Vor 50 Jahren erlebte München den „Herbst der Gammler"

Die Geburt des "Null Bock auf Nix"

von Karl Stankiewitz

Tempel der Bewegung: das Monopteros im Englischen Garten (hier in späteren Jahren). Foto: Guidor / Wikipedia

Schlag 17 Uhr am 20. Oktober 1966 heben Kripobeamte in Zivil die schäbige Barackenkneipe „Picnic“ in der Leopoldstraße aus. 28 mit Fetzen und Fransen bekleidete Lehrlinge und Schüler, die offensichtlich Seife, Kamm und Schere verachten, werden im Polizeirevier 4 verhört. Gefragt wird nach Rauschgift, Adresse und Arbeitsplatz. Geständnisse gibt es keine, wohl aber Tränen, besonders bei den Mädchen. Ein Neuseeländer kommt gleich wieder frei. Die meisten der vorläufig Festgenommenen werden von Papi oder Mami abgeholt. Zwei Tage später, am frühen Morgen des 22. Oktober, holen Polizisten in Leder langhaarige Langschläfer  von den Baumhäusern, die sie sich wie Vögel hoch oben im Englischen Garten gebastelt haben. Die Nester nennen sie als Wohnung, einmal bekommen die jungen Vagabunden dort tatsächlich Post zugestellt.

Was da vor genau einem halben Jahrhundert in Schwabing geschah, war der buchstäbliche Höhepunkt des mehrjährigen Spektakels der Gammler, einer heute kaum mehr bekannten „Jugendbewegung“. Ihre Vorgänger waren die Halbstarken-Banden und die eher nachdenklichen Existenzialisten sowie die Akteure der Schwabinger Krawalle von 1962; bald folgen die noch friedlicheren Hippies, die noch hässlicheren Punks und die aufmüpfigen „Achtundsechziger“. Ihrer aller Auftritte sind  heftig und weltweit, mehr oder weniger. In anderen Ländern, besonders den angelsächsischen, beherrschen - ungefähr zeitgleich mit den Gammlern - die Beatniks, Provos und Rocker die Szene, deren musikalische Götter die Beatles und die Rolling Stones sind und noch lange bleiben werden.

Im Herbst 1966 hat sich München, die verlockende „Weltstadt mit Herz“, zur deutschen Hochburg und zu einer europäischen Drehscheibe der Gammler entwickelt. Jedoch, die gesellschaftspolitische und kriminalistische Einordnung jener Burschen und Mädchen, die schon seit 1964 unter dem bürgerlichen Spottnamen Gammler (Duden: gammeln - verfaulen, verrotten, vegetieren) auffällig waren, kann selbst Münchens liberaler Polizeipräsident Manfred Schreiber nur ungefähr beschreiben: „Es handelt sich um eine geschlossene, schwer  durchschaubare Gruppe, die beobachtet werden muss.“ Das ist nicht schwer, denn die langmähnigen Aussteiger, die keine Penner sein wollen, verstecken sich nicht.

Ihre Residenz ist der Monopteros, ihre Bühne die gleißende Leopoldstraße. Hier wie dort erschrecken, amüsieren, provozieren sie die braven Bürger allein durch ihr betont schmuddeliges Aussehen und bloßen Müßiggang, sie spielen Fangermandl mit der Polizei. Die versucht zunächst nur, den unliebsamen und meist minderjährigen Zugvögeln „durch ständige Kontrollen den Aufenthalt zu verleiden“, verrät Polizeirat Bleihofer dem Schreiber dieses Rückblicks.

Die tägliche Prozedur: Einem Gemeinschaftsschlaf im Gebüsch unterm Monopteros folgen unfreiwillig ein paar Nächte in der U-Zelle; von der Absicht, das griechische Tempelchen durch eine Kette abzusperren, kommt man aber wieder ab. „Verbotswidriges Lagern" in einem Ladeneingang - fünf Tage Haft. Nächtigung in einer Gartenlaube – vier Wochen U-Haft. Fußgängerverkehr behindert - drei Tage Haft. Aus einem Bunker in Schleißheim werden acht „Bewohner“ vertrieben, darunter ein Amerikaner, ein Kanadier und ein Schwede. Bis zum Ende des Jahres 1966 werden 735 Unangepasste, darunter 135 weibliche, polizeilich bearbeitet: aufgegriffen, verwarnt, vorläufig festgenommen, dem Schnellrichter zugeführt, nach Hause geschickt, als illegale Einwanderer abgeschoben. Mehr ist nicht geboten.

Einer der Kontrollierten darf sogar sein Umhängeschild behalten mit der Verkündigung „Jesus war der erste Gammler“. Das historische Vorbild der Münchner Jung-Anarchisten ist aber wohl eher Diogenes in der Tonne, der stinkfaule alte Grieche mit Köpfchen. Tatsächlich ist Griechenland eine der südlichen Dependancen des multikulturellen Völkchens, obwohl dort gerade strenge Obristen herrschen. Wenn dort die sonst eher wasserscheuen Fremden nackt in den Dorfbrunnen tauchen, werden sie von Einwohnern wütend verjagt. In Rom wird die Spanische Treppe „entgammelt“. Frankreich und Mexiko weisen derartige Individuen schon an den Grenzen ab.

