"Bei uns tritt niemand mit Hakenkreuzbinde auf"

von Gabriella Lorenz

Eine Zeitungsmeldung über einen wahren Fall in Tschechien liest der Protagonist in Albert Camus' Roman „Der Fremde“ immer wieder. Ein Jahr später, 1943, verarbeitete der existenzialistische Schriftsteller diese Meldung zu seinem Stück „Das Missverständnis“. Die grausame Geschichte vom Mord zweier Pensionswirtinnen am eigenen Sohn und Bruder inszeniert Jan Philipp Gloger im Cuvilliés Theater. Wir haben ihn im Interview.

Herr Gloger, mit Ihrer Karriere geht's gerade steil aufwärts. Sie werden im Herbst Leitender Regisseur am Staatstheater Mainz. Und Sie sollen 2012 in Bayreuth den „Fliegenden Holländer“ inszenieren.

Jan Philipp Gloger: Solange es keine offizielle Pressemitteilung gibt, möchte ich zu Bayreuth nur soviel sagen: Ich bin gefragt worden und es gibt Gespräche.

Sie haben bisher erst einmal Oper inszeniert, nämlich „Figaros Hochzeit“ in Augsburg.

Ich werde nächste Spielzeit auch an der Semperoper in Dresden inszenieren. Mein ganzer Zugang zur Kunstwelt lief immer über Musik und Rhythmus als Triebfeder. Oper zu machen, ist für mich, als würde man als Kind nachts in ein Spielzeuggeschäft eingesperrt! Ich will mich künftig mehr der Oper zuwenden, aber in Mainz bleibt das Sprechtheater mein Schwerpunkt. Mich interessiert kontinuierliche Arbeit.

Die haben Sie seit 2007 auch am Staatsschauspiel gezeigt mit einer Inszenierung jährlich, zuletzt „Viel Lärm um Nichts“. War „Das Missverständnis“ Ihre eigene Wahl?

Es war schon lange mein Wunsch, dieses Stück zu inszenieren - heute ist es ja schon fast eine Ausgrabung. Es ist für mich auch der Schritt von den Komödien zur Tragödie. Für mich geht es darin um Heimat, um nach Hause Zurück-Kommen, um verlorene Kindheit. Was passiert mit uns, wenn uns die eigenen Eltern fremd werden? Mich interessiert das Hadern mit und das Loslösen von der Vergangenheit - und wie sie uns doch einholt.

Nach 20 Jahren im Ausland kommt Jan zurück und mietet sich in der Pension seiner Mutter und Schwester ein. Die pflegen reiche Gäste umzubringen und auszurauben, um endlich das harte Leben aufgeben zu könne. Ein offenes Wort könnte Jan dieses Schicksal ersparen. Aber er will erkannt werden.

Ich versuche, das Stück aus der Perspektive Jans zu erzählen. Mir geht es weniger um Aufrichtigkeit, sondern mehr um den Albtraum der Entfremdung von der eigenen Herkunft. Die Frauen sind in ihrer kleinen Existenz gefangen, Jan ist in die Fremde gezogen. Da kollidieren zwei Welten, das ist spannend. Dafür haben wir auch zwei Spielweisen. Ich arbeite gern mit Irritation, sie ist eine der großen Kräfte im Theater.

Camus schrieb das Stück im Krieg. Hat es eine politische Dimension? Zum Beispiel das Töten bis zum bitteren Ende, bis die eigene Zukunft gestorben ist?

Wir wollen es nicht als Stück über den Krieg erzählen. Camus macht sich viele Gedanken über die Psychologie von Mördern, über Mord als allgegenwärtiges Phänomen. Was geht in einem Menschen vor, der mordet? Wenn das Morden selbstverständlich geworden ist, kann man natürlich an Tötungsmaschinerien denken. Aber bei uns tritt niemand mit Hakenkreuzbinde auf. Und man kann auch nicht alles psychologisch erlösen, gewisse Dinge bleiben Geheimnisse.

Ein Wort könnte ja alles klären.

Es geht auch um das Nicht-Funktionieren von Kommunikation. Wenn unterschiedliche Logiken zugrunde liegen, kann Sprache alles noch mehr verwickeln. Jan will erkannt und gesehen werden wie ein Schauspieler, das ist eine narzisstische Verstrickung. Im Stück gibt es lauter kleine Missverständnisse, und ich behaupte, 50 Prozent unserer Alltagskommunikation beinhalten Missverständnisse.

Cuvilliés Theater, Freitag und Samstag 20 Uhr, Sonntag 19 Uhr, Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 03.03.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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