Interview mit Rainer Fetting: "Wenn da einer Kringel malt, dann malen sie plötzlich alle Kringel"

von Michael Grill

Rainer Fetting. Foto: E. Podlubnaja / Privatarchiv Fetting

Er gehört zu den wichtigsten deutschen Malern der letzten 30 Jahre: Rainer Fetting. Als "junger Wilder" stand er an der Spitze derer, die sich in den 80ern gegen Minimalismus und Konzeptkunst wandten. Nach einigen ruhigeren Jahren ist Fetting nun wieder zurück: In München ist er derzeit in der Galerie Karl Pfefferle zu sehen, ab April hat er eine große Ausstellung in Berlin.  Im Interview spricht er über wahre Wildheit, den Berlin-Hype, Vorbilder und seine Verachtung für die Kringelmaler.

Eine Galerie im Münchner Gärntnerplatzviertel. Es ist sozusagen der Testlauf für seine große Wiederauferstehung in Berlin: Rainer Fetting mustert eher mürrisch die Vernissagen-Gäste, sein Anzug ist so anthrazitfarben wie die verstrubelten, kurzen Haare. Ein etwas überfreundlicher Kurator hält die Eröffnungsrede. Fetting steht dabei ganz hinten und grübelt vor sich hin, dann hält er mehrmals seine Digicam über die Köpfe und lässt sie laut surrend Bilderserien schießen. Das Publikum verdreht genervt die Augen. Der Kurator sagt, dass Fetting „in den letzten Jahren wieder verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wurde“. Fetting blickt auf den Boden. Der Redner preist Fettings „unkonventionelle, sperrige, störrische Art“, schließlich seine „romantische Sehnsucht und ungezügelte Leidenschaft“, ordnet ihn ein zwischen Warhol, Hockney, Bacon. Fetting hält die Digicam nach oben. Er will offenkundig nichts geschenkt bekommen und nach der Ansprache eigentlich seine Ruhe. Reden? Muss das sein? Wenn, dann nur jetzt und sofort. Der Galerist schließt einen Lagerraum auf, Fetting fällt auf einen Stuhl zwischen Bilderstapeln. „Also, was ist jetzt?“

Herr Fetting, Ihr Name steht wie kaum ein anderer für das Schlagwort „junge Wilde“. Eine Zeitlang haben Sie sich teilweise sehr heftig von dem Begriff distanziert. Sehen Sie das heute entspannter?

Eigentlich nicht. Der Abstand zu allem, was damit üblicherweise verbunden wird, ist noch nicht sehr groß.

Rainer Fetting: Teetrinker (Galerie Pfefferle, 2010, Öl auf Leinwand, 180 x 90 cm)

Nun, es sind schon ein paar Jahre vergangen seit den 80ern, als Sie und andere aus der Berliner Szene als junge Wilde in der Kunstszene Furore machten.

Gut, das ist richtig. Und ich gebe zu, dass wir den Begriff schon in Ordnung fanden, weil wir uns vom Minimalismus des Mainstreams absetzen wollten. Dass man uns als junge Wilde bezeichnete, fanden wir vor allem am Anfang ganz ehrenhaft, als wir noch unbekannt waren. Wir verbanden das zum Beispiel mit Matisse und den Fauves – so gesehen war es eine Ehre.

Später nicht mehr?

Dann kam die Hysterie der Medien, und es kamen Leute, die sich nur noch auf solche Klischees stürzten und versuchten, noch mehr Hype um alles zu machen. Wenn ich mal überlege, wer damals alles auf den Covern der Kunstmagazine war – viele davon sind heute komplett verschwunden. Da hat sich mancher geirrt. Bei solchen Trends geht es ja manchmal zu wie beim Sport, es wird auf Künstler gewettet wie auf Rennpferde.

So eine Klassifizierung hat aber auch ihre Vorteile.

Ich fand das in Ordnung in der Zeit, als es wirklich nützlich war, über so einen Begriff wie junge Wilde auch über Stadtgrenzen hinaus mit anderen Künstlern in Verbindung zu kommen, die ähnliche Ansätze hatten. Die sich gegen die akademische Malerei wandten oder sich aus ihr lösen wollten. Solche Prozesse gibt es ja immer wieder in der Kunstgeschichte. Viele haben damals meine Bilder gesehen und in ihnen auch eine bestimmte Ironie erkannt. Aber dann wurde das alles furchtbar übertrieben und aus der ganzen Bewegung wurde so eine Art riesige Studentenparty. Das habe ich übrigens damals schon so empfunden, nicht erst heute im Rückblick. Viele haben es sich sehr leicht gemacht, und jeder, der ein bisschen Klamauk reinbrachte in die Kunst, war sofort ganz vorne mit dabei. Die größte Klappe und die reine Ellenbogenmentalität setzten sich durch.

