L-E-V mit „House“ bei Dance 2015 im Carl-Orff-Saal

Vom raschelnden Techno-Sound zum Barry-White-Grusel und zurück

von Michael Wüst

Sharon Eyal mit L-E-V. Foto: Christopher Duggan

Dass die elektronische Musik in ihren populären Formen seit den 90er Jahren die semantischen Räume unserer Welterfahrungen verformt hat, bestätigt „House“, eine Produktion der Gruppe L-E-V mit den Choreografen Sharon Eyal und Gai Behar - nicht nur. Die sechs Tänzer um Sharon Eyal verfügen über einen Bewegungscode, der sie in die Lage versetzt auf der Grundlage der elektronischen Musik die neuen Räume auch zu öffnen.

Stimmengewirr aus alter Kultur-Event-Zeit, bevor sich der Vorhang öffnet. Sharon Eyal nähert sich im schimmernden Cat-Suit der Rampe, Schnittstelle zur alten Welt. Im Techno-Groove von Ori Lichtik bewegt sie sich auf die Gäste, die in einer Black Box der Vergangenheit sitzen zu, mal zögernd, dann wieder scheinbar abgelenkt wie eine Katze, die sich zwischen Räkeln und Jagen noch nicht entschlossen hat. Der Techno-Sound ist für sie wie für die Katze das Rascheln der Blätter im Apfelbaum. Licht (Avi Yona Bueno) und Klang dienen keiner Bebilderung oder Darstellung, sondern sind genuine Elemente der vorgestellten Welt. Ja, aber die wollte man gerne benennen! In die persönliche Begriffsmenagerie heimbringen. Und einfach ist es ja wahrlich nicht, den notorischen Verkehrs-Assoziationen zu entraten, sich den Standfotos aus den Vorführräumen unseres Kopfkinos nicht hinzugeben. Sexy? Sicher. Ist erfahrungsgemäß nie verkehrt. Wo man eben nicht weiter weiß, reißen die Schubladen auf wie aus Körpern brennender Kritiker-Giraffen - was hiermit allerdings auch bewiesen wäre.

So oder so. Lassen wir also Schub- und Kinnlade fallen. Eine wirklich mächtige Anziehungskraft wohnt dieser unprätentiösen, ziellosen Distanziertheit inne. Die Verlangsamungen, die Bewegungs-Delays entsprechen den Lücken in der Elektronik, von wo aus der Groove wieder hervorbricht. Sechs Tänzer kommen nun auf die Bühne. Leon Lerus, Gon Biran, Keren Lurie Pardes, Douglas Letheren, Rebecca Hytting und Dominik Santia bilden einen kreisförmigen Apparat, der zu arbeiten beginnt. Eine anorganische Fabriksituation, Cyborgs, die sich ihrer Insektenvorfahren erinnern, gefaltete Hände, die nach oben stechen, um Nachschub zu holen. Erinnerungstraining vielleicht? Rekonstruktion von Herkunft?

Nach und nach schleichen sich menschliche Posen der Discowelt wie Bugs im Programm ein. Kussversuche, Dirty-Dance-Gehabe, ein Anfall amphetamingesättigter mutueller Onanie, und immer wieder das Viktoryzeichen. Rollende Augen, schimpfende Münder, schleckende Zungen, ein schickes Käppi - was man eben so bekommt, wenn man Spaß haben will. Die Souveränität der anorganischen Herkunft löst sich langsam auf, gipfelt kurz vor Schluss in einer Sequenz „echten“ 80er Jahre-Disco-Sounds. Es überkommt einen eine Art Barry-White-Grusel.

Kurz bevor man in retrograde Starre verfällt, dann ein wieder strenger Schluss. Im Hintergrund sind das erste Mal schemenhaft zwei bräunliche Quadrate aufgetaucht, Blöcke. Zwei der Tänzer davor strecken die Arme kerzengerade seitlich von sich, wie Kreuze im Gegenlicht. Man denkt an Vitruvius und das berühmte Bild von dem Mensch und seinen Maßen. Ein Bild der Humanität. Vorhang. Langer Jubel. Zu Recht!

Veröffentlicht am: 14.05.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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