In welchem Dampfer sitzen wir eigentlich? Zwei Münchner Extrem-Künstler starten heute ihre Schiffspassage über die Alpen

von Roberta De Righi

Thomas Huber und Wolfgang Aichner am Start in München. Foto: Frank Sauer

Die Sintflut und das Zeitalter, in dem der Alpenraum mitten im Ozean lag, ist zwar schon eine ganze Weile her, dennoch versuchen zwei Münchner nun, im Frühsommer 2011, den Alpenhauptkamm mit dem Schiff zu überqueren. Bei diesem ebenso waghalsigen wie verrückten Vorhaben handelt es sich jedoch keineswegs um die Einlösung einer bierseligen Wette, sondern um eine Kunst-Aktion von Wolfgang Aichner und Thomas Huber. Das Ziel ihrer Expedition ist Venedig, und so ist „Passage2011“ auch ein offizieller Beitrag zur 54. Biennale, die dort am 4. Juni beginnt. Die beiden Extrem-Künstler sind nicht nur erfahrene Alpinisten; sie haben auch schon mehrere Projekte im ewigen Eis verwirklicht, darunter in Island, Grönland und Schweden.

Da ist es also fast schon naheliegend, mit einem selbstgebastelten Glasfaser-Boot über den Schlegeis-Gletscher im Zillertal zu rutschen, bzw. das rund 150 Kilo schwere Schiffchen an Seilen über den Gipfel zu ziehen. Ein „transalpines Drama“ nennt sich die von Christian Schoen kuratierte Aktion - und darin ist die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Drei Wochen haben Huber und Aichner für ihre Gipfel-Tour veranschlagt, inklusive An- und Weiterreise wollen sie vier Wochen unterwegs sein. Ob dieser Zeitplan realistisch ist, wird allerdings von der Witterung und der Kondition der Beteiligten bei diesem symbolischen Kraftakt abhängen – und liegt somit auch ein Stück in Gottes Hand. Darum ist es auch kein Wunder, dass der Ausgangspunkt von „Passage2011“ vor der evangelischen Lukaskirche im Lehel liegt, deren Pfarrerin Beate Frankenberger seit bald zehn Jahren die Nähe zwischen Kunst und Glauben pflegt. Heute Abend (25. Mai) um 18.30 Uhr geht’s los.

Wichtiger Bestandteil des Projekts ist es, dass man alle Etappen der Alpenüberquerung im Internet in einer Art Logbuch mit Videos und Fotografien beobachten kann. Aber auch von der Münchner St. Lukaskirche sowie der evangelischen Kirche der Scuola dell’ Angelo Custode in Venedig aus kann man die Expedition verfolgen.

Die Idee in der Visualisierung: Mit Rot auf Weiß gen Süden. Abbildung: C. Weber Kommunikation

Eigentlich sind Huber und Aichner Maler, und so stand auch am Anfang von „Passage2011“ ein Bild: nämlich die Vision eines knallroten Bootes mitten im ewigen Schnee. Eine einprägsame Szenerie, wie geschaffen für Deutungen aller Art. Ein Sinnbild, bei dessen Betrachtung sich die Erinnerung an das ewige vergebliche Steinrollen des Sisyphus oder der Wahnsinn von Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ ins Gedächtnis drängt.

Wenn der Mensch den Berg bezwingen will, wandert er jedenfalls auf dem schmalen Grat zwischen Demut und Vermessenheit gegenüber der Natur. Ja, und wenn der Mensch auf dem Gipfel ausgerechnet ein Boot dabei hat: Dann fragt man sich, ob die Menschheit nicht grundsätzlich im falschen Dampfer sitzt...

Ein wenig muss man aber auch an die letzte Reise des Konzeptkünstlers Bas Jan Ader denken, der 1975 beim Versuch einer Atlantiküberquerung im kleinen, gelben Guppy 13 verschollen ist. Der Macht der Elemente wird auch die rote Jolle von Huber/Aichner nach hoffentlich gelungener Alpenüberquerung final noch einmal ausgesetzt: Ob der Gletscher-Kahn seetauglich ist, wird sich voraussichtlich am 23. Juni erweisen, wenn er in der Lagune feierlich zu Wasser gelassen wird.

 

Veröffentlicht am: 25.05.2011

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Hören Sie sich hier die Audioausgabe des Artikels an, gesprochen von Christian Weiß:

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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