Interview mit Klaus Schrenk zur Aufregung um die Aufklärungs-Ausstellung in Peking: "Die Chinesen haben uns nicht hineingeredet"

von kulturvollzug

Klaus Schrenk. Foto: Haydar Koyupinar / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Seit Anfang April im Chinesischen Nationalmuseum Peking die deutsche Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" eröffnet und kurz darauf der Künstler Ai Weiwei verhaftet wurde, schwillt in Teilen des deutschen Kulturbetriebs der Unmut: Darf man in der Kunst so mit den Machthabern in China kooperieren? Zerbröseln wir in dieser Schau letztendlich das Fundament der westlichen Werte? Der Intendant des Berliner Haus der Kulturen der Welt, Bernd M. Scherer, warf Machern der Ausstellung vor, sich "aus der Tradition der Ausstellung verabschiedet" zu haben. Soeben forderte der gerade nach London gewechselte Münchner Haus-der-Kunst-Chef Chris Dercon  mehr Solidarität mit Ai Weiwei und ein Ende des westlichen Schweigens. Und die Ausstellungsmacher? Deren führende Köpfe Klaus Schrenk (Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen), Martin Roth (Generaldirektor Staatliche Kunstsammlungen Dresden) und Michael Eisenhauer (Generaldirektor Staatliche Museen zu Berlin) verteidigten sich bislang eher dezent mit einem gemeinsamen Text in der FAZ. Im Interview mit dem Kulturvollzug nimmt der Münchner Generaldirektor Klaus Schrenk (61) nun erstmals direkt und ausführlich Stellung. (gr.)

Kulturvollzug: In Peking begrüßt eine Dame die Besucher, die bereits vor ein paar Jahren auf dem Plakat der Ausstellung „Blicke nach Europa“ zu sehen war: Henrieke von Danecker, gemalt von Gottlieb Schick. Welche Eindrücke aus Europa bekommt der Besucher in Peking dieses Mal zu sehen?

Klaus Schrenk: Die Danneckerin ist ein wahnsinnig attraktives Bild. Sie ist 1802 gemalt worden und zeigt – etwas verdeckt - Zusammenhänge mit der Französischen Revolution, durch die Farben ihrer Kleidung Blau, Weiß, Rot. Sie bildet in Peking den Auftakt zum dritten Raum, begrüßt den Besucher aber auch schon im Eingangsbereich. Portraits spielen in der Ausstellung eine wichtige Rolle, weil sie die Loslösung der Kunst aus dem Absolutismus widerspiegeln. Eine der großen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts ist es ja, dass die Kunst aus der Repräsentation für Adel und Klerus entlassen wird. Gleichzeitig wird die Selbstinterpretation des Menschen sichtbar, die sich mit dem Genie-Begriff des Künstlers verbindet. Die Ausstellung ist, finde ich, sehr gelungen, gerade von der Konzeption her. Ganz am Anfang steht das Selbstbildnis von George Desmarées aus München, das 1760 gemalt wurde und den Künstler in einem Format abbildet, das bis dahin Fürsten und Königen vorbehalten war. Das durfte er aber auch nur deswegen, weil er als Künstler auch den Genie-Begriff repräsentierte. Wir enden in der Ausstellung mit dem großen Selbstbildnis von Andy Warhol aus dem Jahre 1967. Mit Warhol, der die Kunst radikalisierte, indem er die Reproduzierbarkeit des Kunstwerks in den Vordergrund stellte und die Einmaligkeit und damit den Geniebegriff der Kunst in Frage stellte, werden unterschiedliche Konzepte sehr gut sichtbar gemacht. Die Danneckerin ist das Bindeglied, die Befreiung und Emanzipation des Individuums in den Farben ihrer Kleidung transportiert – mit der Trikolore, die für die Haupterrungenschaft der Revolution steht, nämlich die Menschenrechte.

Um das zu entschlüsseln, ist einiges an Vorwissen über die westliche Kultur notwendig. Kann man das in China voraussetzen?

