Zur Ausstellung „I live in the East but my Heart is in the West“ in der Pasinger Fabrik

Deutsche Menschen, was ist das eigentlich?

von Michael Wüst

Rachel Heller, "In Transit" (1996-2000). Foto: Michael Wüst

Am 12. Mai 2015 begehen Israel und Deutschland den 50. Jahrestag der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Zwei spannende und umfangreiche Veranstaltungen würdigen in der Pasinger Fabrik dieses Datum und laden zu Austausch, Nachdenklichkeit und: Heiterkeit. Am 26. März eröffneten der Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst Ludwig Spänle und der israelische Generalkonsul in München Dan Shaham „Mazal Tov!“ ein Festival mit Musik, Performance, Tanz, Lesungen und Diskussionen und „I live in the East, but my Heart is in the West“, eine Ausstellung, kuratiert von Anna Zanco-Prestel und Doron Polak.

20 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges war es also soweit gewesen. Israel und Deutschland nahmen diplomatische Beziehungen auf. 20 Jahre. Eine zähe, lange und bleierne Zeit nach der Kapitulation von Hitler-Deutschland, in der Opfer und Täter schwiegen. Bereits 1951 hatte sich Konrad Adenauer zwar zur historischen Verantwortung bekannt und Entschädigungen wurden, aufgrund allgemeiner Devisenknappheit, in Form von Warenlieferungen und Dienstleistungen, geleistet, der Anspruch „Wiedergutmachung“ war und blieb aber natürlich trotz weiterer Entschädigungen unerfüllbar.

Im Bewusstsein der ersten deutschen Nachkriegsgeneration rührte sich vielleicht zum ersten Mal etwas, anlässlich des Prozesses von Adolf Eichmann, 1962 in Jerusalem, und vielleicht haben auch einige junge Leute das überaus gescheite Buch von Hannah Arendt darüber gelesen. Aber es dauerte noch einmal mehr als zehn Jahre bis eine amerikanische TV-Serie einen Begriff gab für etwas, was nicht zu begreifen ist: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ aus dem Jahre 1978 führte zu heftigen Diskussionen, Ungläubigkeit. Holocaust, für die Juden „Shoa“, wurde der Begriff für Fassungslosigkeit. Erste Schriftsteller, die die Lager erlebt hatten, gelangten zu uns. „Roman eines Schicksalslosen“ des späteren Literaturnobelpreisträgers Imre Kertesz aus dem Jahre 2002, der in Ungarn nach Jahren des Totschweigens erst spät in 1975 herauskam, brauchte, bis er nach Deutschland erreichte, noch einmal 24 Jahre. Ein langer Prozess.

Rimma Arslanov o.T. 2008 Bleistift auf Papier. Foto: Michael Wüst

Die Ausstellung „I Live in the East but my Heart is in the West“ zeigt denn auch folgerichtig Arbeiten dreier Generationen von Juden, 20 Künstlern, die mit Deutschland zu tun haben und hatten, hier wie dort lebten und leben, studieren und arbeiten. Der Titel ist eine Umdrehung aus deinem Gedicht des Arztes, Poeten und Philosophen Yehuda Halevi, geboren um 1085 in Toledo. “לבי במזרח ואנוכי בסוף מערב“. “My heart is in the East” und weiter: ”and I am at the Ends of the West”.

Die Ausstellung eröffnet mit zwei Zeichnungen (View und Nabia 1970) von Ruth Schloss (1922-2013) aus Nürnberg stammend. Leid und Hunger, im Stile des sozialistischen Realismus und an Käthe Kollwitz erinnernd, jüdischer und arabischer Menschen, zeigen Situationen Palästinas. Der Fotograf Dan Hirsch, geboren in Jerusalem, hat in Düsseldorf bei Professor Thomas Struth, einem Schüler von Gerhard Richter, studiert und lebt seit neun Jahren in Deutschland und in Berlin. Sein Langzeitprojekt „The Germans“ zeigt deutsche Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft. Namenlose aus allen Berufen und Schichten irgendwo zwischen Glückstadt und Erfurt, Berlin und Bad Tölz. Lakonisch, kommentarlos, tonlos. Deutsche Menschen, was ist das eigentlich? Adi Levis Digital Drawings „Post-Bauhaus“ sind besonders von einer in der „Weißen Stadt“ Tel Aviv anzutreffenden Architektur beeinflusst, die deutsche Emigranten in den 30er Jahren eingeführt haben. „Vor diesen Wohneinheitsmustern versuche ich die Perspektive des Einzelnen selbst wie auch die vereinheitlichenden und doch entfremdenden Merkmale von Kollektivgedächtnis und Anpassung zu hinterfragen.“

