Botschaft aus der Wunderkammer: Die Eres-Stiftung holt das Meer nach Schwabing

von kulturvollzug

Hai, Pokal, Walzahn - die Wunderkammer. Foto: Eres-Stiftung

Wer will in einem Meer aus Müll noch schwimmen gehen? Wer möchte in New York City untertauchen, um den Eingang zum Empire State Building zu finden? Wer hätte gerne in Köln freie Sicht aufs Meer? Niemand, und dennoch erscheinen nach 16 Weltklimagipfeln mit Minimalkonsens-Ergebnissen solche Horrorvisionen mit stark gestiegenem Meeresspiegel wahrscheinlicher. Nicht zuletzt deshalb macht die Eres-Stiftung, die sich der Vermittlung von Wissenschaft durch Kunst verschrieben hat, nun mit der Ausstellung „Das Meer - Traum und Wirklichkeit“ auf den Besorgnis erregenden Zustand der Ozeane zwischen Vermüllung, Erwärmung, Übersäuerung und Überfischung aufmerksam. Dafür lud die Kuratorin Sabine Adler acht Münchner und internationale Künstler ein, darunter die französische Filmemacherin Agnès Varda.

Der Gegenwartskunst steht eine „Meeres-Wunderkammer“ gegenüber, die auf die Zeit der Renaissance und des Barock verweist, als Kunst, Natur und Wissenschaft in den herrschaftlichen Kunst- und Wunderkammern noch nahe beieinander lagen.

Der Münchner Galerist - und Wunderkammer-Spezialist - Georg Laue inszenierte diesen Rückblick in die Geschichte, und trug dafür vom präparierten Hai über Nautiluspokal und Narwalzahn bis zum Spiegelsextanten einige eindrucksvolle und exotische Objekte zusammen.

Agnès Vardas Film-Installation bildet dann den Auftakt zu einer Schau, in der sich eine Reihe aussagekräftiger Kunstwerke - nicht gerade beiläufig, aber auch nicht aufdringlich - zu einer Botschaft zusammenfügen.

Varda baute für die Eres-Stiftung ihre für die Art Basel geschaffene Installation „Cabane“ um. Mit ein paar Requisiten - vom Fischernetz zum Anglerstuhl- schuf eine Art Environment, in dessen Rahmen sie ihren Fünf-Minuten-Film zeigt. Darin erscheint der Strand als ein ewiger Ort des Glückes und der Ruhe. Doch der massige Leib eines gestrandeten Wales trägt das Haupt des Ungeheuers Gorgona - und aus dem Schlund schwappt plötzlich eine Monsterwelle menschgemachter Katastrophen, vom Tsunami bis zur Feuersbrunst. Vardas Werk ist politisch und poetisch, sie will auf die schockierende Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse hinweisen, doch ihre bewegende Kunst sieht sie „nicht als Deklaration, sondern als Vorschlag“. Mit diesen Bildern will sie unsere Wahrnehmung nicht festlegen, sondern „in Frage stellen“.

Meereswelten an der Römerstraße, hier mit Agnès Vardas Filminstallation. Foto: Eres-Stiftung / Ciné-Tamaris

Mike Bouchet (USA) setzte 2009 auf der Venedig-Biennale in „Welt zu vermieten - Haus zu verkaufen“ den amerikanischen Traum vom Eigenheim unter Wasser. In München präsentiert er eine dieser Bretterbuden mit historisierenden Giebelchen en miniature. Sie steht auf Stelzen in einer gewaltigen Keramikschale aus Wasser, deren Dekor die Fassaden venezianischer Kirchen und Palazzi – die sich seit Jahrhunderten auf Pfählen in der Lagune halten -zitiert. Doch das Pfahldorf der Zukunft ist unsicher und lange nicht so prachtvoll wie die Vergangenheit.

Bei Matias Becker blickt man wie durch ein Bullauge auf ein Intérieur mit Fernseher, in dem wiederum Schiffe in stürmischer See zu sehen sind - frei nach Platon kennen wir eben nur den Abklatsch der Wirklichkeit.

Wolfgang Kaiser lenkt in „Schuldig/Nicht Schuldig“ den Blick auf eine vermeintliche Insel der Hoffnung, die aber nur der an der Wasseroberfläche treibende Körper eines verendeten Wales ist. Und ein stattliches Segelschiff liegt quasi auf dem Trockendock in einer Art Sarg, bewacht von den sieben Todsünden.

Christoph Knoch wiederum projizierte in seinem großformatigen „Bring me the Horizon“ einen Sonnenuntergang überm Meer mithilfe digitaler Bildbearbeitung auf eine Abriss-Wand Der Horizont ist fast hinter abblätternden Plakatfetzen verschwunden, aber die Sonne sieht man noch. Ob das ein gutes oder ein böses Zeichen ist, kann man nicht wissen.

Roberta De Righi

Bis 21. Mai, Eres-Stiftung (Römerstr 15), Sa 11 bis 17 Uhr u. n. Vbg. Tel 089/38879079. Am 26. Februar, 15 bis 20 Uhr, findet ein Symposium zur Zukunft der Ozeane, unter anderem mit dem Kieler Meereswissenschaftler Martin Visbeck statt

Veröffentlicht am: 17.02.2011

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