Nicht einmal vor den Sittenwächtern der sozialistischen Welt schreckt der zerlumpte Heerhaufen zurück. „Sie hocken wie Uhus vor dem Nationalmuseum und in den Passagen des Wenzelsplatzes“, berichtet der Autor dieser Zeilen der Abendzeitung aus Prag, wo allerdings die Restaurants der Kategorien I und II allen Leuten „mit unanständigem Äußeren“ verschlossen sind. In Leipzig stutzen eifrige FDJ-Kameraden „westverseuchten Bummelanten“ das Langhaar. Polen bekämpft das „Rowdytum“ durch Zwangsarbeitsdrohung. Auch in Moskau beschließt der Oberste Sowjet „drastische Maßnahmen gegen die Wohlstandskriminalität“.

Zu alledem sei bemerkt: Nie war die Gruppierung einer Generation unpolitischer als die der grundsätzlich gelangweilten Gammler. Ihre Maxime währte noch lange: „Null Bock auf Nix.“ Schon gar nicht auf Soldatentum und Krieg, auch wenn sie gern mit uniformähnlichen Windjacken oder Parkas aus US-Armeebeständen herumlungern. Nicht oft auch war eine auffällige Gruppe junger Menschen weniger straffällig und weniger agressiv.

Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU), dem Literaten wie „Pinscher“ vorkommen, sieht das anders. „Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören.“ Diesen Kraftspruch zitiert sogar das amerikanische Magazin „Time“ in einem Bericht über die „Beatniks of Munich“, übersetzt „Unwesen“ mit „Pest“ und kommentiert, die Bonner Regierung prangere diese jungen Leute an als Gegenpol zu den netten, hart arbeitenden Deutschen.

Auch in München ist Feuer am bürgerlichen Dach. Der 29jährige Regisseur Peter Fleischmann erlebt es, als er in Schwabing eine Filmdokumentation „Herbst der Gammler“ dreht, worin Passanten meinen, das Gschwerl sollte man in „Arbeitslager“ stecken oder gleich „vergasen“. Fleischmann sieht Parallelen zur Judenverfolgung und gründet daraufhin einen Menschenschutzverein. In einer großen Gammler-Debatte im Rathaus tönen aus der CSU-Fraktion ungewohnte Ausdrücke wie „Dreckhammeln“, „Saubären“ und – ganz neu - „gstinkerte Schweißfiaß“; das „Gammlertum“ sei durch geeignete Maßnahmen zu „reduzieren“. Wozu allerdings Polizeipräsident Schreiber keinen Anlass sieht: „Schmutz und Flegeleien sind kein Straftatbestand.“ Schreiber warnt auch vor dem „gesunden Volksempfinden“.

Einmal jedoch wird es bluternst. Ein blutjunger, noch unbekannter Mann namens Rainer Werner Fassbinder hatte für seine Startbühne, das action theater an der Müllerstraße, sein Ensemble vorwiegend mit seinesgleichen besetzt, nämlich mit Gammlern und Hippies. Einer von denen spielte so lebendig, dass er auf offener Bühne eine Kollegin richtig niederstach, was ihm zehn Jahre Zuchthaus einbrachte.

Als sich der Herbst der Gammler dem Ende zuneigt, verkündet eine Schlagzeile der Abendzeitung am 6. November 1966: „Der Winter jagt ihnen Angst ein.“ Den bewussten Bettlern und Streunern ohne Dach und Geld empfiehlt die besorgte AZ, nun „nach Kreta und Ibiza“ auszuwandern. Dort waren sie längst. Ihr neues Paradies hieß Kabul, wo auch der erste Münchner Polizeipsychologe, der ihnen bekannte Dr. Rolf Umbach, gerade eingetroffen war, um die afghanische Polizei zu schulen. Zwei deutsche Gammler werden im Park des Staatpräsidenten aufgegriffen. Und Erhards Nachfolger Kurt-Georg Kiesinger wundert sich, als er vor seinem Hotel in der noch friedlichen Hauptstadt von vergammelten Landsleuten  um ein Almosen angegangen wird.

In München indes herrschen Burgfrieden und Toleranz. Eine Kirche bietet der ausgestiegenen, freiwillig obdachlosen Jugend ein Notquartier an. Die Obrigkeit hält sich mit ihren „Maßnahmen“ noch mehr zurück, nachdem die Stadt Amsterdam, wo Provos die königliche Kutsche mit Rauchbomben beworfen hatten, eine informative Gammler-Konferenz für Richter und Polizisten ausgerichtet hat. Ein CSU-Kandidat lässt bei einer Schwabinger Kundgebung im Bundestagswahlkampf sogar einen Langhaarigen reden. Das Deutsche Jugendinstitut in München kommt in einer Studie zu dem Schluss, Gammler seien genau der „Typus, der den europäischen Gedanken lebt“, sie verkörperten das wachsende Unbehagen an einer total funktionierenden Welt. Und in der Abendzeitung schildert der Schreiber dieser Zeilen, „warum Mädchen Gammler mögen“.

Im Verlauf des Jahres 1967 geht die ganze Gammelei als gesellschaftliches Phänomen fast nahtlos in eine „Neue Soziale Bewegung“ über, für die bis heute kein anderer Name gefunden wurde als eine nicht ganz stimmige Jahreszahl: 1968. Und wieder meldet sich München zu Wort. Schon im Juli 1966 demonstrieren 5000 Studenten auf dem Königsplatz gegen Hochschulgesetz und Vietnamkrieg, während Unbekannte in der Königinstraße rote Tinte auf das amerikanische Generalkonsulat schmettern und „Mörder“ rufen.

Veröffentlicht am: 27.10.2016

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toni
28.10.2016 16:50 Uhr

genial gut beschrieben. genauso war es, ich wohnte damals in Schwabing und habe es hautnah mitbekommen.

Klaus Rost
10.11.2016 15:58 Uhr

Bin selbst ein 68er (Mitläufer) u finde den Artikel von Stankiewitz sehr stark.

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