Die "Möwe" von Tschechov am Cuvilées-Theater

Diese Müdigkeit, diese unglaubliche Müdigkeit

von Michael Weiser

Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina. Foto: Federico Pedrotti

Alvis Hermanis inszeniert Anton Tschechows "Möwe" und lässt die Zuschauer ein wenig ratlos zurück: Was, gleich nochmal, wollte Hermanis uns sagen, was wir nicht schon längst von Tschechow vermutet hatten?

Es gab zweimal Gelegenheit, ein Missverständnis zu beobachten, und zwar zwischen Akt eins und zwei und zwischen Akt drei und vier. Immer dann also, wenn das wärmere Bühnenlicht, das alles in einen sanften Sepiaton hüllte, einem Halbdunkel wich, so kühl wie Mondlicht (Licht: Markus Schadel). Dann machten die Zuschauer im Cuvilliés-Theater ihrem angestauten Hustenreiz Luft. Es wurde gekeucht, gekläfft und geschneuzt, was das Zeug hielt, warum nicht, Umbaupause, da wird man doch wohl mal dürfen.

Durften erkältete Zuschauer auch, selbstverständlich. Aber eine reine Umbaupause war das ziemlich sicher nicht. Zwar sah man im fahlen Licht Menschen Möbel rücken, aber eben nicht das technische Personal des Staatsschauspiels, sondern die Schauspieler selber. Man darf die angebliche Pause also als Teil der Inszenierung von Alvis Hermanis sehen: Die Schauspieler von der Rolle, bei körperlicher Arbeit zu betrachten, ein Einbruch von Wirklichkeit in ein grundsätzlich verträumtes, wenn nicht verpenntes Leben.

Man musste genau hinschauen, wenn man sich mit guter Laune über den reichlich drei Stunden und fünfzehn Minuten langen Abend bringen wollte. Denn eigentlich passiert nicht wirklich viel. Tschechow ist ein ganz großer Dramatiker, aber gewiss kein Vertreter des Actionkinos. Und diese "Möwe" im Cuvilliés-Theater kam selbst für Tschechowsche Verhältnisse sehr entschleunigt daher. Auch deswegen, weil Alvis Hermanis' beste Einfälle in diesen Pausen und im Bühnenbild zu entdecken waren. Das Bühnenbild: Drei holzgetäfelte Wände, ein Salon von Qualität, darin ausgesuchte Möbelstücke, die aber insgesamt nicht zusammenpassten. Alles zusammen: ein Provisorium, das wie ausgeschnitten unter dem gähnenden Dunkel des Schnürbodens ruhte. Auffällig waren auch die Kostüme, wunderbar elegant geschnitten, wie für einen Kostümfilm gemacht (Kristīne Jurjāne).

Der Blick aufs Detail lohnt auch bei den Schauspielern. Etwa, wenn Sophie von Kessel als Schauspielerin Arkadia demonstriert, wie gut sie sich doch in Form gehalten hat. Der Sprung von der Sitzbank missrät schmerzhaft, in die Schritte danach legt von Kessel allen Schmerz des Stauchens und des Alterns. Das ist sehr, sehr tragisch und ziemlich komisch, das ist also sehr nah bei Tschechow, der seine Dramen ausdrücklich nicht als Tragödien gespielt sehen wollte, sondern als Komödien, denen man das Tragische umso besser anmerkt. Es ist nicht der einzige gute Augenblick von Sophie von Kessel, beileibe nicht, wie überhaupt alle an diesem Abend bemerkenswert gut bei der Sache sind, als Ensemble, wie man es früher oft an den Kammerspielen sehen durfte. Angemerkt sei allerdings, dass die Schauspieler über weite Strecken schlecht zu verstehen waren. Offenbar war das Bühnenbild nicht nur schön anzuschauen, sondern auch zu sehr zugestellt.

Natürlich bekommt Tim Werths am meisten Beifall, das liegt auch an der Rolle. Aber nicht nur. Seinen Lehrer Medwedenko hat er als spitzweghaften Kauz angelegt, das geht an so, das ist sehr komisch, schon wieder, und dann sehr traurig. Seine Frau (Anna Graenzer) hält ja am Ende noch weniger von ihm als am Anfang, er verabschiedet sich, einen Globus streichelnd, eine sehr anrührende Variante vom Großen Diktator.

Wie einen diese Charaktere über diesen langen Abend immer wieder berühren, ist das Ereignis dieser Inszenierung. Marcel Heupermann ist ein ganz und gar überzeugender Kostja, ein großer, pummeliger, unglücklicher Junge, der schreibt, um seiner Liebe zu imponieren, um am Ende festzustellen, dass er gar nicht weiß, was zu beschreiben er für wert hält. Das kann gar nicht gut enden, man leidet mit, und das ist auch gut so. Denn eigentlich sind auch wir alle nah am Wasser jenes Sees gebaut, den er sich als Kulisse seines kleinen Theaterstückes wählt. Da kommt das Mitleiden vom Erkennen, wie auch bei Sorin. Er belügt sich nicht, weiß, dass sein Leben ein verschwendetes war. In der ernüchterten Rückschau auf das, was war, was hätte sein können, gewinnt diese Figur mit Rene Dumont so etwas wie Größe. Er und Kostja sterben kurz hintereinander, der Junge und der Alte, der Generationenwechsel scheitert also krachend, und da schien ganz am Ende eine Möglichkeit auf, was Hermanis noch aus dem Abend hätte machen können: Etwa eine Jugend zeigen, die in einer Welt der Alten ihre Träume nicht verwirklichen wird.

Der Außenseiter und Herr dieser Runde ist Michele Cuciuffos Trigorin, erfolgreicher Schriftsteller, der sich über sein Werk keinen großen Illusionen hingibt. Ein wortkarger Schriftarbeiter, produktiv und doch "kraftlos", wie er in einem Ausbruch Nina gegenüber zugibt: beinahe die stärkste Emotion dieses Abends, sie ist vom Trieb diktiert und erzählt von Schwäche. Was einem wiederum etwas Wichtiges über Tschechows Figuren erzählt.

Die Akteure des Residenztheaters spielen überwiegend zurückhaltend, mit sehr präziser Geste, mit der Art von Ökonomie und Effizienz, die Tschechow vermutlich gefallen hätte. Nina heult und schluchzt nicht in einer Tour, wie es Tschechow bei der Uraufführung durch Stanislawski beklagte, Mathilde Bundschuh zerbröselt sehr still. Ihr Abschied von Kostja ist sicherlich einer der Höhepunkte eines Abends, dem es aber insgesamt an Höhepunkten fehlte. Hermanis bietet gute Schauspieler auf. Aber so richtig viel wusste er mit ihnen nicht anzufangen. Diese Müdigkeit, diese unsagbare Müdigkeit der Bühnenfiguren: Der Zuschauer spürte sie immerhin mitunter geradezu körperlich.

Wir erinnern uns an Alvis Hermanis "Späte Nachbarn", seinerzeit an den Kammerspielen. Extreme Feinzeichnung, Entschleunigung, in der Summe beeindruckend. Hier stand am Ende eher Erschöpfung. Nicht an die Wand gefahren, schon gar nicht an die vierte; aber auch nicht neu entdeckt: Wenn Hermanis an diesem Abend etwas bewiesen hat, dann möglicherweise, dass Tschechow den Rückzug auf die Bebilderung genau so wenig verträgt wie seinerzeit Stanislawskis Druck auf die Tränendrüse.

 

Veröffentlicht am: 25.01.2019

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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