Sabine Glenz mit "Hands and Days" im Schwere Reiter

So konzentriert, dass man eine Fliege summen hört

von Isabel Winklbauer

Markus Kunas durchmisst das Schwere Reiter. Foto: Dorothee Elfring

„Instant Composition“ nennt man es, wenn ein Komponist live während einer Vorstellung sein Werk generiert. Für  Sabine Glenz‘ „Hands and Days“, das in München Uraufführung feierte, hatte Klaus Janek so einiges an Geräuschen während der Proben gesammelt: Atmen, Schritte, Rascheln, Rauschen und vieles mehr. Dazu holte er noch ein paar Außenaufnahmen ein, die man im Probensaal offenbar entfernt hörte. Arrangiert wird aber erst während der Vorstellung. So bekommt das neue Werk der Münchner Choreografin als Rahmen eine innovative Klangcollage, die ihre eigene, spannende Dynamik entwickelt.

Eine Aktpose für die Götter. Foto: Dorothee Elfring

Das Thema der Choreografie an sich, nämlich die Kreation neuer Ideen im Arbeitsprozess, bietet dagegen nicht so viel Aufregendes. Es schmoren die Protagonisten eher im eigenen Saft, als dass sie ein neues Tanzgericht servieren. Aktmalerei ist an diesem Abend die Querinspiration. Schließlich wird gerade in dieser Disziplin ausgiebig studiert, probiert, verworfen und wieder neu gezeichnet. Wie eben bei allen Kompositionsprozessen, wie die Tänzer Judith Hummel und Markus Kunas vorführen. Die Auswahl der beiden ist ein Volltreffer: Die sportlich-leichte Performerin Hummel rennt, ja fliegt fast durch die Bühnenlandschaft des Schwere Reiter, immer mit der Andeutung eines Lächelns auf den Lippen. Kunas dagegen, eigentlich Kampfsporttherapeut, steht schwer auf dem Erdboden, verändert sich langsam wie ein Zyklop. Eine spannungsvolle Kombination.

Umso mehr erfüllt es mit Bedauern, die zwei über lange Strecken nur Aktposen einnehmen zu sehen: Auf einer Drehbühne, vor einer Schattenwand, auf dem ausgelegten Tanzboden… während die Zuschauer leise hoffen, es möchten doch einmal die skelettartigen, schwarzen Metallobjekte zum Einsatz kommen, die so provokativ im Raum stehen, oder die Aktstudien, die an der rechten Seitenwand lehnen (Raum: Leonie Droste). Auch die Videoinstallation von Krisztina Sárközi bleibt schüchtern. Die eine Leinwand, die scheinbar technische Gerätschaften überdeckt, zeigt einen sauberen, rechten oberen Winkel des Raums an selbiger Stelle. Die andere Installation leuchtet nur kurz als weißes Rechteck auf. Dabei ist die Rückwand des Schwere Reiter doch eine Steilvorlage für Verrücktheiten jeder Art!

Sprung auf Weiß, dahinter der perfekte Raumwinkel. Foto: Dorothee Elfring

Das einzige, das ergreifende Dynamik annimmt, ist und bleibt Janeks Spontan-Komposition. Einmal erklingt eine Kirchenglocke bei schönem Wetter an einem ruhigen Sonntagmorgen. Durch diesen feierlichen - fast schon - Naturklang bekommen Hummels und Kunas‘ Verrenkungen vor der Schattenwand plötzlich eine neue Qualität. Sie werden zu höchster Konzentration auf die Arbeit, so sehr, dass das simple Läuten plötzlich die Dramatik eines Doms annimmt. Auch zum Pas de deux gegen Ende, in dem sich Hummel und Kunas kämpferisch aneinander lehnen,  ist es das Summen einer Fliege, das Spannung schafft. Hingabe an die Arbeit, Hingabe an die immer neu sich schaffende Kunst, ist der einfache, schöne Kern von Glenz‘ Stück. Hier wird es deutlich.

Dennoch: Die Welt ist voller Themen. Liebe, Eltern, Selbstmord, Krieg, Macht, Volksverdummung, das Weltall … Fast alles ist aufregender als ein Bühnenstück in der Brainstorming-Phase, das sich mit sich selbst in der Brainstorming-Phase befasst.  „Hands and Days II – Die Rache des Künstlers“ drängt sich auf.

Veröffentlicht am: 26.11.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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