Zur Krise der Münchner Kammerspiele

Noch eine Baustelle, oder doch schon Ruine?

von Michael Weiser

Demnächst auf dem Absprung: Anna Drexler und Katja Bürkle - hier in "Jagdszenen aus Niederbayern". Foto: JU/Ostkreuz

Es ist was faul im Stadttheater. Oder ist alles nur Theaterdonner? Die Kammerspiele produzieren derzeit Schlagzeilen und Debatten über sich selbst. Und provozieren nach Absagen und Abgängen vor allem eine Frage: Ist das noch eine Baustelle oder schon eine Ruine? Eine Bestandsaufnahme.

Wer zuspitzen wollte, könnte es so sagen: Bamberg könnte stemmen, woran München verzweifelt. Das E.TA.-Hoffmann-Theater in Bamberg jedenfalls arbeitet unverdrossen weiter an seiner Bühnenversion von Michael Houellebecqs „Unterwerfung“. An der Adaption jenes umstrittenen Romans also, an der die Münchner Kammerspiele vor kurzem ebenso krachend wie öffentlichkeitswirksam gescheitert sind. Nicht, weil sie sich mit der Inszenierung vor aller Augen verhoben hätten, nein; es kam nicht erst zur Premiere. Julien Gosselin, der Franzose, der erst 2014 auch das Münchner Publikum mit seiner Version von „Elementarteilchen“ begeistert hatte, gab an den Kammerspielen den Auftrag zurück. Wegen technischer Unstimmigkeiten, wie Intendant Matthias Lilienthal sagte. Anders hört sich das bei Gosselin an. "Ich gehe weg, weil man mich zum Narren gehalten hat", teilt er in einer E-Mail ans Ensemble der Kammerspiele mit.

Aus dieser Situation fand das Haus keinen Weg mehr – und damit war die Premiere geplatzt.

Was an sich ein Drama, aber keine Katastrophe wäre. Es wirkt trotzdem so: Weil diese Absage nicht so sehr ins allgemeine Lamento passt. Die Kammerspiele sind ein Jahr nach dem Amtsantritt von Intendant Lilienthal in die Krise gerutscht. Und die äußert sich – nicht ganz so plakativ, aber viel bohrender – in den Personalproblemen des Hauses. Vollzogene wie angekündigte Abgänge lassen das Ensemble der Kammerspiele – einst eines der besten im deutschen Sprachraum – derzeit wie eine Baustelle aussehen. Wenn nicht gleich wie eine Ruine.

Da bröselt etwas auseinander. Ein Publikumsliebling wie Brigitte Hobmeier verlässt die Kammerspiele – sie habe sich zuletzt in ihrer eigentlichen künstlerischen Heimat immer heimatloser, „gar wie auf dem Abstellgleis“ gefühlt. Was ist das für ein Theater, fragt man sich da, das eine Darstellerin wie diese stets und immerdar furiose Hobmeier auf der Ersatzbank sitzen lässt? Die „Süddeutsche“ gab die Antwort: ein Theater wie ein FC Bayern, der einem Robert Lewandowski keine Spielminute gönnte.

Der Vergleich ist ein Kunststück der postfaktischen Moderne. Weil er griffig ist, und weil er bei aller Griffigkeit nicht stimmt. Nicht hundertprozentig jedenfalls. Ein FC Bayern muss siegen. Ein Theater kann nicht siegen. Es kann nur wagen. Und ein großartiges Scheitern kann am Theater – immer noch großartig sein. Theater kann keine Antworten geben, es kann nur die richtigen Fragen stellen. Das tun die Kammerspiele, mitunter zumindest. Etwa mit einer Inszenierung von T. C Boyles Roman „América“, die – ganz im Sinne des Romans - über auftrumpende Vereinigte Staaten nachdachte, lange bevor der Namensgeber dieser Wortneuschöpfung - die finale Kür im Dezember vorausgesetzt - dann tatsächlich die Macht ergriffen hätte. Hätten wir da genauer hingesehen, wäre uns Donald Trumps Triumph nicht gar so dämonisch erschienen, nicht ganz so unwahrscheinlich. Diese Inszenierung bescherte mir persönlich das Deja vu des Jahres. Auf der Höhe der Zeit zeigte sich das Haus auch mit Yael Ronens „Point of No Return“. Also – nicht alles schlecht.

Noch mal innehalten - und dann weg? Brigitte Hobmeier (in "The ReSearch") Foto: Julian Baumann

Doch halt: Während wir unsere aufkeimende Sympathie mit den neuen Kammerspielen pflegen, treffen die nächsten Absagen ein. Katja Bürkle will gehen, die spröde, faszinierende Katja Bürkle, dazu die junge Anna Drexler, so famos, dass sich trotz des jugendlichen Alters das Wort vom „Talent“ absolut verbietet. Die Anna Drexler, die an der Seite des ebenfalls famosen Steven Scharf (noch vor Lilienthals Amtsantritt nach Berlin gewechselt) Molnars „Liliom“ zu einem Höhepunkt der Ära Simons machte. Haben die Kammerspiele keine Verwendung mehr für wirklich gute Schauspieler? Geht es nur noch um das, was gerade entsteht, oder was entstehen könnte? Ohne Rücksicht darauf, wer da gerade mit welcher Sogfalt mitmörtelt?

