"Amphitryon" im Residenztheater

Was bleibt man, wenn nicht man selbst?

von Michael Weiser

Das Leben, eine Drehscheibe... "Amphitryon" am Residenztheater, mit Pia Händler, Florian von Manteuffel, Luana Velis, Nicola Mastroberardino. Foto: © Sandra Then

Eine Verwechslungskomödie, die in existenzielle Not mündet, das ist der "Amphitryon" am Residenztheater. Die Regisseurin Julia Hölscher fragt mit Kleist, was vom Menschen bleibt, wenn man ihn seiner Identität entkleidet. Und findet letztlich starke Bilder.

Nach dem bezeichnenden und besten Augenblick des Abends geht das Licht aus. Alkmene (Pia Händler) haucht, den starren Blick aus tiefen Augenhöhlen auf einen Punkt irgendwo knapp hinter den letzten Sitzreihen geheftet, einfach ein "Ach!" Dann geht, wie gesagt das Licht aus, es ist ja auch alles gesagt mit diesem Seufzer, was durchaus viel ist. Dieser Seufzer also, er kann ein Klagen über die Grundbedingung des menschlichen Daseins sein, ebenso aber auch eine trotzige Ansage an die Götter. "Ist das euer Ernst?" Durchaus möglich, dass Alkmene das gemeint hat.

Es ist eben alles ein bisschen schwieriger bei Kleist, dessen Lustspiele nie wirklich nur lustig sind. Schon der "Zerbrochne Krug" geht in besseren Inszenierungen über das Format eines Schwanks hinaus.

Noch stärker ist die Ambivalenz im "Amphytrion" (1807) zu spüren, für den Kleist eine Komödienvorlage von Molière aus dem Jahre 1662 verwendete. Es kommt in diesem Stück zunächst zu allerlei Verwechslungen und Verwicklungen, so aberwitzig, dass die Akteure wie Mondkälber über die Rampe starren. Nicht schwer also, das Ganze als Lustspiel zu tarnen. Bis man erkennt, was für Verheerungen das lustige Treiben anrichtet - was dieses angebliche Lustspiel dann doch als echte Produktion aus der Feder von Kleist erweist.

Eine wackelige Angelegenheit, so ein Menschenleben: "Amphitryon" (mit Christoph Franken als Jupiter) am Residenztheater. Foto: © Sandra Then

Am Anfang also verbreiten der Feldherr Amphytrion (Florian von Manteuffel) und sein göttlicher Doppelgänger Jupiter (Christoph Franken) sowie Diener Sosias (Nicola Mastroberardino) und sein Spiegelbild Merkur (Elias Eilinghoff)  die Atmosphäre von gehobenem Frohsinn im Residenztheater. Vor allem Mastroberardino und Eilinghof tun sich als typische Domestikengestalten in den Ausprägungen Tollpatsch und Schelm da hervor, mitunter schon nah am Herumkasperln.

Regisseurin Julia Hölscher und Paul Zoller (Bühne) lassen den Zuschauer in dieser Übernahme aus Basel allerdings nicht ohne Warnung ins tragische Finale gehen. Die Drehbühne, durch eine rostrote Wand geteilt, kreiselt immer wieder eifrig und illustriert somit die Wetterwendigkeit des Schicksals. Endgültig verlieren die Menschen den Halt, als sich eine Spiegelwand schräg über die Spielfläche senkt: Nun erscheinen die Darsteller über den Köpfen der Zuschauer, und wer in Wirklichkeit liegt, scheint im Spiegelbild hoch über uns aufrecht zu schreiten, wenn nicht gar zu springen und zu schweben. Eine Spielerei, vielleicht, aber immer wieder mal sogar Sinn stiftend.

In der ursprünglichen Geschichte ist Amphitryon nur eine Randfigur und seine Frau nur Gefäß. Eigentlich geht es um die Sphäre, in der sich Götterwelt und Menschenwelt berühren. Jupiter schwängert Alkmene, und die bringt die Urfigur aller antiken Helden zur Welt: Herakles, den sich bis zu Alexander dem Großen und darüber hinaus alle zum Vorbild nahmen, die nicht mehr nach Menschenmaß gemessen werden wollten.

Man kann davon ausgehen, dass Kleist nicht an griechische Götter glaubte. Ihn wird mehr das Existenzielle interessiert haben, die Frage, was passiert, wenn man seiner Persönlichkeit beraubt wird. Hier tut es der notorische Schürzenjäger Jupiter, um in der Gestalt von Amphitryon dessen Frau zu besteigen, bei diesem Abenteuer begleitet von Hermes. Dieser Anlass ist mehr oder weniger zufällig, es geht Kleist darum zu ergründen, wie es ist, wenn der Tod noch vor dem Versagen der vitalen Körperfunktion eintritt.

Und das macht diesen Abend dann, ziemlich auf der Schlussgeraden, spannend. Die beiden Götter geben sich, als die Frauen sich sogar im direkten Vergleich irrtümlich für die Doppelgänger entscheiden, huldvoll zu erkennen. Christoph Franken nimmt als Jupiter Florian von Manteuffel gönnerhaft in den Arm und sagt weniger väterlich als zynisch, wie gut sich Zeus in diesem seinen Hause gefallen habe. Dieser Amphitryon ruht schief in seinen Armen, ist kein Krieger mehr, vielmehr wirkt er wie einer, der das Grauen einer Schlacht erlebt hat. Ein verzweifeltes Lächeln, das ziemlich einem dümmlichen Grinsen ähnelt, nimmt sein Gesicht ein. Es ist  kein Strahlen mehr darin, eher das Gegenteil. Für diesen Augenblick erhellender Dunkelheit lohnte sich all der Aufwand und das darin investierte große Können der Akteure.

Veröffentlicht am: 30.11.2019

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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