Rimma Arslanov (Multi-Media-Künstlerin) wurde 1978 in Tajikistan geboren und wuchs in Uzbekistan unter dem Einfluss orientalischer und muslimischer Kultur in der Sowjetunion auf. In ihrem Werk rückt das Spannungsverhältnis zwischen ihrer Erfahrung im ersten Lebensabschnitt in der UDSSR und dem heutigen Alltag in Israel in den Vordergrund, ferner der Konflikt zwischen „Alt“ und „Neu“ in der gängigen Wahrnehmung, was sich auch in ihrem eigenen Stil, in Ornament und High Tech widerspiegelt. Ihre Bleistiftzeichnungen zeigen Szenen aus einer seltsam unterkühlt geführten Schlacht. Die beteiligten Kampfeinheiten wirken wie Comicsöldner, die in ihrem Problem, nicht zu wissen zu welcher Seite sie gehören, in Bauplänen zukünftiger Gebäude Deckung suchen. Der „auktoriale“ Standpunkt des Künstlers ist auch hier distanziert, wenn nicht gar überflüssig. Eine stille, absurde Kraft. Wenn man genau weiß, was das ist.

Gilad Ophir „Beduin Tent“ 2006. Foto: Michael Wüst

Gilad Ophir ist einer der bedeutendsten israelischen Fotografen der letzten zwei Jahrzehnte. Er ist unter anderem vertreten im Tate Modern Museum, Jewish Museum Jerusalem und im Brooklyn Museum New York. Auch er hat sich wie die ebenfalls vertretene Multi-Media-Künstlerin Norma Drimmer mit der in Jerusalem so beliebten „Jerusalem German Colony“, hebräisch „HaMoshavaGermanit“ beschäftigt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Mitgliedern des deutschen Templerordens gegründet, stehen dort Villen im Neo-Kreuzritterstil neben ottomanischen und solchen im Bauhausstil. Gilad Ophir fotografiert die Pfeiler, Pfosten, Teile von Eingängen und das Gemäuer der schwäbisch, pietistischen Templer nah herangerückt. Wie mit dem nahen Blick eines Kindes, das eingetaucht in die Welt, selbst Erinnerung ist. Seine zwei „Beduin Tents“, verlassen in der Wüste, transformieren, anverwandeln sich der Natur, erinnern an Schiffsrümpfe aus Haut oder abgestürzte Schmetterlinge.

Rachel Heller, die in München schon öfter zu sehen war, unter anderem in der whiteBOX, zeigt vier Gemälde aus ihrem Zyklus „In Transit“. Sie scheinen gemalt in einem fahrenden Zug. In der Schärfe ihrer Unschärfe, in der Streckung und Dehnung der landschaftlichen Materie entsteht ein farbliches Seelenspiel zweier Seelen: Der der Landschaft und der des Betrachters. Das Ego des Malers scheint zurückzutreten und dem ozeanischen Gefühl Platz zu lassen.

Ein kleiner Ausschnitt nur. Viel wäre noch über diese sanft stimmige Ausstellung zu sagen. Eines bleibt einem so angenehm in Erinnerung. Es herrscht eine freundliche Gelassenheit, ja fast Heiterkeit! Man ist ja immer fern. Aber von wo?

Bis 12. Mai 2015, täglich außer Montag, 16 - 20 Uhr. www.pasinger-fabrik.com

Veröffentlicht am: 14.04.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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