Wir haben uns über die Vermittlung sehr viele Gedanken gemacht. Das Vermittlungsprogramm ist in München erarbeitet worden, und wir haben verschiedene Vermittlungsebenen in die Ausstellung eingebaut. Entscheidend war, dass wir die Ausstellung in neun Kapitel unterteilen, die auf unterschiedlichen Ebenen zentrale Themen der Aufklärung behandeln. Für jedes Kapitel gibt es eine Einführung, zudem gibt es zu jedem Bild eine Kurzinformation. Wir haben eine große Medienstation eingerichtet, die Informationen zu jedem Bild, aber auch zu den Künstlern und zur jeweiligen Wissenschafts- und Zeitgeschichte vermittelt.

Das ist in deutschen Museen nicht viel anders. Dort darf der Museumsdirektor überhaupt machen was er will, was man sich in China so nicht vorstellen kann...

Die Chinesen haben uns nicht hineingeredet. Wir haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv mit den chinesischen Kollegen zusammengearbeitet. Wir haben sie auch nach Deutschland eingeladen, damit sie unsere Sammlung kennenlernen, unsere Auswahl verstehen. Auch das Personal für Führungen haben wir geschult. Die Vorbereitung hat auch zu einem größeren gegenseitigen Verständnis beigetragen. Eine Folge zum Beispiel war, dass wir erkannt haben, dass wir nicht nur Gemälde zeigen dürfen, sondern auch Objekte präsentieren sollten: Möbel, wissenschaftliche Instrumente, Skulpturen.

Aufklärung ist ja auch eher ein wissenschaftlicher als künstlerischer Epochenbegriff. Hätte man nicht auch eine andere Epoche präsentieren können? Die Renaissance beispielsweise?

Es gab ja vorher schon Projekte in China, „Living Landscapes“ zum Beispiel, das sich mit der Romantik beschäftigte. Gerhard Richter war schon da, Dresden auch. Das Bestechende an der Ausstellungsidee war diese Überlegung: Wenn China als Global Player aktiv wird, wäre es gut beraten, auch über die kulturellen Grundlagen seiner Partner besser Bescheid zu wissen, so wie wir uns bemühen, Informationen über die chinesische Kultur zu bekommen. Und unser Projekt fiel mit einem Interesse der chinesischen Seite zusammen, weil es doch seit einigen Jahren an einzelnen chinesischen Universitäten Forschungen zur Aufklärung gibt. Kernforderung der Aufklärung wie die Selbstbestimmung des Individuums, die Definition seines gesellschaftlichen Handelns zum Wohle aller, der Umgang mit der Natur – das alles hat für uns heute mehr Bedeutung als die Renaissance.

Zum Dialog der Kulturen gehört, dass sich beide Seiten bewegen. Haben die Chinesen schon einen Schritt auf den Westen zugemacht?

Es gab diese deutsche Kulturveranstaltung in China im vorletzten Jahr, dann die Weltausstellung, die natürlich vieles bewegt hat. China wird nächstes Jahr ein Deutschland-Jahr präsentieren. Es gibt einen intensiven Austausch im Bereich der Kultur, der auf vielen Ebenen sichtbar wird, etwa in der Kunst und bei den Hochschulen.

Dennoch: In Deutschland war man sehr irritiert darüber, dass ein Mitglied von Außenminister Westerwelles Delegation – Tilman Spengler – kein Visum erhielt.

Die Problematik war uns bekannt, und wir hatten alle gehofft, dass Tilman Spengler im letzten Moment doch noch das Visum bekommt. Natürlich waren wir betroffen, dass die Delegation ohne ihn aufgebrochen ist. Das ist natürlich eine Situation, die man genau bei einer Ausstellung, die sich mit Aufklärung befasst, am wenigsten gewünscht hat.

Hätten Sie sich gewünscht, anstelle von Außenminister Westerwelle bei der Eröffnung zu sprechen?

Er hat zwei bemerkenswerte Reden gehalten, bei der Eröffnung der Ausstellung selbst, und dann bei der Eröffnung des Forums „Aufklärung und Dialog“. Da hat er sich ganz deutlich zu Fragen von Aufklärung und Kunst als Propaganda geäußert. Auch zu Tilman Spengler hat er sich offen geäußert. Auf der Pressekonferenz haben wir auch angesprochen, dass wir darüber betroffen sind.

Kurz darauf hat die Staatsmacht den chinesischen Künstler Ai Weiwei festgesetzt. Die Chinesen sind offenbar keinen Schritt auf den Westen zugegangen. Im Gegenteil: Sie brüskieren Deutschland.

