Diskussion zum Streit um die Kammerspiele

Hier sitze ich und will nicht anders

von Michael Weiser

Von links: Intendant Lilienthal, Kritikerin Dössel, Moderator Krüger, Kritiker Braunmüller, Ensemblemitglied Paulmann.

Sind die Kammerspiele in der Krise, oder sorgt Matthias Lilienthal dort für eben das Theater, das München braucht? Medien und Kammerspiele setzten sich auf dem Podium zusammen und diskutierten. Und kamen nicht zusammen. Der Streit um den Kurs der Münchner Kammerspiele: Er hat schon was von einem Glaubenszwist. Am Ende versprach Lilienthal etwas, oder er drohte, je nach Standpunkt.

Der Reformator ruhte in sich, die Arme oft verschränkt, der Blick schien mal von leichtem Ärger, mal von trotzigem Desinteresse zu zeugen. Ein bisschen wirkte es, als wolle Matthias Lilienthal Martin Luthers Ansage zum Fünfhundertjährigen der Reformation in einer ganz eigenen Performance nachstellen: Hier sitze ich und will nicht anders.

Ein Eindruck natürlich, mehr nicht. Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, hatte sich vor keinem Tribunal zu verantworten, es ging nicht um sein Leben. Er nahm lediglich an einer Podiumsdiskussion teil. Eine Diskussion im eigenen Haus, allerdings über ein Thema, das – darauf ist noch zurückzukommen - die Münchner Gemüter zu fast schon religiöser Inbrunst anspornt.  Eine Glaubenssache, in der es kaum durch Fakten belegbare Standpunkte geben kann, sondern Positionen, an die man glaubt. Oder eben nicht. Dazwischen geht nicht wahnsinnig viel.

Vielleicht war das der Grund, warum man in der ursprünglichen Angelegenheit nicht gar so viel erreichte.

Welches Theater braucht München? Das war die Frage. Was dabei herauskam, ganz am Ende, nicht als offizielles Fazit, sondern wiederum nur als Eindruck: Es gibt Leute, die wünschen sich die Kammerspiele so, wie sie es seit vielen Jahren kennen: Handwerklich höchstklassig, mit gelegentlichem Hang zum schrägen Ausritt. Und es gibt Leute, die stellen sich die Kammerspiele so vor: Schräg, mit gelegentlichem Hang zum hohen Handwerk. Die Unterschiede wirken vergleichsweise marginal, sie haben aber – siehe Luther – das Zeug zur Spaltung.

Ausgelöst hatte die Diskussion die Berichterstattung in Münchner Medien, allen voran die der Süddeutschen Zeitung. Vom Verlust des Ensemblegedankens war in diversen Texten die Rede (auch beim Kulturvollzug), von der Vernachlässigung des guten alten Sprechtheaters, von der Entfremdung altgedienter Kammerspielebesucher von dem Haus, das sie ein wenig auch als das ihre betrachten. Zu viele Performances, Diskussionen, Besuche freier Gruppen, die just im Moment ihres Engagements am großen Stadttheater-Tanker die Tugenden ihres Freibeutertums verlieren und – seltsam gelähmt – die Arbeit von Leichtmatrosen abliefern. Oder gleich von Bord gehen, wie Julien Gosselin, der seine Arbeit an der Theateradaption von Michel Houellebecqs „Plattform/Unterwerfung“ abbrach. Und dann die Abgänge von Hochkarätern wie Brigitte Hobmeier, die sich an den Kammerspielen nicht mehr gebraucht wähnt.

Geladen waren Christine Dössel (SZ) und Robert Braunmüller (AZ) sowie Annette Paulmann (Kammerspiele-Ensemblemitglied) und eben Lilienthal. Es moderierte Michael Krüger. Und man sprach so, wie man eben spricht, wenn man sich auf einmal in einem Streit befindet, den man so heftig gar nicht erwartet hätte: verteidigend, manchmal mit zitternder Stimme, manchmal grenzwertig aggressiv. Am gelassensten der Moderator, der das Kunststück fertigbrachte, einer Frage ziemlich lange Erläuterungen nachzusenden. Und dabei zu einer ganz anderen Frage zu gelangen, ohne dass sich ein Zuhörer noch der ursprünglichen Frage entsonnen hätte. Es wäre gar nicht so blöd gewesen, hätte sich der eine oder andere Diskussionsteilnehmer ähnlich flexibel oder vergesslich gezeigt.

Christine Dössel stellte die naheliegende Frage, ob neu gleich immer gut heißen muss. Und kritisierte Unterforderung, gleichermaßen von Schauspielern wie von Publikum. Robert Braunmüller befand die neuen Kammerspiele für „zu wenig radikal“. Die Kammerspiele spielten zu oft nach, was erwartbar sei. Sie rennten offene Türen ein, für ein Publikum, das nicht mehr bekehrt zu werden brauchte. Matthias Lilienthal räumte Fehler ein, nicht alle Produktionen seien gut gelaufen, andere aber doch. Die Auslastung benannte er bei etwas über 70 Prozent, er äußerte sich zufrieden. Und wies darauf hin, dass der manchmal schmerzhafte Prozess des Improvisierens auch schon solche Theater-Wunderwesen wie Christoph Schlingensief hervorgebracht habe. Annette Paulmann als Mitglied des Ensembles wirkte bei weitem nicht so souverän wie auf der Bühne. Nachvollziehbar, sieht man sich doch durch die Kritik der Presse grundsätzlich auch als Schauspieler in Frage gestellt. Der Abgang von Hobmeier und anderen? Schmerzhaft, aber doch nicht so abnormal für ein Theater.

Regisseur Nicolaus Stemann saß nicht auf dem Podium. Er äußerte sich im öffentlichen Teil und betrieb Medienschelte - mit einem wohlfeilen Vorwurf:  Sei ja doch Kampagne, was in den Medien stehe, eine „postfaktische Diskussion“. Das wiederum sehen viele Menschen wohl anders: Ja, es gab eine Reihe von Zuschauern, die an diesem Abend tiefes Missvergnügen mit den neuen Kammerspielen äußerten, mit dem Zuviel an Spielerei, mit dem zu wenig an Relevanz. Die Süddeutsche scheint demnach eben doch nicht im Trüben gefischt zu haben: Die Krise der Kammerspiele hat etwas damit zu tun, dass ein Teil des Publikums Lilienthals Weg nicht mehr ohne Widerspruch mitgehen will.

Das wichtigste Ergebnis des Abends: Theater kann provozieren, es bewegt, es reisst die Menschen mit. Sebst, wenn es sich um sich dreht. Eine ausverkaufte Spielhalle, viele Zuschauer mehr an anderen Orten, an die die Diskussion übertragen wurde. Es war dies das wertvollste Zeichen für das Leben an und mit den Kammerspielen.

Es wird weiter Gesprächsbedarf geben, davon darf man ausgehen. „Das Experiment beginnt erst“, sagte Lilienthal noch. Man kann's als Versprechen nehmen oder als Drohung. Es schien an diesem Abend, als gebe es im Moment nichts dazwischen.

Warum nicht das eine machen, ohne das andere zu lassen? Experimente, Offenheit für Geflüchtete aus Syrien und dazu das epische Theater, das doch - siehe Gosselin - alles andere als verzopft ist. So aber ließ der Reformator viele Zuschauer ratlos zurück. Es geht ja nicht um die Seligkeit. Sondern um ein Theater, mitten in München.

Veröffentlicht am: 24.11.2016

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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