Annegret Hoburgs Buch "August Macke, Franz Marc. Der Krieg, ihre Schicksale, ihre Frauen"

„Ich bin so stolz, das alles mitmachen zu können"

von Christa Sigg

August und Elisabeth Macke (1908). Foto: Münster, LWL-Museum

Lustvoll zogen sie in den Krieg – und tauschten den „Pinsel mit der Kanone“. Franz Marc hat das so griffig formuliert neben allerlei abstrusen Hoffnungen auf die „Reinigung“ eines ganzen Kontinents. Und auch sein bester Freund August Macke musste keineswegs in die Uniform gezwungen werden. „Vermöbeln“ wollte er die „Kerle“ und meinte damit die eigentlich sehr geschätzten Franzosen – aber Kultur und Politik, Künstler und Nation sind in solchen Fällen dann wohl zwei Paar Stiefel.

Nur wenige wie Max Ernst verstanden 1914 die Welt und die Kollegen nicht mehr und waren so schockiert wie heute die Nachgeborenen. Deshalb hat sich vor allem das Bild von den kriegsbegeisterten Künstlerseelen festgesetzt, und Publikationen zum Ersten Weltkrieg stoßen oft genug ins selbe Horn. Der Zweifel, das Hadern, die Ernüchterung klingen halt weniger aufregend als das verbale Muskelspiel der vielen freiwilligen Kämpfer, und detaillierte Differenzierungen lesen sich zugegebenermaßen mühsam.

Dennoch hätte man davon gerne etwas mehr und ausführlicher erfahren. Etwa im sonst so überzeugenden Katalog zur aktuellen Macke-Marc-Ausstellung des Lenbachhauses (der entsprechende Aufsatz stammt vom renommierten Moderne-Experten Uwe M. Schneede). Annegret Hoberg, an der Städtischen Galerie die Fachfrau für den Blauen Reiter, hat nun nachlegt mit einem höchst informativen kleinen Band, der neben dem Kriegseinsatz und den mehr oder weniger offenen Briefen aus dem Feld auch die beiden Ehefrauen und deren Verhältnis beleuchtet.

Die zarte kleine Elisabeth Macke und die füllige Maria Franck, die nach einem enervierenden Dreiecksverhältnis mit Marcs erster Frau Marie Schnür und der im Hintergrund immer noch herumgeisternden Ex-Geliebten Annette von Eckardt endlich doch in den Hafen der Ehe einlaufen konnte – sie verstanden sich auf Anhieb. Und obwohl die Mackes genau das hatten, wonach sich die Marcs bis zum Schluss dringend sehnten – Kinder –, blieb das Verhältnis ausgesprochen herzlich und verständnisvoll.

Elisabeth fand in Maria und Franz Marc eine ganz besondere Stütze, nachdem August Macke schon am 26. September 1914 gefallen war. Und Maria war im März 1916 gerade bei der jungen Witwe in Bonn zu Besuch, als die Nachricht vom Tod ihres Gatten eintraf.

Immer schon quälten Maria fürchterliche Ahnungen, ihr ist der Krieg von Anfang an ein Gräuel: „Du kannst mit mir machen, was Du willst“, schreibt sie Franz, „ich bleibe dabei – den Krieg zu hassen – den Krieg und das Militär dazu.“ Und während Macke, der sofort, nachdem er eingezogen wurde, in die brutalsten Kämpfe gerät und das in seinen Briefen keineswegs beschönigt, schont Marc seine von Angst erfüllte Frau.

Heute liest sich sein Part der rund 350 Schriftstücke umfassenden Korrespondenz manchmal fast verharmlosend. Elisabeth Macke und seinem Mäzen Bernhard Koehler gegenüber äußert er sich allerdings sehr viel offener und bittet sogar um Diskretion: „Lassen Sie den Inhalt dieses Briefes nicht meiner Frau … zu Ohren kommen; sie hat so viel Kummer hinter sich, dass ich ihr unsere jetzige Stellung als sehr harmlos male…“. Annegret Hoberg betont also völlig zurecht, dass man Marcs Berichte an Maria nicht ohne die an Elisabeth Macke beurteilen kann.

Zwar darf der Maler der Blauen Pferde mit seinem anfänglichen fatalen Irrtum noch in einer idealistischen Tradition des deutschen Bürgertums verortet werden („Ich bin so stolz, das alles mitmachen zu können. Hoffentlich erlebe ich auch einmal eine Schlacht: man ist so mitgerissen, dass man drauf brennt…“, schreibt er am 13. August 1914 an Koehler), doch mit den ersten katastrophalen Verlusten der deutschen Truppen, dem „entsetzlichen Leichengeruch“ kommt die Ernüchterung. Und spätestens die Mitteilung vom Tod Mackes bringt seine anfängliche Euphorie zum Kippen. Man kann das nicht nur im bewegenden Nachruf auf den Freund nachlesen („Wie viele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg unserer zukünftigen Kultur gebracht haben!“), es macht sich auch mehr und mehr in den Briefen breit.

Als Helmuth, August Mackes Vetter, verwundet wird, formuliert er an Elisabeth Macke seinen Hass auf den „endlosen Krieg“ (5. Oktober 1915). Gleichzeitig genießt der in der Truppe äußerst beliebte Marc den Ruf eines vorzüglichen Soldaten – „Ich bin es sogar, das ist das Groteske meines jetzigen Lebens!“, notiert er im selben Brief. Und tatsächlich hat der Maler eine ganz ordentliche Karriere beim Militär gemacht: Gleich nach der Einberufung am 1. August 1914 – zeitgleich mit Macke – war er zum Unteroffizier befördert worden, ein gutes Jahr später im Herbst schließlich zum Leutnant.

Er erhält im November noch einmal Fronturlaub, trifft Künstlerfreunde wie Paul Klee, der vom „tiefen Ernst“ berichtet und dass Marc wenig sprach. Wieder in Frankreich spitzt sich die Lage alsbald zu, seine Truppe rückt in die Gegend von Verdun. Doch den zweijährigen Stellungskrieg, das unbeschreibliche Gemetzel mit über 700.000 Toten erlebt Marc nicht mehr. Auf einem Erkundungsritt wird er von Granatsplittern tödlich an der Schläfe verletzt.

Im Gegensatz zu August Macke, dessen sterbliche Überreste in einem Massengrab Nahe Souain in der Champagne vermutet werden, wurde Franz Marc von seinen Kameraden im Park von Schloss Gussainville bei Braquis bestattet. Dass er jetzt in seiner Heimat begraben ist, liegt an Maria, die ihn 1917 exhumieren und auf den Friedhof in Kochel überführen ließ.

 

"August Macke, Franz Marc. Der Krieg, ihre Schicksale, ihre Frauen“, bearbeitet von Annegret Hoberg, 168 Seiten, Wienand Verlag, 19,80 Euro.

Die Ausstellung „August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft“ im Lenbachhaus läuft noch bis zum 3. Mai 2015 und ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 21 Uhr geöffnet (letzter Einlass 20 Uhr).

Veröffentlicht am: 14.04.2015

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