Saisonstart am neuen Volkstheater

Wann hat man so etwas zuletzt gesehen?

von Michael Weiser

Nur der Schein von Behaglichkeit, und das auch nur kurz: "Edward II." Foto: Arno Declair

Es gab drei Premieren und einen Hauptdarsteller: Das neue Haus des Volkstheaters an der Tumblingerstraße im Schlachthofviertel. Nicht allein ein Münchner Ereignis, sondern eines über die bayerischen Grenzen hinaus. Wann hätte mal zuletzt erlebt, dass ein solches Großprojekt pünktlich fertig, wann, dass es im Kostenrahmen geblieben wäre? Ja, wann überhaupt hätte man zuletzt gehört, dass ein Theater, ein Sprechtheater nur für Schauspiel, gebaut worden wäre?

Das neue Volkstheater also: Es ist fertig geworden, pünktlich und im Rahmen des Preises und, auf lange Sicht noch wichtiger: Es ist gut geworden.

Drei Premieren also, so hatte sich die Volkstheater-Crew um Intendant Christian Stückl das Startwochenende in der neuen Heimat zurechtgelegt. Zu Beginn sprach Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, er schilderte Stückls Beredesamkeit und Eifer, man merkte ihm den Stolz an, auch dazu beigetragen zu haben, dass diese Institution nicht nur lebt, sondern dass sie gewachsen ist und auf eigenen Füßen sozusagen in ein neues Viertel umgezogen ist. Und er erinnerte launig an die großen Ausgaben, die sich München seine Kultur kosten lässt.

So aber könne es nicht immer weitergehen. Das sagte Reiter auch. Klar, es ist ja auch viel zu schultern. Und das auch in Zeiten wie diesen. Wahrscheinlich wäre das Volkstheater nicht mal angefangen worden, wäre der Termin für den Baubeginn mitten in der Pandemie gelegen.

Münchens neue Schnittstelle: Der Innenhof des Volkstheaters. Foto: Gabriela Neeb

Als der OB sprach, hatte für das neue Haus der Auftritt bereits begonnen. Noch nicht ganz in der Rolle als Theater, es würde ja in ein paar Minuten erst losgehen, aber schon in der als Treffpunkt, als Schnittstelle zwischen Menschen, Stadtvierteln und Kulturen. Der warme Ziegelton, der den Baustoff der anschließenden Industriebebauung aufnimmt, die gewellte Fassade des Foyers zum Innenhof hin, der mit einer Metallmembran geschirmte Bühnenturm: alles gleichermaßen ansehnlich und funktional. Auch innen drin diese Kombination, diese Ahnung: Es wird funktionieren. Und es wird auch in ein paar Jahren noch gut ausschauen. Und dann erst der Innenhof: Dort begegnen einander Schauspieler, Zuschauer, Zufallsgäste. Man darf sicher sein, dass das Festival "Radikal Jung" an der Schwelle zum Erwachsenenalter nochmals Impulse erhält, dass es nochmals wächst und gedeiht.

Drei Spiel- und eine Probenbühne hat das neue Volkstheater, und das in Ausmaßen, für die Christian Stückl womöglich von seinen Kolleginnen und Kollegen am Max-Joswphs-Platz und an der Maximilianstraße beneidet werden wird. Mit prächtigen Werkstätten, Aufzügen, die alle Kulissen aus dem Keller auf die Bühne befördern und überhaupt viel Technik. Geprüft, gezeigt und für tauglich befunden bei den drei Premieren: einem Klassiker, einem Stück Doku-Theater als Referenz an die Nachbarschaft und einem ziemlich abgefahrenen Musical.

"Edward II.", von Christopher Marlowe

Ein Bild von einer Bühne: Beispiel für Stefan Hageneiers eindrucksvolle Arbeit für Stückls Inszenierung von "Edward II.". Foto: Arno Declair

Hier inszeniert der Hausherr: Christian Stückl legt Marlowes "Edward II."  erneut vor, zum zweiten Mal in München, ein gutes Vierteljahrhundert nach seiner Zeit als Hausregisseur an den Kammerpsielen in den 90er Jahren. Er erzähle von einem jungen Mann, der glaubt, seine Homosexualität am englischen Hofe ausleben zu können, hatte Christian Stückl zuvor in der "Abendzeitung" gesagt.

Er erzählt aber natürlich mehr. Zum Beispiel, wie eine Gesellschaft ohne Liebe dahinsiecht. Man muss Edwards Scheitern nicht auf seine Außenseiterrolle, auf seine Homosexualität zurückführen, wie es das Bekleitbüchlein nahelegt. Der schwule König (in Ludwig-II.Anmutung: Jan Meeno Jürgens) tut auch sonst genug und insgesamt zu wenig, um in den Augen von Klerus und Adel sein Herrscherrecht verdient zu haben. Seine Umgebung hasst ihn nicht allein, weil er Gaveston (Alexandros Koutsoulis) liebt. Sie hassen ihn, weil er den Freund schamlos bevorzugt. Oder das Gegenüber demütigt - wie seine Gattin Isabella (Liv Stapelfeldt), die sich mit dem despotischen Militär Mortimer (Silas Breiding) zusammentut.

Am Ende ist es ausgerechnet der Kleriker (Pascal Fligg in Alexander-Dobrindt-Optik), der Gaveston tötet, und man darf darin so etwas wie die persönliche Abrechnung Stückls mit einer kalt waltenden Kirche sehen.

