viele hatten ihr Debut auf Vorstadt- oder Bauernbühnen. Vor langer Zeit war das „Platzl“ der  passende Platz für weiß-blaue Gaudi. Einige konnten in Dialekt-Rollen bis zu den Kammerspielen und ins Residenztheater vordringen. Oder auch in die „Kleine Komödie“ am Maxdenkmal. Im Volkstheater an der Brienner Straße indes haben (einst) Ruth Drexel und Christian Stückl ein wahres Biotop für anspruchsvolle bayerische Schauspielerei entwickelt.

Doch die eigentliche Bühne, die sie der Welt vermittelt hat, war der Bayerische Rundfunk. Begonnen hatte die große Zeit der Volksschauspieler im Mai 1947 im damaligen „Radio München“ - mit den „Brummlgschichten“ von Kurt Wilhelm. Dieser ungewöhnlich populären Hörfunkreihe folgten zahlreiche Serien im Fernsehen, von denen einige wie die „Münchner Geschichten“ und „Monaco Franze“ geradezu Kult-Status erlangten. Die BR-Mitarbeiterin Sybille Krafft hat einige jener Volkslieblinge noch zu Lebzeiten in einfühlsamen Fernsehfilmen, meist in Zusammenhang mit einem runden Geburtstag, einem Millionenpublikum noch ein gutes Stück näher gebracht. Daraus entstand jetzt ein Buch mit zwölf persönlichen Porträts („Bayerische Volksschauspieler“, siehe unten).

Ruth Drexel als Paula Weingartner in "Zur Freiheit". Foto: BR/Sessner

Acht Männer und vier Frauen – das kann nur eine kleine Auswahl sein. Allein schon die Besetzungsliste der „Münchner Geschichten“ enthält die Garde der bayerischen Volksschauspieler nahezu komplett (in dieser Reihenfolge): Günther Maria Halmer, Katja Rupé, Toni Berger, Ilse Neubauer, Hans Brenner, Hans Löscher, Max Grießer, Ludwig Schmid-Wildy, Willy Schultes, Michael Grimm, Gerd Fitz, Max Strecker, Hans Stadtmüller, Rosl Mayr, Toni Netzle, Walter Sedlmayr, Willy Harlander, Kurt Weinzierl, Herbert Fux, Heidi Stroh, Hans-Reinhard Müller, Wolfi Fischer, Maria Stadler, Kurt Raab, Ruth Horwitz, Gustl Bayrhammer, Barbara Gallauner. Die große Therese Giehse, die unvergessliche Oma aus dem Lehel, überstrahlte sie alle.

Wenn man als Journalist mit einem dieser Darsteller über Persönliches sprach, konnte man Überraschungen erleben: Kaum einem kam es vornehmlich auf  den sogenannten Humor an oder gar auf die Gaudi bajuwarischer Machart. Und kaum einer wollte ausdrücklich „volkstümlich“ sein. „Das Volk ist nicht tümlich“, sagte mir einmal Gustl Bayrhammer, den Sybille Krafft den „bayerischen Übervater“ nennt und der sich, als er 70 wurde, allen seichten Unterhaltungsprogrammen entzog. Nur wenige, wie Beppo Brem, spielten das „Urviech“ lebenslang und schreckten nicht vor den übelsten Klamotten zurück. Ans Aufhören dachten sie alle lange nicht.

Dramatisch hat das Leben mit manchen gespielt. Erni Singerl, Publikumsdarling schlechthin, verlor ihren ersten Ehemann in Russland und den zweiten nach langer Pflege. Elfie Pertramer, die Empfindsame, entfloh der „Geisterbahn des Lebens“ nach Sardinien. Ludwig Schmid-Wildy, der ewige Spitzbub, konnte sich nach 1945 lange nicht aus politischer Verstrickung befreien (sein Platzl-Vorgänger, der Weiß Ferdl, konnte es gar nicht). Helmut Fischer, der ewige Stenz, engagierte sich politisch, setzte sich für Frauenrechte ein und bekannte sich als Antifaschist. Maxl Graf und Wolfi Fischer, die Lustigen, erlitten schwere Unfälle. Einer trank zu viel und starb mit 59 Jahren. Einer wurde schwer krank und geriet wegen einer peinlichen Affäre in die Schlagzeilen. Einer wollte Rundfunkintendant werden und beließ es dann als Wortführer der bayerischen Monarchisten. Einer lebte ein zweites Leben im Schatten und wurde auf grausame Weise ermordet.

"Bayerische Volksschauspieler - 12 persönliche Porträts von Sybille Krafft", erschienen bei Allitera (272 Seiten, 19.90 Euro).

Veröffentlicht am: 10.01.2014

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