Taboris "Goldberg-Variationen" im Garten des Volkstheaters

Passion in der Westentasche

von Michael Weiser

Fast wie in "Life of Brian: Cengiz Görür, Timocin Ziegler, Mauricio Hölzeman. Foto: Arno Declair

Alles auf Neubeginn: Mit George Taboris "Goldberg-Variationen" feiert das Volkstheater zu ungewöhnlich frühem Zeitpunkt seine erste Premiere der neuen Spielzeit  - und die erste nach dem Corona-Tiefpunkt. Keine Notlösung, ein Hingucker.

Man kann sich Gott als Regisseur vorstellen, ohne weiteres, im Akt der Schöpfung weisen die beiden Berufe eines Weltschöpfers und Spielleiters unübersehbare Parallelen auf. Man müsste die Bibel auch gar nicht zu arg umschreiben. In etwa so: „Und die Bühne war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe der Bretter, die die Welt bedeuten werden. Und der Geist des Regisseurs schwebte über der Bühne. Und der Regisseur sprach: „Es werde Licht!“ Ja, Theater kann man sich vorstellen als Schöpfung. Als Behauptung. Am Anfang war das Wort. Und dann, sieben oder ein paar Probentage später: alles gut. Wirklich?

Christian Stückl hat George Taboris „Goldberg-Variationen“ auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gestemmt. Als Inszenierung des Klassikers, als Kommentar auf die Welt und ihren Aberwitz. Und auf seine eigene Rolle als Regisseur, in München und in Oberammergau. In den Bergen wird heuer kein Kreuz aufgerichtet, die Passionsspiele sind wegen Corona auf 2022 verschoben. Also stellen Stückls Leute wenigstens im Volkstheater eines auf: Passionsspiel in Corona-Zeiten, nicht im großen Festspielhaus, sondern im Garten des Volkstheaters, in den auch ohne Corona-Beschränkungen nicht so viele Menschen passten wie für Volksszenen im Passionsspielhaus notwendig wären. Und dennoch hatte das  Ganze einen Hauch der Atmosphäre vom Festspielhaus. Kein Wunder, die Bühne baute Stückls langjähriger Inszenierungspartner Stefan Hageneier. Das Ergebnis dieses Westentaschenformats: Es ist nicht besser als nichts. Es ist mehr als das.

Denn der mitunter scheinbar harmlos dahinalbernde Abend im Vorhof des Münchner Volkstheaters ist leicht anzuschauen. Und kompliziert zu erzählen. Diese über weite Strecken so leichtfüßige Inszenierung mit atmosphärischer Live-Musik von Tom Wörndl und Severin Rauch entwickelt Tiefgang. Nicht mal ganz zwei Stunden sind das, die einen doch ein paar Tage nachdenken lassen. Nicht das Schlechteste, was einem im Theater widerfahren kann.

In einem Theater probt der Regisseur Mr. Jay gemeinsam mit seinem Assistenten Goldberg und ein paar Schauspielern ausgewählte Szenen aus der Heiligen Schrift – vom Garten Eden bis Golgatha. Es klappt nicht nur nicht. Es geht so schief, dass man mit der Existenzberechtigung der Bühnentruppe auch die der Menschheit in Frage stellen darf: Der Regisseur ist ein Demiurg, ein mäßiger Handwerker, er ist ein – Pfuscher. Also ist Goldberg gefragt, der Jude. Er lässt sich von Mr. Jay schurigeln, die meiste Zeit des Stücks. Bis er die Herrschaft übernimmt. Und den Regisseur ins Untergeschoss verbannt.

Im Chaos des Spiels im Spiel kommt die Truppe des Volkstheaters gut in Fahrt. Mr. Jay ist eine Rolle wie gemacht für Pascal Fligg, mit über zehn Dienstjahren am Volkstheater so etwas wie der Doyen der sonst so jungen Truppe. Mit aasiger Routine spielt er den Regiegott, mit breitem Hintern, der sich auf Verdiensten ausruht, die wir nicht mal zu erahnen vermögen. Ein Sexist und Antisemit, der uns doch nicht unsympathisch ist. Hat ja auch was Unterhaltsames, dieses permanente Pendeln zwischen Selbstüberschätzung und Zusammenbruch.

Luise Deborah Daberkow gewinnt der Rolle der Terese Tormentina in Marylin Monroe-Manier ein gekonntes Spiel mit Klischees ab. Marotten hat sie, deren Grad an Nervigkeit höchstens Ramaah erreicht, einabgefuckter Großschauspieler, den sein privater Liebeskummer entschieden mehr interessiert als die Erzählung von der Schöpfung der Welt, an der wir verzweifeln. Timocin Ziegler füllt diese Rolle mit beeindrucknder physischer Präsenz: ein sterbendes Bühnentier.

Es gibt einen, der noch glaubt, zumindest an seine Zukunft im Theater. Cengiz Görür spielt den Masch als großäugigen Athleten, als Bühnenwelpen, der noch jeden Rückschlag mit naiver Zuversicht wegsteckt. Seinen Glanzauftritt hat er als queere Schlange, die sozusagen das Paradies althergebrachter Bürgerlichkeit stört.

Mauricio Hölzemann ist so etwas wie der Sohn des Mr. Jay, einer mit eigenen Gedanken, ein sehniger Leidensmann zwischen Duldsamkeit und Aufbegehren. Er ist der einzige, der an den Text glaubt, nicht an die Selbstdarstellung. Ein Ersatz-Jesus, der aus Versehen am Kreuz zu sterben scheint, nur um kurz darauf zynische Urständ zu feiern. Wenn er deklamiert, sich von der Wucht der Erzählung davontragen lässt, schafft er die eindrücklichsten Momente dieses Abends. Eine Unbedingtheit, die einen allerdings auch misstrauisch macht. Kam er so in die Welt, der Fanatismus?

Tabori zeigte, dass man auch nach Auschwitz noch schreiben kann, ja, dass sogar Humor möglich ist. Nein, nicht möglich - nötig. Taboris Aberwitz kann man als Widerwitz sehen, als Witz wider die bösen Scherze, die die Welt regelmäßig parat hat. Und es ist doch ein tödlicher Scherz, dass man andere Menschen für anders erklärt. Diesen Scherz zu enttarnen, ist Stückls Anliegen schon seit langem. Die Schöpfung des Menschen ist, wenn man es so sieht, noch lange nicht abgeschlossen.

Termine (bei schlechtem Wetter große Bühne, ansonsten Volksgarten): 2. und 5. August 2020 um 20.30 Uhr, 21., 23. August um 20 Uhr, 3., 4., 11., 12. September um 20 Uhr.

Veröffentlicht am: 31.07.2020

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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