Das Europäische Künstlerhaus in Freising zeigt Kunst von syrischen Künstlern

Auf der Suche nach Identität

von kulturvollzug

Abdul Razzak Shaballout: "Tomato Plastic Bag", 100 x 70 cm. Foto: Schafhof

In den vergangenen elf Jahren hat sich der Schafhof in Freising als Begegnungsstätte europäischer Künstler einen Namen gemacht, nun überschreitet er mit der Ausstellung „Transfer > Syrien“ seine selbst gesteckten Grenzen. Er eröffnet damit Einblicke in die zeitgenössische Kunst eines Landes, das derzeit vor allem wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen in aller Munde ist. Ein wesentlicher Aspekt für dieses Projekt ist die Sensibilisierung der Besucher für die Flüchtlingssituation. Um dies zu realisieren, wählte Eike Berg gemeinsam mit dem Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich drei syrische Künstler aus, die bereits in Deutschland leben und als Flüchtlinge anerkannt sind, um diese für zwei Monate als Stipendiaten nach Freising einzuladen. Obwohl sie jeweils vergleichbare schreckliche Dinge erlebt haben, ist ihre Art der künstlerischen Umsetzung vollkommen unterschiedlich.

Hiba Alansari: Wäschestücke in Ruinen. Foto: Schafhof

Hiba Alansari transferiert in ihrem vielseitigen Wirken die maßgeblichen Themen Gewalt und Verlust in ebenso fragiler wie poetischer Art. So verarbeitet sie Kindheitserinnerungen und -träume in Mischtechniken, die von einem surrealen Tenor bestimmt werden. Ihre „White Monsters“ basieren auf fotografierten Köpfen, die von schwarzen Masken bedeckt sind. Dafür wurden typische Materialien von traditionellen Gewändern syrischer Tänzerinnen appliziert, die schließlich mit Glassplittern gespickt wurden. Noch mehr unter die Haut gehen die Installationen, die in einer zerbombten syrischen Stadt inszeniert wurden. Dort drapierte Alansari weiße Wäschestücke in Ruinen und schuf eine erschütternde Metapher für Leben und Tod, für Unschuld und Gewalt. Dies gilt ebenso für die orangenen Gliedmaßen, ausgestopfte Textilobjekte, die mal vereinzelt, mal gruppiert installiert sind und als Symbol für all die unzähligen Ermordungen stehen.

Yaser Safi beschäftigt sich sowohl mit der aktuellen Lage wie auch mit traditioneller, orientalischer und mesopotamischer Kunst und erinnert damit an das Kulturgut, das durch den Kriegszustand unwiederbringlich verloren geht und schon verloren gegangen ist. Seine Überlegungen zum Leben, zu Liebe und Tod transferiert er in verschiedenen Techniken und konzeptuell angelegten Serien. So visualisiert er in einer Reihe von Radierungen die Einheit von Straße und Gewalt, und unterstreicht damit seinen Protest gegen die Gewalt auf den Straßen. Auch seine meist großformatigen, expressiven, grellfarbigen Gemälde reflektieren das Leben auf syrischen Straßen, das reicht hin bis zu spielenden Kindern, die Terrorangriffe nachahmen. Ganz anders dagegen seine Bronzen, die Figuren in solchen symbolischen Haltungen reflektieren, wie sie aus Palmyra bekannt sind.

Abdul Razzak Shaballout malt technisch und kompositorisch perfekte Stillleben in altmeisterlicher Art. Auf den ersten Blick wirken diese hyperrealistischen Gemälde ein bisschen wie heile Welt, auf den zweiten nicht mehr. Durch Tomaten, die teils in praller Schönheit ungeschützt auf einem Tisch ruhen, während weitere Exemplare in einer semitransparenten Plastiktüte geschützt und verborgen sind, werden unterschiedliche Assoziationen geweckt. Tatsache aber ist, dass sich Shaballout gezielt auf diese extrem aufwändige Art der Malerei konzentriert. Es ist seine Methode, die schrecklichen Erlebnisse zu überwinden, zu vergessen, quasi seine zweite Flucht. Zwischendurch fertigt er in Form von Tuschmalereien immer wieder Portraits von und für seine Freunde an, gerade so, als ob er damit noch die Verbindung zur Realität halten wollte. Auch das verweist darauf, wie schwierig die Lage von Flüchtlingen ist, die ihre angestammte Identität in ihrer Heimat zurücklassen mussten, um sich hier eine neue aufzubauen.

Elisabeth Hoffmann

Schafhof – Europäisches Künstlerhaus Oberbayern, Am Schafhof 1, 85354 Freising. 21. bis 27. Juli 2016, Di – Sa 14 – 19 Uhr, Sonn- + Feiertage 10 – 19 Uhr.

Eröffnung am 20. Juli 2016 um 19 Uhr.

Veröffentlicht am: 16.07.2016

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