Wir haben in Peking mit praktisch allen dort akkreditierten Journalisten gesprochen. Wir haben gemerkt, dass die Einschätzung sehr unterschiedlich ist. Deutlich wurde aber, dass sich in den vergangenen vier bis sechs Monaten die Arbeitsbedingungen für ausländische Journalisten erheblich verschärft haben, was darauf schließen lässt, dass im Staatsapparat spürbare interne Auseinandersetzungen stattfinden, die wir so von außen gar nicht wahrnehmen können. Dass man mit Ai Weiwei den berühmtesten Künstler festgesetzt hat – wir kennen die Gründe einfach nicht. Vielleicht deswegen, weil er vorige Woche angekündigt hat, demnächst ein Atelier in Berlin zu eröffnen. Die ausländischen Reaktionen müssen China klar gewesen sein.

Oder deswegen, weil er ein Künstler ist, der die Konfrontation mit der Staatsmacht durchaus auch als werbewirksam erkannt hat?

Keiner sucht sich so eine Rolle aus. Die Haltung, die dahintersteht, strahlt natürlich eine große Überzeugungskraft aus, die ihn aus dem Kreis anderer Künstler, Menschenrechtsanwälten und Dissidenten hervorhebt. Es macht einen betroffen, wenn man sich vorstellt, wie es weniger berühmten Menschen ergehen mag.

Ai Weiwei hat mit seiner Überzeugungskraft ihre Ausstellung erst begrüßt und dann kritisiert. Sie sei harmlos, in ihr könnten sich die Chinesen halt mal anschauen, wie die Langnasen in den vergangenen Jahrhunderten gelebt haben.

Das habe ich nun nicht gehört, obwohl ich die Diskussion genau verfolgt habe. Dass er von harmlos gesprochen haben soll...

... den Vorwurf der Harmlosigkeit legt der Bonmot mit den Langnasen nahe.

Er hat die Ausstellung selber aber gar nicht gesehen. Gut, wie die Langnasen gelebt haben: Auch das ist die Ausstellung, natürlich. Mit dem Leben der Langnasen sind aber auch Inhalte verbunden. Und das macht die Situation nach wie vor spannend. Ich finde, dass wir eine interessante Ausstellung präsentieren. Es gilt jetzt auch abzuwarten. In der Auseinandersetzung mit der Aufklärung lässt sich ja auch sehen, wie weit Tabubrüche im Bereich der Kunst zu Gegenreaktionen geführt haben, die einerseits Repression beinhalteten, andererseits später neue Wege eröffneten.

Deutschland unterstützt seine Ausstellung in Peking noch mit zehn Millionen Euro. Das ist ungewöhnlich. Haben Sie das Gefühl, dass der Westen jemals aus der Rolle des Bittstellers hinauskommt?

Alle europäischen Länder sind in China aktiv. Früher zahlte das Gastland alles. Und die Summe, die jetzt öffentlich gemacht wurde, schließt ja auch das Engagement von BMW und der Mercator-Stiftung ein. Die Chinesen tragen viel mehr Kosten als jemals zuvor. Unter anderem die Versicherungskosten für das Jahr. Die chinesische Staatshaftung konnten wir nicht akzeptieren. Und so sind alle Werke bei unseren Hausversicherern versichert, und die Chinesen zahlen die Versicherungsprämie. China hat die Kataloge produziert, was auch neu ist, auch wenn die Inhalte natürlich bei uns entstanden sind. China hat die Transporte bezahlt. Wenn wir das einberechnen, dann ist das eine neue Form der Kooperation, die in die Zukunft weist. Und wenn man sich an-schaut, dass sich unter anderem auch Frankreich für die Eröffnungsausstellung beworben hatte, dann ist das schon eine bewusste Entscheidung der Chinesen für das deutsche Projekt.

Wie wird Deutschland in China denn wahrgenommen?

Schrenk: 60 bis 70 Prozent der Wagen, die auf Chinas Straßen fahren, sind deutscher Herkunft. Das Deutschland-Bild in China stellt sich unverändert als eins einer großen Industrie- und Kulturnation dar, auch wenn wir, was die geographische Ausdehnung betrifft, ein eher kleines Land sind.

Interview:  Michael Weiser

Veröffentlicht am: 13.04.2011

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