"Florenz und seine Maler" in der Alten Pinakothek wird verlängert

Die Entdeckung der Welt

von Christa Sigg

Filippino Lippi, Bildnis eines jungen Mannes, um 1480/85 Holz 52,1 x 36,5 cm Washington, National Gallery of Art, Andrew W. Mellon Collection © Courtesy National Gallery of Art, Washington, Andrew W. Mellon Collection

Mit 120 Werken zeigt die Alte Pinakothek in München, dass die Florentiner Renaissance-Malerei selbst ein von Bildern überflutetes modernes Publikum mächtig zum Staunen bringt. Andächtig beten, das muss in Florenz schier unmöglich gewesen sein. So anziehend anmutig schienen plötzlich die Madonnen, so irdisch verspielt das Jesuskind.

Alles war in Bewegung geraten. Statt ihr Leid starr zu erdulden, übten sich selbst die Märtyrer im lässig-eleganten Kontrapost. Und kam Gefolge hinzu wie bei den beliebten Dreikönigsbildern, dann konnte es schon passieren, dass fromme Kirchgänger gleich noch die örtliche Hautevolee vor der Nase hatten. In der Stadt der Medici, diesem heftig brodelnden Innovationslabor des Quattrocento, war selbst die klerikale Kunst nah ans Leben gerückt. Das ließ die Menschen vor weit über 500 Jahren nicht kalt, und das wirkt bis heute faszinierend.

Ob man sich nun in den Uffizien zu Leonardos „Verkündigung“ durchschiebt oder jetzt vergleichsweise bequem durch die Alte Pinakothek spaziert. Denn hier wird der neue Sonderausstellungsbereich im Westtrakt mit einer ganz erstaunlichen Großschau eröffnet: 120 Gemälde und Zeichnungen, dazwischen Skulpturen wie ein tanzender Putto von Donatello, vermitteln die Geschichte der Florentiner Renaissance-Malerei. Sie nimmt ihren Anfang bei Giotto, dem Wegbereiter dieser (Rück)Eroberung des Raums und eines plastisch modellierten Personals, und endet beim universal begabten Leonardo da Vinci. Doch unabhängig von sämtlichen Gattungen gab es eine entscheidende Grundlage: die Zeichnung. Deshalb beginnt diese Entdeckung der Welt und des Individuums stets mit dem Disegno. Ob der Goldschmied Maso Finiguerra einen – natürlich zeichnenden – Kollegen festhält oder Domenico Ghirlandaio ein Altarbild bis in die Gestik der Hände hinein austüftelt. Und die Linie oder besser die klaren Konturen sind ja auch das, was die Florentiner charakterisiert.

Dass nun die Alte Pinakothek, die man eher mit Dürer und Rubens in Verbindung bringt, diesen außergewöhnlichen Renaissance-Parcours ausbreiten kann, hat neben den zahlreichen Leihgaben einen besonderen Grund. Man besitzt hier zwar nicht viele, dafür aber markante Gemälde aus dem Florenz des 14. bis 16. Jahrhunderts und kann eine durchgehende Entwicklung nachzeichnen. Das hat vor allem mit dem sammelwütigen Ludwig I. zu tun, der bereits vor der Thronbesteigung seine Späher ausschwärmen ließ. In Florenz war das der badische Kunsthändler Johann Baptist Metzger, der sich einem üppigen Angebot gegenüber sah – die Säkularisation zwang Kirchen und Klöster zu beträchtlichen Verkäufen. Und nur zu gerne hätte dieser Connaisseur nach einer „Venus von Botticelli in seinem erkennbaren Stil“ gegriffen. Doch ausgerechnet der schönen Frauen so gar nicht abgeneigte Ludwig war ausschließlich auf Religiöses aus. Schade eigentlich.

