Wolfgang Jean Stock verlässt die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst

Hier geht es um die existenziellen Fragen

von Christa Sigg

Wolfgang Jean Stock 2014 bei der Ausstellung "Lichtzauber und Materialität". Foto: Frank Kaltenbach, München 2014.

Aufhören. Wie das klingt. Immerhin liegen noch ein paar Tage vor Wolfgang Jean Stock. Ende des Jahres wird sich der 66-Jährige dann aus der Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst verabschieden. Von Ruhestand mag er nicht sprechen. Das kann man sich auch kaum vorstellen bei einem, der sein Leben lang geschrieben hat. So wie sein Großvater Wilhelm Hoegner, Bayerns einziger SPD-Ministerpräsident nach dem Krieg. Doch den durchaus politischen Journalisten Stock zog es bereits in jungen Jahren zur Kunst und besonders zur Architektur. Ein Gespräch über die Grundfragen des Lebens, Päpste und Nischen.

Der Journalist, Architekturkritiker und Autor aus Aschaffenburg, Jahrgang 1948, leitete von 1978 bis 1985 den Kunstverein München und seit 2006 die Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst.

 

Herr Stock, was führt einen zur Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst?

Abgesehen davon, dass ich ein überzeugter Protestant bin und als Knabe zuerst evangelischer Pfarrer werden wollte, war meine Liebe zur Kunst und zur Architektur das Entscheidende.

Trotzdem: Sollte man gläubig oder der Kirche zugetan sein, wenn man hier arbeitet?

Es wird vorausgesetzt, dass man Kirchensteuer zahlt, mehr nicht. Es wird kein ausdrückliches Glaubensbekenntnis gefordert.

Sie befinden sich hier mitten im Kunstareal und sind von lauter „normalen“ Galerien umgeben. Wodurch unterscheiden Sie sich?

Als ich anfing, war mir klar, dass man diese Galerie nicht wie eine große Privatgalerie oder einen Kunstverein führen kann. Durch ihren speziellen Auftrag war und ist unsere Galerie in einer Nische und sie muss sich auch dazu bekennen. Zuerst einmal geht es hier nicht darum, was ich ausstelle oder veranstalte. Sondern anders herum: Was kann ich nicht ausstellen – schließlich muss ich mich ja von den anderen unterscheiden.

Was stellen Sie dann aus?

In unserer Satzung steht: Die Gesellschaft fördert die zeitgenössische Kunst in den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Zeichnung, Architektur, Fotografie und Design im christlichen Lebensraum und im ökumenischen Sinne. Übrigens habe ich die positive Erfahrung gemacht, dass es sogar in der jungen Künstlerschaft viele gibt, die sich vielleicht nicht als fromm bezeichnen würden, aber sehr interessiert sind an einer Auseinandersetzung mit der christlichen Symbolik, mit der Tradition des Abendlandes, mit der Frage, woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir.

Also die ganz existenziellen Fragen.

Die natürlich alle mit unserem christlichen Hintergrund zu tun haben. Ich bin dann auf interessante Künstler gestoßen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Etablierte wie Bernd Zimmer, alte, erfahrene wie Andreas Bindl oder eben auch auf jüngere Künstlerinnen, deren Förderung mir besonders wichtig war: Katharina Gaenssler etwa oder Christina von Bitter.

Sie haben damit wahrscheinlich auch das Besucherspektrum erweitert?

Ja, ganz selten kommen noch Traditionsbesucher, und die vermissen dann in der Tat eine Ausstellung mit Grabkreuzen oder zum heutigen Marienbild. Aber das ist von den Diözesanmuseen in Freising, Eichstätt oder in Regensburg zu leisten. Unsere Galerie ist vielmehr ein Gelenk zwischen dem Bereich des Christlichen, auch des Amtskirchlichen und der breiten Öffentlichkeit.

Welche Ausstellungen kamen denn besonders gut an?

In der Regel, wenn wir Kirchenbau in hervorragender Fotografie gezeigt haben. Aber auch Ausstellungen zu den Fragen des Lebens – etwa zum Thema Tod mit dem Münchner Bildhauer und Objektkünstler Stephan Huber.

Sie haben zwischendurch auch brisante Themen angepackt wie „Christenkreuz und Hakenkreuz“.

Da war unser Vorstand zunächst etwas skeptisch, aber die Ausstellung wurde dann ein großer Erfolg mit rund 80 Besuchern am Tag – und jeder wollte etwas wissen oder diskutieren: Warum zeigen Sie das? Wir merken übrigens auch immer, welcher Papst gerade im Amt ist.

Wie bitte?

Zu Zeiten Benedikts kamen oft Leute vorbei, die sich Luft machen wollten und über die neuesten Äußerungen des Papstes geschimpft haben. Auch der Missbrauchsskandal schwappte in die Galerie: „Ihr nennt euch Christen, ihr solltet euch schämen“, mussten wir uns manchmal anhören.

Und Franziskus?

Mit dem hat sich vieles geändert: Das ist für die Leute der soziale und offene Papst, der Papst für die Armen, der sympathische Papst.

Viele gehen also davon aus, dass die Galerie eine Institution der katholischen Kirche ist?

Ja, das mag mit der Vergangenheit zu tun haben: Die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst wurde 1893 von Katholiken gegründet. Aber die DG ist schon lange ökumenisch, unabhängig und ein gemeinnütziger Verein im Bereich der Kunst.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir sind ein klassischer eingetragener Verein wie die deutschen Kunstvereine, und die Finanzierung erfolgt auf Umwegen: Unser Förderverein - der Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst – hat einen Vertrag mit der Siemens AG. Diese hat in der Nachkriegszeit auf dem Grundstück des Fördervereins am Wittelsbacherplatz gebaut. Die Pachteinnahmen kommen zuerst dem Förderverein zugute und ein gewisser Teil davon geht an uns weiter.

Und Ihr Resümee, wenn Sie nun Ende Dezember in der Galerie aufhören?

Ich bin sehr zufrieden. Wir haben das Angebot stark erweitert, und durch viele attraktive Ausstellungen gingen die Besucherzahlen deutlich nach oben. Ich hatte als Kurator viel Freiheit und konnte auch fast zwanzig Katalogbücher veröffentlichen. Als ich 2006 hier antrat, waren viele in meinem Freundeskreis skeptisch. Aber ich meine, es kommt immer drauf an, was man draus macht.

 

Hier gibt es den Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst.

Veröffentlicht am: 12.12.2014

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