Michael Wüst über starke Frauen 2019

Alles ganz schön apokalyptisch

von Michael Wüst

Fran Cité, №78, 3/2017, historique, Jeanne d'Arc

Megan Rapinoe, Spielführerin der amerikanischen Fußballmannschaft, soll nach dem Sieg bei der WM gesagt haben, the only thing he can, I  can´t -  he can kiss my ass. Damit hatte sie nach dem Sieg ihrer Mannschaft, räusper Frauen-Mannschaft, Fraumannschaft, Ballfrauschaft - oder wie kann es gehen? - ihres Teams natürlich! nochmals furztrocken, um im Hintereingangs-Milieu zu bleiben, unterstrichen, auf eine Ehrung im "fucking White House" mit ihren Fuß-Ballerinas gerne zu verzichten. Meanwhile, auf der anderen Seite des Atlantiks...

...gab es dieser Tage für den englischen Frisuren-Clown - vielleicht sollte er sich mal das Haarspray von Trump schicken lassen - nun eine fette Breitseite, deren Druck seine Pracht wohl kurz in die Facon einer Langborsten-Klobürste verwandelt haben dürfte. Richterin Brenda Hale am Supreme Court, dem obersten englischen Gericht, verkündete den einstimmigen Spruch der elf Richter zur verordneten Parlaments-Zwangspause. Die Struwwel-Prorogation war damit in die Tonne getreten. Brenda Hale wirkte dabei umso kühler, als am Kragen ihres Pullovers derweil die Brosche einer fetten Spinne prangte, wie ein sarkastisches Arcanum der Macht. Das war wirklich sehr amusing royal.

Nun hat auch noch die große Lady des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi den Anstoß zum Impeachment Trump's gekickt. Vor allem aber begeistern neben solch institutionell gesettelter Frauenpower spätestens seit 2014, als die Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai im Oktober 2014 mit 16 Jahren den Friedensnobelpreis verliehen bekam, junge Frauen die globalisierte Welt, deren Engagement dem für das Kapital unnützen Teil der Menschheit, den ausgebeuteten Kindern, Arbeitsnomaden, Migranten und Opfern von Amokläufen dient und dem Kampf gegen die Ursachen der Exklusionen, des kapitalistischen Aussatzes. Es war wie ein Wunder, als Malala zwei Jahre nachdem ihr Taliban in Kopf und Nacken geschossen hatten, den Preis mit einer rührend aufrechten und selbstbewussten Rede in Empfang nahm.

In der rasenden Zirkulation des Kapitals, das mit seinen globalistischen Tools Technik, Markt, Tourismus, Information, Finanzartikel die alten universellen Werte Menschenrecht, Demokratie, Aufklärung, Humanismus zunehmend zur Gesichtslosigkeit der Indifferenz zentrifugierte, erschienen diese jungen Frauen. Emma González wurde zum Gesicht der Schülerproteste und der Gun-Control-Bewegung nach dem Schulmassaker von Parkland am 14. Februar 2018. Als sie nach der Namensnennung der Opfer 6 Minuten und 20 Sekunden schwieg - solange dauerte es am 14. Februar bis 17 ihrer Kollegen getötet waren - schwiegen mit ihr Hunderttausende. Auch da gab es dann einen Preis, den Stuttgarter Friedenspreis.

Nach Carola Rackete, der Kapitänin, die mit ihrem Schiff, Sea-Watch 3, im Juni dieses Jahres 53 Mitglieder des unnützen Teils der Menschheit aus dem Mittelmeer gefischt hatte und gegen den Willen des Populisten Matteo Salvini, der gerade die Neuwahlen-Keule schwang, um sich dabei selbst die Nase zu verbeulen, in den Hafen von Lampedusa gebracht hatte, kamen noch weitere Kapitäninen. Das Parlament von Katalonien verlieh ihr im September 2019 eine Ehrenmedaille. Die Laudatio hielt Pep Guardiola, der frühere Trainer vom FC Bayern. Auch irgendwie strange. Diese Carola Rackete ist bekennende Anhängerin der Graswurzelbewegung Extinction Rebellion, die sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen und das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise einsetzt. Finanztechnisch ließe sich da entgegnen, dass natürlich auch auf den Untergang von Humankapital gewettet werden kann, sofern eine Kreditausfallsversicherung für eine Corporated Identity des Humankapitals vorhanden, beispielsweise Plantagen oder Kobaltbergwerke. Man spekuliert nämlich nicht mehr über den Tod, sondern mit ihm. Man hegt ihn gewinnbringend ein.