Haben Sie sich damals eigentlich auch selbst als „wild“ empfunden oder bezog sich das Etikett nur auf die Malerei? Es gab damals ja in Berlin eine Szene, die einen bestimmten Lebensstil pflegte, der zum Beispiel auch in der Musik zum Ausdruck kam.

Für mich war die New Yorker Szene in der Musik und in der Malerei viel wichtiger, zum Beispiel die abstrakten Expressionisten wie De Kooning, Rothko und Pollock. Und ich bewunderte die Schauspieler des amerikanischen Kinos wie Marlon Brando, Montgomery Clift oder James Dean - ihre neue Auffassung von Realismus. Die haben ja Hollywood völlig umgekrempelt mit einem Stil, der völlig unakademisch war, gemessen an dem, was zu ihrer Zeit eigentlich erwartet wurde. Erwartet wurde ein theatralischer und sauberer Vortrag. Und dann kam Brando. Der hat oft einfach nur genuschelt, und trotzdem dabei einen viel größeren Ausdruck gehabt und eine viel größere Wahrheit vermitteln können. Wenn der Begriff wild auf so etwas bezogen wird, dann kann ich damit etwas anfangen.

Ist denn die große Wahrheit ein Wert, nach dem man als Künstler streben sollte?

Da geht es schon um etwas Essenzielles. Aber Wahrheit ist ein großes Wort. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Wenn man Sie bei einer Ihrer Vernissagen erlebt, wirken sie sehr zurückhaltend, distanziert. Absicht?

Nein, das ist einfach nur Typedenken.

Das ist was?

Rainer Fetting: Jane Lagrange - Le Samurai (Galerie Pfefferle, 2010, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm)

Das ist eben die typische, oberflächliche Wahrnehmung. Leute lassen sich allzu gern von Äußerlichkeiten blenden. Ich bin ein Steinbock. Damit ist man halt nicht der geborene Gesellschaftsmensch.

Der Steinbock strebt ja schließlich nach Perfektion und Exaktheit. Wenn nun in diesem Jahr Ihre Ausstellung in der Berlinischen Galerie eröffnet wird – welche Bedeutung hat das für Sie? Sie kennen die Stadt ja sehr gut, und der ganz große Berlin-Hype ist erst mal vorbei, oder nicht?

Was, der Hype ist vorbei? Das höre ich das erste Mal. Er ist immer da, wo er auch gerade auftaucht. Davon lebt doch die Kunstszene. Wenn da einer irgendwelche Kringel malt, dann malen sie plötzlich alle Kringel.

Aber immerhin Berliner Kringel.

Nein, so was geht dann in der Künstlerszene in ganz Deutschland um. Vor der Kringelmalerei, erinnere ich mich noch, gab es die interregionale Gittermode. Das ist schon sehr amüsant.

Fühlen Sie sich wohl in Berlin?

Berlin war in Deutschland immer meine Stadt. Ich bin zwar in Wilhelmshaven geboren, aber mein Vater kam schon aus Berlin. Er hat mir viel von der Stadt erzählt, wir sind auch oft hingefahren. Die Geschichten, die dann später kamen, kennt man ja: Berlin als Zufluchtsort, Berlin und das Erwachen der Homosexuellenszene...

Mich würde interessieren, wie gerade Sie die Entwicklung von Berlin von damals zu heute beurteilen.

Ich bin in Wilhelmshaven aufs Gymnasium gegangen. Es gab im Nachkriegsdeutschland eine gewisse Erwartungshaltung, wie der gute Spießbürger zu sein hatte, mein Vater war da eher ein Außenseiter. Auch die Stimmung auf dem Gymnasium – das kann man heute kaum noch verständlich beschreiben. Die ganze Jugend war für mich, wie wenn ich in einer Zwangsjacke stecken würde. Aber Berlin war eine andere Welt. Auch Schulkameraden sind dorthin gegangen, das waren dann die Revolutionärsten. Berlin war ein Symbol für das Ausbrechen, da fand nicht das übliche Westdeutschland statt. Und das hat eine lange Tradition: In Berlin waren immer die avantgardistischen Sachen.

Ist davon heute noch etwas zu spüren in der Stadt?

Wenn ich das mal mit München oder Köln vergleiche – also da möcht' ich wirklich nicht freiwillig weg aus Berlin. Vor allem für Künstler und kreative Leute ist Berlin, damals wie heute, die wichtigste Stadt in Deutschland. In dieser Hinsicht hat die Stadt eine ähnliche Tradition in Deutschland wie New York für die USA.

