Harald Rumpf im Gasteig mit "BILLARD. München in Fotografien der 80er Jahre"

Jener fein austarierte Moment, der den sozialen Realismus herstellt

von Michael Wüst

Harald Rumpf. Foto: Michael Wüst

Seit Donnerstag, 13. Dezember 2018, ist im Gasteig die Ausstellung "BILLARD. München in Fotografien der 80er Jahre" zu sehen. Die 75 oft quadratischen, größtenteils schwarz-weißen Arbeiten von Harald Rumpf, Jahrgang 1955, der auch als Dokumentarfilmer arbeitet, sind großzügig über den Glassaal des ersten Stocks verteilt. 

Das Licht der Exponate über die zweifarbigen Flächen steht in der Tradition der New York School of Photography mit Henri Cartier-Bresson, Robert Frank und Walker Evans und den berühmten amerikanischen Straßenmotiven. Henri Cartier-Bressons ungestellt und sensibel erspürter "moment décisif" zwischen Fotograf und Objekt ist auch für Harald Rumpf charakteristisch. Es ist ein psychologisch fein austarierter Moment, der den sozialen Realismus herstellt. Musik, Literatur, Fans und die Straße. Herumstehen, beifällige Begegnungen. Schon in den späten 50er und frühen 60er Jahren hatten Robert Frank und Walker Evans mit der Beat Generation um Jack Kerouac und Allen Ginsburg ein ähnliches Lebensgefühl erlebt und dokumentiert. Harald Rumpf, geboren in den Tagen der Beatniks, die in München zuerst Gammler genannt wurden, hat eine Generation später die 80er Jahre in München festgehalten. Nicht nur auf der Straße, nicht nur vor den Türen der Tanzhallen, nicht nur in den Lichthöfen der Bahnhöfe. Mit seinen beiden Kindern ist der Halbtagsvater damals auch täglich ins Grüne. So entstanden in den Parks Fotos mit Obdachlosen und Pubertierenden, die das Erwachsenwerden übten.

Junge mit Rad an der Isar. Foto: Harald Rumpf

Dabei gelang ihm mit unterschwelliger Wachsamkeit das Festhalten des Zeitgeists, immer ohne Voyeurismus, in einer stillen Übereinkunft, ja in einer Intimität mit dem Objekt. Ein Moment, der ihm, wie er sagt, erschien, als entstünde gleichzeitig ein Portrait seiner selbst. Eine obskure Beziehung mit der Verfallszeit einer Blende. Heute stehen wir vor diesen Bildern und sind charmiert. Besonders für die, die die 80er Jahre erlebt haben, steigt sogleich eine andere Obskurität auf: die Liebe zu der eigenen Stadt. Heute, 30 Jahre danach, erkennen wir aber nicht nur die Vergänglichkeit der Moden, Klamotten, Gesten, die Alltagserzählung von damals, die Bilder kehren auch unseren Blick um auf die Verwandlung der Stadt dieser Tage zur Konsumpassage, zu Spekulation und Gentrifizierung. Dennoch fühlen wir uns von den Bildern wie an der Hand genommen, die geliebte Verklärung dieser tollen 80er Jahre zu zelebrieren, um dabei allerdings zu vergessen, wie wir diesen neuen Sound damals verachteten.  - Wir, die wir wie der Schreiber dieser Zeilen in dampfenden Rockschuppen aufgewachsen waren und über Joe Zawinul und Weather Report zum Jazz gekommen waren. Gerade erst waren die großartigen Soulbühnen verschwunden: Birdland, Tabarin, Schmuckkastl.

Popper, Giselastraße. Foto: Harald Rumpf

Das Bundesimissionsschutzgesetz (BImSchG) hatte den zugezogenen Neureichen (die damals noch CSU wählten) das Mittel an die Hand gegeben, zur Verteidigung ihres hohen Lebensstandards gegen die Live-Bühnen vorzugehen. Den jungen Medien- und Marketing-Pfeifen war das egal. Lifestyle für die "Dinks", die Double-Income-No-Kids, das waren Cocktails, eine schicke Bar, Chicks zum Klarmachen und Konserve. Wie es nervte, dieses Angebertum in schwarzen Anzügen und Rollkragenpulli vor Champagnercocktails, inmitten des metallischen Quarten-Kacker-Geschreis der Eurythmics und der Talking Heads! Heute, nach 30 Jahren Neoliberalismus, betrachten wir die Fotos vom Beginn des New-Wende-Deals und: Wir sind charmiert. Und beeindruckt. Es gab ja auch gute Songs und auch tolle Zwischennutzungen - falls es dieses Wort damals schon gab - wie die des Cola-Werks an der Steinstraße in Haidhausen. Da hat mal ein Doppelgänger von Nick Cave gespielt. Am Boden standen zwei Bauscheinwerfer, eine rote und eine blaue Folie brannten sich langsam ein. Und es gab auch gute Songs. Irgendwie war Karma Chameleon schon ein netter Schlager. Sein Fan ist der Münchner Boy vor der Bäckerei Hölzl mit Lippenstift und Stern auf der Stirn.

Junger Mann mit Kopfhörer und Stern auf Stirn, 1981

Und beim Hölzl, da gab es in der Früh nach einer durchzechten Nacht in Schwabing Ragout Fin und Leberkässemmeln.

Noch bis zum 11. Januar 2019. Gasteig, Rosenheimer Straße 5, 1. Stock, täglich von 8 bis 23 Uhr.

Veröffentlicht am: 17.12.2018

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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