Tatsächlich, ein eigentümlich unbewusst faustischer Trieb scheint das Kapital erfasst zu haben. Der könnte dem Kapitalismus sogar schaden. Aber alles ist at Risk. Und Wachstum muss ewig wachsen, Anfang- und Endelose Rhizome in Eternas. Hat das Kapital Krebs? Top, riskieren wir's. Wir vertrauen auf optimale Zirkulationsgeschwindigkeit in Nanosekunden, um dem Tod unseres Wirts im letzten Moment von der Schippe zu bringen. Darauf haben wir nämlich gewettet. Jetzt kommt ja auch der Quantencomputer, der wird's schon richten. Bisschen mit Raumzeit traden. Das ist alles ganz schön apokalyptisch. Clowns und Komiker regieren die Welt wie Entsprungene der King-Romane: Über allem Es, das Kapital. Junge Frauen, Mädchen, fast Kinder predigen die Extinction. Und Greta Thunberg erscheint wie eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Jeanne d´Arc. Ihre Rede beim UN-Klima-Gipfel ist hochgradig anrührend und gleichzeitig entsetzlich. Zwergenhafte Gefährlichkeit verbindet sich mit messianischem Anspruch. "We draw the line". Sie nagelt's an die Tür der UN. Die eingeschlossene Gesellschaft amüsiert sich.

Draußen bricht eine eigene Volksreligiosität in den Netzen aus, ein digitaler Kinderkreuzzug mit erwachsenen Geißlern als Begleitung. Dann ein ganz starker Moment:"...because if you really understood the situation and still kept failing to act, THAN YOU WOULD BE EVIL. Da kriegt man eine Gänsehaut. Beim allergrößten Respekt vor diesem Mädchen, diese religiöse Qualität, die man hier gar nicht verunglimpfen will, macht einen unruhig. Wieder kommt es einem vor als ginge eine Apokalypse mit messianischer Erwartung einher, der Parusie. So war das nach Golgatha. Die Zeit des Milleniums, die tausend Jahre währende Fesselung des Teufels.

Millenaristische Erlösungsvorstellungen zeigten sich auch bei den Parteitagen der KPdSU. Wenn der Parteivorsitzende Leonid Breschnew nach seiner Rede selbst auch applaudierte, wandte sich der ganze Parteitag an das Objekt a (Lacan), die Transzendenz, den Weltgeist. Umgekehrt täte den neuen Jungen gut, dem apokalypseverliebten Enthusiasmus die soziale Wirklichkeit an die Seite zu stellen. Schlag nach bei Marx. Aber nein, wirklich nichts für ungut. Da ist eine große Kraft. "We will never forgive you", schleudert sie der aufgeklärten Cocktailparty der Klimafaszinierten entgegen - diesen Eingeschlossenen in ihrer fortgeschrittenen Unwirklichkeit.

Veröffentlicht am: 11.10.2019

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Wolfgang Z. Keller
12.10.2019 16:15 Uhr

Lieber Herr Wüst,

gute Philipika, und besonders clever die Fußballerinas! :-)

Nur, warum die "ausgebeuteten Kinder(n), Arbeitsnomaden, Migranten" fürs Kapital UNNÜTZ sein sollen, erschließt sich mir nicht - lassen sich doch gerade mit ersteren (und letzteren als Erntehelfer im Süden Spaniens und Italiens) schöne Extraprofite machen.

Und was bei Breschnew-Huldigungen "a(Lacan)" bedeutet, bedürfte für mich kurzer (Auf-)Klärung.

Nix für ungut,

mfG Wolfgang Z. Keller

Michael Wüst
29.10.2019 18:07 Uhr

Lieber Herr Keller, sie haben recht, dass Opfer der Biopolitik ökonomisch relevant sind, nur müssen sie erst als unnütz stigmatisiert werden. Das Objekt (klein) a entstammt der Terminologie des Psychoanalytikers Jacques Lacan und bedeutet etwas imaginäres, unerreichbares.

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