Andererseits kam auf diese Weise Sandro Botticellis späte „Beweinung Christi“ (1490/95) nach München. Und seit der umfangreichen Restaurierung hat sich dieser Kauf erst recht als Coup erwiesen, denn die scheinbar düstere Tafel, in der man bis vor kurzem einen stilistischen Wandel unter dem Eindruck des Bußpredigers Savonarola dokumentiert sah, leuchtet jetzt in den tollsten Farben: vom feuerroten Umhang des Johannes, der die ohnmächtige Gottesmutter sanft umfängt, bis zum warmen Safrangelb, in das sich der Heilige Petrus mit seinem Himmelsschlüssel gehüllt hat. Dieses Altarbild ist so präsentiert, wie man es sich mit Seitenflügeln und Predella in seiner ursprünglichen Umgebung vorzustellen hat und bringt ganz nonchalant in Erinnerung, dass es bei aller Berufung auf die Antike und den Humanismus immer noch die Kirche war, die weite Teile der Kunstproduktion bestimmte. Andachtsbilder hatten Hochkonjunktur und die Gottesmutter schien allgegenwärtig, gerade in den Schlafzimmern, wo geboren und gestorben wurde und wo selbst die Skrupellosesten unter den Bankiers betend in die Knie gingen.

Eine Art Must-have der besseren Kreise waren dann die Madonnen der Künstlerstars wie die mädchenhaft zarten Wesen des Fra Filippo Lippi oder Andrea del Verrocchios - ahnungsvolle Marien mit ihren modischen Raffinessen wie einem fein drapierten Schleier über der angesagten hohen Stirn. Man rang um Prestige in dieser Stadt des Geldes und auch des Geistes. Das dringt aus sämtlichen Porträts der Schönen und Reichen, die sich jetzt um Höhepunkte wie Filippino Lippis Jüngling aus Washington (1480/85) gruppieren oder Sandro Botticellis (vermutliche) Smeralda Brandini aus London, die dem Betrachter – das ist ein Novum – frontal ins Auge blickt. Dass solche Spitzenwerke in München gelandet sind, ist auch einem langjährigen Forschungsprojekt zum Bestand geschuldet. Die Queen spendierte immerhin eine Pferdestudie von Leonardo, während die Uffizien sogar Botticellis „Anbetung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige“ reisen ließen. Mit jedem Quadratzentimeter demonstriert dieses Frühwerk, weshalb Florenz im 15. Jahrhundert so unverschämt florierte.

Das reicht vom Ehrgeiz unzähliger Künstler, die wie Botticelli in den Malerolymp drängten, bis zu den grenzenlosen Ambitionen der Auftraggeber. Gerade die Medici, die durch geschicktes Netzwerken und gnadenloses Intrigieren zu sagenhaftem Reichtum gelangt waren, kümmerten sich lange nicht nur um ihr privates „Schöner Wohnen“. Viel mehr zelebrierten sie öffentlich wirksames Mäzenatentum, das schließlich auch konkurrierende Clans wie die Pitti und Strozzi angestachelt hat. Und selbst ihre Parteigänger legten sich mächtig ins Zeug. Der Makler Zanobi del Lama etwa bestellte Mitte der 1470er Jahre für seine Grabkapelle besagtes Dreikönigsbild, in dem gleich drei Generationen der Medici die herausragenden Positionen im Zug aus dem Morgenland übernehmen. Unverfroren ist gar kein Ausdruck. Andererseits nutzt der junge Botticelli die Gelegenheit, jede Faser seines Könnens vorzuführen: im Komponieren der Farben und im fast endlosen Variieren der Haltungen und der Mimik. Alles ist miteinander verwoben, und über diesem so irdischen Plaudern und Grübeln und Staunen über das Wunder der Menschwerdung Gottes thront eine Heilige Familie, die über den Dingen steht und doch ganz von dieser Welt ist.

Mehr geht nicht. Und dass solche Perfektion nur wenige Jahrzehnte später durch gezerrte Proportionen, wilde Verrenkungen und falsche Perspektiven torpediert werden musste, ist in diesem frühen Botticelli eigentlich schon angelegt.

„Florenz und seine Maler“, verlängert bis 3. Februar 2019 in der Alten Pinakothek, München, Barerstraße 27, Di bis Mi 10 bis 21, Do bis So 10 bis 18 Uhr, Katalog (Hirmer) 34,90 Euro Euro

Veröffentlicht am: 02.01.2019

Über den Autor
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image