"Après-Eine Verwandlung" - Retrospektive des Tänzers Stefan Maria Marb

Auf der Himmelsleiter zurück zum nackten Leben

von Michael Wüst

Stefan Maria Marb, Gasteig. Foto: Michael Wüst

Noch bis zum 2. Januar 2019 ist im Foyer des Carl-Orff-Saals im Gasteig die Ausstellung "APRÈS - Eine Verwandlung. 30 Jahre Jahre Butoh des Stefan Maria Marb" zu sehen. Am 21. Dezember fand die zweite Performance mit dem Tänzer und der Harfenistin Sophie Litzinger statt. Die Fotos sind von Stefan Hagen, der Marb über die ganze Zeitspanne immer wieder begleitet hat. Bei den Performances waren auch Videos von Sabine Scharf zu sehen.

Der Choreograph, Psychologe und Mitbegründer der Tanztendenz München unterrichtet auch. In dieser Funktion lernte der Schreiber dieser Zeilen Marb kennen. Ursprünglich hatte er sich nur für diesen Raum interessiert. Das war die alte whiteBOX (2004-2013) gewesen, noch auf dem Gelände der Kultfabrik am Rande von zahllosen Discotheken in "Europas größtem Partygelände", wie es damals hieß. Eine Reihe von spannenden sieben Produktionen bis 2013 mit seinen Studenten sollte folgen. Manchmal geisterten mehr als 20 weiße Körper durch die jeweils laufenden Ausstellungen Bildender Kunst. Die erste Performance im Rahmen der Langen Nacht der Musik war aber White Body (2006), ein Solo-Stück. Im harten Licht des Follow-Spots tanzte er da über die schmalen Betonträger zwischen zweitem und dritten Stock, drei Meter über dem Boden. Weiß gekalkter Körper, schwarze Augen, sicher zwischen den Welten.

Tiefgarage 1987. Foto: Stefan Hagen

Was 1987 in einer verregneten Tiefgaragenzufahrt mit Opel Kadett und Ghettoblaster im Tanz zwischen den Welten begonnen hatte, stellt sich heute nach 30 Jahren als umfangreiches Werk dar, das mit der  Retrospektive im Gasteig gewürdigt wurde (Kuratorin: Julia Gradinaru). Von der verregneten Tiefgarage bis zu den Salzwüsten Nevadas und weiter ist Stefan Hagen ein treuer Begleiter des Tänzers. Seine ersten zwei Bilder erwischen schon die Dynamik, weil sie mit langer Belichtungszeit - zur Deutlichkeit hin - verwischen. Sie präzisieren in der Unschärfe und entdecken so in einer Drehbewegung des Oberkörpers  etwas wie den Flügelschlag eines Kranichs. Der Fotograf muss nämlich auch den Weg des Butoh lernen. Er muss mitgehen.

Nevadabody. Foto: Stefan Hagen

Dieser Weg ist nicht kreisförmig, er mündet nicht in ein Zurück. Kein Rondo, Karussell, nichts kommt wieder, man kann nicht aufspringen. Dieser Weg entspricht der Himmelsleiter der schamanistischen Kulturen. Stefan Hagen kennt diesen Weg und seine Stolperfallen. Und er kennt die minimalen Kontraktionen des verrenkten Körpers, die wie ein Frühwarnsystem die folgende Entladung ankündigen. Es ist ein langer Weg vom Tod zur Geburt. Auf der Terrasse, auf diesem Weg, im zweiten Stock, kommt uns aus dem Off eine Gestalt entgegen. Angetan mit der Klamotte vergangener Zeiten, in einer Travestie der Lebenserinnerung, aus dem Reich der verlorenen Zeit. Schwerer Mantel, mächtige Perücke, in der Hand wie ein Täschchen, das das Zeug des Lebens beinhaltet, ein Kassettenplayer. Man mag es als leichte Ironie nehmen: Es ist "Perfect Day" von Lou Reed, was wir von fern hören. Die Figur lauscht auch, sitzend neben einer Bodenleuchte, die in der Nässe schimmert. Dann richtet sie sich auf und geht auf das Geländer gegenüber zu, wirft den Kopf zurück ins Scheinwerferlicht: Ja, das war ich damals! Eine Diva, jetzt zwischen den Zeiten, ok, tot, wenn ihr wollt! Die posthume Diva geht auf die Terrassentür, durch die sich die Beobachter ins Freie hinausgedrängt hatten, zu, und das Publikum zieht sich zurück wie eine Molluske. Das aber war nicht das Publikum der früheren Zeiten! Das Wesen nähert sich den Beobachtern wie es will, schnell, abrupt, in einer Drehung heranfliegend, es kennt keine Rücksicht: Es sieht sie nämlich nicht. Oder, es gibt sie in seiner Zeit eben nicht.

Perfekt Day. Foto: Michael Wüst

Dieser Tanz ist kein Partnertanz. Und jetzt sind wir drinnen im Gasteig, im Haus der Bürgerkultur mit seiner wunderbaren Auslegware und ihren Ornamenten, die auch an Kubrick's Auslegware in den Gängen des Overlook Hotels in Shining erinnern könnten. Man würde jetzt gerne, oder auch später "It's all over now" von einem 20er Jahre Salonorchester hören... Damit soll gesagt sein - was man sich vorher nicht so vorstellen mochte - dieser Ort, der Gasteig passt einfach wunderbar! In diesem Moment ist der Gasteig ein Hotel der Erinnerung. Da sind ja nicht nur die Fans, die eingeschworenen Liebhaber aus der Butoh-Gemeinde, die sich im Winter um eine brennende Öltonne vor dem Theater Schwere Reiter scharten, es sind heute eben auch jene älteren Jahrgänge da, die seit langer Zeit den Gasteig schon bewohnen. Dazwischen wirkt der Tänzer wie eine Störung wohlfälliger Zeitläufte, die einen Körper hin und her wirft, der sich verkrümmt auf der Auslegware sammelt. In Boots, aus denen er sich bald herauswälzen wird, sieht er einmal aus wie Jethro Tulls Ian Anderson, keltischer Zauberer an der Querflöte.

Pferde. Foto: Michael Wüst

Und einmal scheint er selbst zu sehen, zumindest mit dem inneren Auge eines immer heftiger schlagenden Herzens, als er vor den Bildern stehenbleibt, die ihn zeigen in einer Performance mit Pferden in einer Koppel unter freiem Himmel. Das war ich? Vor den Pferden scheint er sich zu verneigen. Bald benötigt er die Treppe abwärts, um an ihren Stufen, liegend, rückwärts rutschend, seine Travestie abzustreifen, in seinem burlesken Strip weiter vorwärts zu kommen, zurück zum nackten Leben.

Clair de Lune. Foto: Michael Wüst

Hinauf zum nackten Leben! Dort angekommen hört er Harfenklänge. Sophie Litzinger spielt "Clair de lune" von Claude Debussy.

Gasteig, Rosenheimer Straße 5, noch bis 2. Januar 2019, täglich 8-23 Uhr, Eintritt frei. Weiter Infos auch unter www.butoh-marb.de und www.stefanhagenphotography.com.

Veröffentlicht am: 25.12.2018

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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