Michael Thalheimers Richard III. am Resi

In den Rindenmulch mit allen Feinden

von Michael Weiser

Drei Frauen streiten, wer an dieser Mordgestalt Schuld hat: Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth und Sibylle Canonica als Margaret reden über Richard Norman Hacker. Foto: Matthias Horn

Ein Großdrama für Münchens größtes Theaterschiff: Am Residenztheater ist Shakespeares „Richard III.“ zu sehen. Sehenswert nicht nur wegen der guten Schauspieler.

Vom Argonauten-Anführer Jason ist unter anderem bekannt, dass er Drachenzähne in Ackerfurchen streute, und dass diese Saat hinter dem säend Schreitenden Bewaffnete aus dem Boden sprießen ließ. Es ging kürzlich am Residenztheater in München weder um Jason noch Medea noch die Argonauten, an die Sache mit den Drachenzähnen aber fühlte man sich erinnert. Weil die Akteure in Michael Thalheimers Inszenierung von „Richard III.“ an die Rampe schreitend aus dem Boden wachsen.

Bühnenbildner Olaf Altmann verlegt dieses Paradestück für einen Schurken in die Dunkelheit eines Biomasse-Lagers. In einem bis zum Schnürboden mit Holzplanken ausgekleideten Schacht schreiten und ringen Richard III. sowie seine Mit- und Gegenstreiter auf anthrazitgefärbten Spänen. Aus den grundlosen Tiefen dieses Bassins wachsen die Akteure hervor, in ihnen verschwinden sie. Kurz, Altmann hat für das Werden und Vergehen, für die Geschichte und ihren Humus aus Toten und Besiegten, ein starkes Bild gefunden. Mancherlei Blüten treiben in Thalheimers Inszenierung aus diesem Humus; die schillerndste und böseste ist natürlich die von Norman Hackers Richard. Und der sagt gleich, was ihn zum Schurken macht: das Rollenfach, nicht Gestalt oder schwere Kindheit. Von wegen „fein beredte Tage“, die es gut erzogen „zu verkürzen“ gilt: „Weil ich den Liebenden nicht geben kann, hab’ ich mich für den Drecksack entschieden.“

Der Böse ist ein Böser, weil es ihn geben muss. Oder weil ihn einer geben muss, nicht aus einem bestimmten Grund, aus diesem simplen Programm heraus: Ich bin ich selbst allein. Norman Hacker spielt den Bösen wie einer, der den Bösen spielt und sich von der Rolle verführen lässt. Ist es auch Wahnsinn, so macht es doch Spaß. Wenn Richard nach Buckingham ruft, leise, drohend, wispernd und flüsternd, dann berauscht sich jemand an seiner Macht, er dreht und wendet sie wie ein schönes neues Spielzeug: „Bucking – ham! Bucking – ham.“ Es geht überhaupt in dieser phasenweise starken Inszenierung um das Wort als abgegriffene Münze. Marcel Heupermann gibt einen wirklich brutalen Auftragskiller. Eines seiner Opfer hält noch eine Abschiedsrede, bis ihm Heupermann als Catesby die Luft abdreht. „Bla – bla – bla – bla.“ Metallisch schnarrt das durch das schockstarre Residenztheater, eine jede Silbe eben nicht Blabla, sondern ein schartiges Messer.

Die Verkrüppelung, der Buckel, die gequetschte Stimme Richards ist Werkzeug des Schauspiels. Den Krüppel gibt es, wenn er es für nötig hält. Mordbefehle gibt er starren Blicks und stolz aufragend, ein Politikerdarsteller und Gestaltenwandler, in dem Figuren wie Ubu, Trump und Boandlkramer ineinanderfließen. Nur dass der Boandlkramer ein menschlicher Tod ist, Richard aber ein tödlicher Mensch. Das ist erst faszinierend, nutzt sich gegen Ende aber ein wenig ab, weil neben dieser Richard-Maschine andere Figuren wie die Lady Anne der famosen Anna Drexler nicht recht zur Geltung kommen. Sogar der sonst rampensauverdächtige Thomas Schmauser wird so zu einem sehr subalternen Buckingham. Altmeisterin Sibylle Canonica ist die düstere Prophetin, eine Margeret, die immerhin nicht den Weg alles Fleisches gehen muss - in den Staub -, sondern quer über die Bühne stakst. Für den Rest gilt: Aus dem Boden wachsen, mit Richard streiten, kehrt – und ab in den Rindenmulch. Buckingham immerhin überlebt, mehr noch: Er entzündet den Aufstand gegen Richard. Zeit wird’s, mit diesem Horrorclown ein Ende zu machen.

Ein düsterer Abend, trotz Momenten des Lachens. Richards Knochen wurden vor einiger Zeit von Archäologen unter einem Parkplatz in Leicester gefunden. Dass Leicester City danach englischer Fußballmeister wurde, nahm mancher für einen Hauch von Humor der Geschichte. Dieser Böswicht ist also tot, ganz gewiss, seine Wiedergänger aber leben. Die Drachensaat ist aufgegangen und niemand in Sicht, der ihr wehrte.

Nächste Termine: 17. und 18. Dezember 2017, 7., 8., 30. und 31. Januar 2018.

Veröffentlicht am: 16.12.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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