Rainer Fetting: Stevie Werther (Galerie Pfefferle, 2010, Öl auf Leinwand, 120 x 80 cm)

Bevor ich zu diesem Interview ging, habe ich Musik gehört, weil ich mich oft mit Musik auf ein Thema einzustimmen versuche. In diesem Fall mit „Der Mussolini“ von DAF, also hartem Tanz-Punk aus dem Berlin der frühen 80er. Eine gute Wahl?

Als Sound zu meiner Ausstellung? Nein, nicht unbedingt. Das war ein Hit damals, aber für meine Sache ist diese Art von Musik zu mechanisch. New Wave hat mir nie besonders zugesagt, auch wenn das damals in Berlin entwickelt wurde und ich viele Freude in dieser Szene hatte. Mein Sound, das war Hendrix und Rolling Stones, und das ist er im Grunde heute noch. Nicht zu vergessen: Bob Dylan.

Da sind Sie ja tatsächlich eine ganze Generation früher dran! Eher Romantiker als Punk.

Ne, ich mag auch schon lange Rap. Ich finde es genial, dass Schwarze Blues, Jazz, Soul, Raggae, Rock’n'Roll und Rap begründet haben. Als ich in Wilhelmshaven lebte, kam gerade Hendrix groß raus. Ich bin sogar nach Fehmarn getrampt, um ihn live zu sehen. Dort habe ich auch Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben erlebt. Die finde ich zum Beispiel richtig genial, habe sie aber erst später für mich entdeckt, weil ich einfach nicht auf diesem politisch ultralinken Trip war. Diese Musik finde ich genial, das hat nicht dieses Mechanische. Ist das dann gleich romantisch? Ich weiß nicht.

Nennen wir es expressiv.

Ok, stimmt. Da gehöre ich viel eher hin als in den New-Wave der 80er.

Kollegen von Ihnen, etwa der damals ebenfalls junge Wilde Albert Oehlen, haben sich viel mehr auf diese Szene eingelassen.

Ja, vielleicht ist Albert Oehlen ein Minimalist.

Genießen Sie es heute, dass Sie nicht mehr den Trubel von damals aushalten müssen?

Genießen? - Ich habe meine Arbeit in den Jahren immer weiter gemacht, auch dann wenn ich später auf ziemliches Unverständnis im Kunstmarkt gestoßen bin.

Wo sehen Sie sich heute als Künstler?

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, was mir an der Kunstgeschichte gefällt, woran ich anknüpfe. Darauf baue ich weiter auf. Ansonsten kann ich sagen, dass ich mich definitiv nicht zu einer Bewegung zähle, auch nicht zu einer in den 80ern.

Sie haben das Gefühl, einen völlig unabhängigen Standpunkt gefunden zu haben?

Es ging uns damals schon um das Aufbrechen diverser Krusten, insofern hatte ich mit der damaligen Strömung etwas zu tun. Aber was dann viele daraus gemacht haben, damit kann ich mich nicht identifizieren. Heute hat sich ja schon vieles rumgesprochen, was damals hinter den Kulissen an Machtkämpfen und Intrigen abgelaufen ist. Durch solche Konflikte und Reibungen wird einem umso mehr klar wo der eigene Standpunkt ist. Daraus kristallisiert sich auch die eigene Arbeit.

Das was Qualität ist und Substanz hat, wird die Zeit entscheiden, so war das schon immer mit der Kunstgeschichte und daran wird sich auch nichts ändern.

Rainer Fetting. Foto: Elena Podlubnaja / Privatarchiv Fetting

Das heißt, Sie sind als Künstler jetzt frei, sozusagen?

Warum ist das für Sie so wichtig?

Weil ich herauszufinden versuche, wo Sie heute stehen.

Mein Standpunkt als Künstler ist der, der er schon immer gewesen ist. Das war auch so zu den Zeiten, als ich abgesagt war. Ich habe meine Bilder immer so gemalt, wie ich das wollte. Das ist das Entscheidende. Nicht der Zustand, der sich in den Launen der öffentlichen Wahrnehmung widerspiegelt.

Die Münchner Ausstellung "Bilder" ist gerade bis zum 12. März verlängert worden und zu sehen in der Galerie Karl Pfefferle (Reichenbachstraße 47-49, Rückgebäude). Vom 15. April bis zum 12. September folgt dann "Berlin" in der Berlinischen Galerie (Alte Jakobstraße 124-128).

Veröffentlicht am: 03.03.2011

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