Gosselin kritisiert in seinem Schreiben Mangel an Sorgfalt, an Liebe auch fürs klassische Theater. "Ich mache nur alle zwei oder drei Jahre eine Aufführung. Ich setze alles daran, dass diese Aufführung die stärkste, die genaueste Arbeit wird, die möglich ist. Ich verweigere mich dem Gedanken, dass jede zweite Aufführung, die ich mache, auch mal daneben gehen kann, dass sie mittelmäßig oder schwach sein kann. Ich suche die Perfektion." Und eben die habe er nicht anstreben können. Es hört sich alles an nach einem Missvertsändnis, zwischen dem berührenden Theater-Zauberer und den Theater-Entzauberern des mittlerweile ganz schön pragmatischen Hauses an der Maxstraße. Gosseling schreibt es so: "Man hat mir gesagt, dass es darum ginge, eine Botschaft 'rüberzubringen'. Ich bringe keine Botschaft rüber. Ich suche nach Ästhetiken, nach Welten, und darin nach menschlichen Wesen, und ich hoffe, dass am Ende die Traurigkeit und die Schönheit dieser Wesen in diesen Welten etwas sagen könnte. Etwas, was außerhalb eines Sinns liegt. Außerhalb einer Politik. Außerhalb einer Botschaft. Etwas, was Schönheit ist. Und die Schönheit, im Theater, das glaube ich und darüber haben wir gesprochen, resultiert aus der Arbeit."

Baumeister oder Abrissbirne? Matthias Lilienthal, Intendant der Kammerspiele. Foto: Sima Dehgani

Dafür scheint, nimmt man diese Zeilen ernst, derzeit kein Platz mehr zu sein. Die Kammerspiele verändern sich. Wird man sie noch wiedererkennen? Womit wir bei der Frage nach dem Profil wären. Und da geschieht das Ärgernis. Die Kammerspiele laden freie Gruppen ein, sorgen für Konzerte und Diskussionen, setzen auf Performance, stellen den Prozess über das Ergebnis. Alles in Ordnung, alles legitim, alles anerkannte Äußerungen eines zeitgenössischen Theaters, das in der Konsequenz der Postmoderne sein eigenes Narrativ in Frage stellt.

Nur – das gab es in München vorher schon, nicht ganz so gut dotiert, nicht gar so hoch subventioniert – aber: Experimentelle Theatersprache wurde und wird auch in der freien Szene Münchens gesprochen. Nicht zuletzt im Festival Spielart. Jetzt also auch in den Kammerspielen. Das ist ja, verdammt, schon wieder so ein Vergleich - als würde der FC Bayern seine Champions League-Lizenz abgeben und einen auf St. Pauli machen. Immer lustig, nicht immer gut, aber stets fürbaß schreitend auf dem Weg vom geldigen Prachtboulevard an die Hafenmole – in diesem Falle mit genügend Kohle in der Tasche, um dort noch einen auf dicken Maxe machen zu können. Ob die Entglämmerten von dort den richtigen Dampfer erwischen? Es ist übrigens gar nicht immer unterhaltsam, den neuen Kammerspielen beim mühseligen Formulieren ihrer Fragen zuzuschauen. Es bleibt das unerwünschte Fragezeichen, die Kammerspiele stellen uns zur Zeit vor die Frage - nach ihrer Zukunft.

Es geht nicht um Skandal, um den provozierten oder einfach geschehenen Aufschrei. Der gehört ohnehin dazu. Als Frank Baumbauer irgendwann vor 15 Jahren seine Intendanz begann, tat er das mit einem Eklat. Luc Perceval inszenierte damals den „Othello“, eine Zumutung, unter dem Lärm schlagender Türen verließen viele Zuschauer den Saal. Zum Finale Baumbauers gab's diesen „Othello“ nochmals. Das Münchner Publikum hatte sich gewandelt, es war gereift, zumindest einen Schritt weiter gegangen, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Und die waren schon immer etwas gediegener als in Berlin, immer schon etwas mehr an der Kunst orientiert als an dem, was man hierzulande als "Wunst" beargwöhnt: Das Theater als Frage von Wille und Vorstellung, nicht ganz so sehr des handwerklichen Könnens. Jedenfalls, am Ende des allerletzten "Othello" ging das Licht aus, Baumbauer wurde auf die Bühne gebeten, das Licht ging in tobendem Applaus wieder an – und alle, alle Ensemblemitglieder hatten sich um Baumbauer versammelt. Wird es noch ein Ensemble geben, das sich dereinst um Matthias Lilienthal versammelt?

Wir werden in einigen Wochen nach Bamberg fahren. Zur „Unterwerfung“  (Premiere am 27. Januar 2017). Auch dort hat eine neue Intendantin, Sibylle Broll-Pape heißt sie, zum Amtsantritt vor einem Jahr das Personal-Tableau durcheinandergewirbelt. So weit wir informiert sind, scheint sie noch immer ein Ensemble zu besitzen.

 

 

 

Veröffentlicht am: 14.11.2016

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Wolfgang Z. Keller
16.11.2016 15:00 Uhr

Danke für diesen Artikel - ´s wird Zeit, dass das mit dem Bezahlen wieder funktioniert: Ich täte es nach wie vor gerne!

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