Das Trio Edi Nulz in der Unterfahrt

Im Namen höherer Absurdität

von Michael Wüst

Das Herstellen der alten Unordnung. Foto: Michael Wüst

Wer ist Edi Nulz? Wir wissen es nicht. Aber er war da. Als Trio, in seiner liebsten Erscheinungsform, bestehend aus Siegmar Brecher (Bassklarinette), Julian Pajzs (Gitarre) und Valentin Schuster (Schlagzeug). In der Unterfahrt präsentierten sich die Drei im Namen der fiktiven Figur auch stilistisch in schillernden Dreifaltigkeit: Surrealer Jazz, bocksbeinig durchbrechender Hard Rock, ländlich-versöhnliche Panoramaweisen wechselten sich schwer vorhersehbar ab, schienen aber immerhin selbstbewusst bevollmächtigt kraft höherer Absurdität.

Inkognito, ergo sum, sagt der Mythos, auch der des Edi Nulz, der 2011, als sich das Trio gründete, ebenfalls als Titelheld eines Videospiels firmierte. Die Wiederaufnahme des Surrealen, das Montieren der Genres im Gestus grotesker Ton-Verwaltungsakte findet 60 Jahre nach Boris Vians "En avant la zizique" bei Edi Nulz in einer Welt der defragmentierten Bilder erneut statt. Dekonstruktion muss allerdings nicht mehr angestrebt werden, es geht vielmehr darum, das Puzzle anzustoßen, sich neu zusammenzusetzen.

Richtig kompakt im klassischen Sinne werden die Stücke von Edi Nulz dabei nicht mehr und sie bieten auch kein Fundament für emotionale Sicherheit, eher beziehen sie ihre unglaubliche Beweglichkeit und attraktive Befremdung davon, dass sich ihre Elemente genauso viel abstoßen wie anziehen. Eine wilde, anarchische Komik, im subthematischen Bereich der Musikquanten.

"Wencke!!!", zu Beginn des Abends, führt das Publikum mit einem an Monk erinnernden Thema vorsichtig heran. Bassklarinette und Gitarre sind noch artig zusammen, nach einem steilen Solo mit ersten Multphonics zerlegt schon die Gitarre in Marc Ribot'scher Manier das Gefüge und auch der Drummer zeigt bereits seine verstärkte Neigung zu schluckaufartigen Breaks. Bei "Wer ist Agripina Colburn" wird es schon kerniger. Das Intro könnte man sich auch vorstellen als Soundtrack zu einer Neubearbeitung eines technolastigen Krimis der 60er Jahre. "Phantomas" vielleicht, mit Jean Marais und aufgebügelter Alien-Larve, wie er im Zwölfzylinder davonbraust! Aus einer Zeit als Verbrechen und Moderne sich noch verstanden.

Seltsamerweise wird die schöne Nostalgie unterbrochen durch ein Balalaika-Tremolo, gefolgt von Metal-Jazz-Stakkatos und schweren, tiefer gelegten Gitarrenbrettern. Es geht verblüffend hin und her, doch diese, wie überhaupt alle Kompositionen oder Komprovisationen von Edi Nulz, behaupten sich mindestens durch die normative Kraft des Faktischen. Oder eben: Alles nicht so wild! In jedem Fall wird auch das neue Album "An der vulgären Kante" zusammengehalten durch eine Riesenportion Humor.

Und man wünscht sich Edi Nulz sehnlichst als illegalen Neuvertoner von Schätzen der Filmkunst: "Und ewig singen die Wälder"? Nur so eine Idee. In jedem Fall verwandelt Edi Nulz konsequent und virtuos jedes Bild, jede Assoziation, jede Standard-Emotion in einen leuchtenden surrealen Schatz!

Veröffentlicht am: 21.07.2016

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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