"Amsterdam" von Maya Arad Yasur am Volkstheater

Wenn Stöckelschuhe im Gleichschritt marschieren

von Michael Weiser

Philipp Lind, Nina Steils und Jonathan Hutter (von links). Foto: Gabriela Neeb

Eine Frau erhält eine Rechnung aus dem Jahre 1944, sieht nicht ein, dass sie zahlen soll - und reist zurück in die Vergangenheit. Ihre Recherchen bringen keine Gewissheiten, im Gegenteil: In Sapir Hellers Inszenierung von Maya Arad Yasurs Stück "Amsterdam" am Volkstheater bleiben verstörende Fragen über Geschichte, ihre Aufarbeitung und das Scheitern daran. Eine Lehrstunde? Schon. Aber furios. Und mitunter ziemlich komisch.

Let us entertain you: Ein Bogen aus Eisengestänge beherrscht im Nachtkastl des Münchner Volkstheaters die Bühne, bestückt mit Glühbirnen. Alles ist bereit für eine Show, die von einer Frau erzählt, von der Geschichte und ihren Abgründen, und was die beiden miteinander zu tun haben - oder eben nicht. Drei Protagonisten stehen bereit für eineinhalb Stunden über Nazi-Terror, Kollaboration, Verstrickung und Fremdenfurcht, in denen sie Guido Knopps "History"-Format einfach an die Wand spielen. Sie sind eben alerter, heischen noch ein bisschen sensationeller nach Aufmerksamkeit als der Erzählonkel aus dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Über etwas zu erzählen und es gleichzeitig ins Dunkel des Geheimnisses zu hüllen, das beherrschen sie sogar noch viel besser. Nina Steils, Jonathan Hutter, Philipp Lind werfen sich mit aller Spielfreude und Akrobatik in diesen Abend, der seine junge Regisseurin Sapir Heller zu einer heißen Kandidatin für das hauseigene Festival "Radikal Jung" macht.

Die Geschichte: Eine junge israelische Violonistin erhält eines Tages einen brisanten Brief von den Amsterdamer Stadtwerken - eine Gasrechnung aus dem Jahre 1944. 1700 Euro, horrend viel. Sie stellt Fragen und geht immer weiter zurück, bis zum Ursprung dieser Rechnung. Und die liegt tief in einem dunklen Kapitel der Niederlande: Eine ferne Vormieterin, Amsterdamerin, dem Tod im Vernichtungslager so eben entkommen, hätte sie ursprünglich zahlen sollen, ausgerechnet sie, die Jüdin, ausgerechnet eine Gasrechnung! Sie weigert sich. Und die Mahngebühren summieren sich, bis zu den besagten 1700 Euro der Gegenwart. Die Musikerin erfährt noch mehr. Etwa, dass seinerzeit der eigene Ehemann die Frau an die Gestapo verraten haben muss. Hatte er einen Grund, einen halbwegs nachvollziehbaren vielleicht sogar?

Wir folgen Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind durch einen Geschichtskrimi, der eine eindeutige Lösung aber verweigert. Die Musikerin macht sich an die Recherche, aber die Drei erzählen die Geschichte nicht linear, sondern blenden zurück, ergänzen, fallen einander ins Wort, widersprechen einander. Sie tragen keine Namen, sind auch keine wirklichen Bühnenfiguren, sondern die Zungen des Textes, in einem Chor mit drei Stimmen, der verschiedene Melodielinien verfolgt, um dann und wann wieder zusammenfinden. Das Thema: Wann wird ein Ort zur Heimat und wie wird er einem fremd? Die Protagonistin in Maya Arad Yasurs Stück fühlt sich auf einmal selber nur geduldet. Die normalsten Situationen lassen auf einmal Abgründe erahnen. Soll sie ihr Kind in diese Umwelt gebären? Wo ist Sicherheit, wenn der Boden unter den Füßen zu wanken scheint?

Da lauscht sie dem Klappern ihrer Schuhe über das Pflaster, und unversehens wird aus dem Stöckeln einer Frau der Marschschritt von Wehrmachtssoldaten. "Links, zwo, drei - klack" - eindrucksvoll überlagern da einander die Echos von Gegenwart und Vergangenheit. Die Männer hinter ihr, in der Schlange an der Supermarktkasse: Beobachten die sie, womöglich, weil sie Jüdin ist? Wie verhält sie sich gegenüber dem Frauenarzt? Behandelt er womöglich Juden - anders?

Nichts ist eindeutig. Das ist eine Stärke des Abends. Noch dazu ist er mit der Führung der drei Stimmen so musikalisch wie, man traut es sich kaum zu sagen, komisch. Wann immer das Wort "Genozid" fällt, verordnen die dauergrinsenden drei Akteure sich eine Schweigeminute. Und legen - so viel Show muss sein - eine Pirouette aufs Parkett. Rufen: "So sei es!" Amen heißt das, könnte also ein heiliges Gelöbnis zum Gedenken sein, kann aber auch einfach nur "Ja und Amen" bedeuten, Vergangenheitsbewältigung als bloße Pflichtaufgabe. Das ist zweideutig, witzig und angetan, einem das Lachen im Halse zu ersticken.

Das Stück von Maya Arad Yasur, Jahrgang 1976, in Israel und Amsterdam lebend, gewann den Werkauftrag beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Es handelt sich bei diesem Stück um eine komplexe, nicht gerade einfach zu beschreitende Textfläche, auf der Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind aber geradezu tanzen. Mit Lust und spürbarem Spaß machen sie aus diesem Abend ein Ereignis. Als Jonathan Hutter in die Rolle der niederländische Königin schlüpft und zu einer Rede anhebt - "staatstragender, bitte" - verschränken sich Nina Steils und Philipp Lind zu einem Thron. Es wird, jaha - Showtime! - einem schon nicht langweilig in "Amsterdam". 

Ein schwieriges Thema, leichtfüßig verhandelt, aber mit langem Nachhall: Sapir Heller, 1989 in Israel geboren, hat mit dieser deutschsprachigen Erstaufführung eine intelligente, ganz und gar nicht larmoyante und gleichzeitig nachdenkliche Inszenierung auf die Spielfläche des Nachtkastls gestemmt. Ähnliches ist ihr bereits am Theater in Hof gelungen, zur Freude des sonst nicht gerade experimentierfreudig eingeschätzten Publikums dort. Das lässt noch Einiges erwarten, fürs erste aber empfehlen wir einen Abstecher ins Volkstheater, zu "Amsterdam", im Februar am 1., 2., 3., 8., 9. und 21. Februar, weitere Termine in März und April 2019.

Veröffentlicht am: 01.02.2019

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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