Weil Stückl dem kleinen Sohn eine entscheidende Rolle und dem Stück eine Wende gibt, funktioniert der Abend richtig gut. Der Kleine, kein Kind der Liebe, sondern der Staatsraision, wird während des grausamen Treiben am Hofe selbst kalt und grausam, ein Henkers-Henker. Als erste Amtshandlung lässt er Mortimer zur Hinrichtung abführen.

Der Königs-Klon als gruseliger Bestimmer: Überraschend stimmig, wie Stückl so die Mechanik der Macht ausleuchtet. Ein Trauerspiel mit Momenten glücklicher Visionen, untermalt von der melancholisch-verspulten Musik der Elektronik-Frickler Markus und Micha Acher sowie Cico Becks.

Stückl und sein Bühnenbildner Stefan Hageneier wollen aber auch noch ein wenig davon erzählen, was das Haus an technischen Möglichkeiten bietet. Und so hat Hageneiner mit einem Eisengerüst einen abstrahierten Herrschaftsraum eingerichtet, der auf der Drehbühne kreiselt. Auch das stimmt, dieses magisch leuchtende Gebäude erzählt von der Unbehaustheit der Menschen am Hofe. Ein Thronsaal mit Seidentapete und Landschaftsbild schafft kurz die Illusion von Prunk und Behaglichkeit. Es verschwindet sogleich in den Nachthimmel des Schnürbodens. Man soll ja nicht glauben, es sich in der Macht einrichten zu können.

Das Leben ist ein Heidenspaß, für Tiere ist es nichts: "Unser Fleisch, unser Blut". Foto: Arno Declair

"Unser Fleisch, unser Blut"

Man kann in diesem Stück eine Verbeugung vor der Umgebung des neuen Volkstehaters mit Großmarkthalle und Schlachthof  sehen. Oder auch den Versuch auszuleuchten, was normalerweise so gerne übersehen wird: Der industrielle Umgang mit Tieren, ihr massenhaftes Sterben in den Schlachthöfen, die Abgründe in jenen, die sie verzehren.

In Zeiten, da Fleischesser zunehmend argwöhnisch beäugt werden, da sich immer mehr Menschen zu Vegetariern oder Veganern erklären, da Verzicht auf Fleisch zum Gebot des Umweltschutzes geworden ist, nimmt diese Zusammenarbeit von Regisseurin Jessica Glause und ihren Akteuren  Jakob Immervoll, Jonathan Müller, Maral Keshavarz, Anne Stein, Mara Widmann und Joe Masi ein Thema aufs Korn, wie es politischer kaum sein könnte. Allerdings ohne den Bierernst, ohne die Verbissenheit, mit der die Angelegenheit im normalen Leben ausgetragen wird.

Es geht ums Töten, um Lebensunterhalt, um Genuss und Abscheu, um vermenschlichte und entseelte Tiere. Und um Selbstverwirklichung beim Umgang mit Fleisch oder beim Verzicht desselben, um Mitleid und Handwerkerstolz. Ein kurzweiliger, intelligenter und tiefsinniger Abend, der nicht den einen preist und den anderen verurteilt, sondern den Zuschauer ironisch  vor die Frage stellt: Nimmst du noch tierisches Protein zu dir, oder kündest du Grünzeug speisend bereits vom neuen Evangelium?

Und auch dieses Stück erzählte nebenbei von dem, was das neue Haus kann (Bühne und Kostüme Mai Gogishvili): Drei, vier Podeste, die man lautlos aus dem Bühnenboden emporfahren kann, besitzt die Bühne zwei. Das hintere dient auch noch als Aufbewahrungsorte für eine ganz wunderbare Wursttorte.

Die hohe Schule der Fake News: Luise Deborah Daberkow in "Gymnasium". Foto: Arno declair

 

"Gymnasium"

Es ist schräg, es ist quietschebunt - und manchmal fast magisch und oft ziemlich komisch.  Ben Roessler und Bonn Park reisen mit viel Gesang und wunderbarer Musik (Akademisten der Münchner Philharmoniker und Bayerischer Landesjugendchor) in ein aus Filmen und Büchern wohlbekanntes Universum zurück: die Schule, allerdings im Schatten eines Vulkans, der Asche und bunten Flitter in die Atmosphäre pumpt.

Hurra, endlich wieder Präsenzunterricht! Zwischen sehr ungelenken Nerds, Kraftprotzen, Schulschönheiten und Mauerblümchen entwickelt sich, was man gleich jeden Alters jenseits des Abiturs von der höheren Lehranstalt in Erinnerung hat: Rumgeprotze, Leiden an der Welt, erste Liebe und Revierkämpfe. Das ist so überdreht gesungen und gespielt, dass man auch als Zuschauer gerne bei den Abziehbildern bleibt: Hier bin ich Klischee, hier darf ich sein.

Eine bitterböse Botschaft kommt so sehr harmlos verpackt vor: Das soziale Medium ist der Ort, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht. In den Kloinschriften wird gemunkelt und gelogen, was das Zeug hält. Und die Warnung, doch nicht auf jede Scheißhausparole zu hören, verhallt hier vorsätzlich ungehört. Am Ende jubeln alle über ihren Abschluss. Und darüber, dass vorerst alles so einfach und klar geordnet bleiben wird: Auf den Thron des Ballabends werden der Sanfte und die Suchende gehoben und danach auf dem Scheiterhaufen verheizt. Gewissheiten werden sie hinfort nicht mehr stören können. Wie war das? Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Veröffentlicht am: 22.10.2021

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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