Rama dama! Bald-Intendant Martin Kusej beginnt mit dem Umbau des Staatsschauspiels

von Jan Stöpel

Kommt mit Martin Kusej ein frischer Wind? Oder ein Sturm? Foto: Thomas Dashuber

Resi, dich holt jetzt bald der Kusej ab: Noch wenige Monate währt die Ära Dieter Dorn, dann wird der Österreicher Martin Kusej das Heft am Bayerischen Staatsschauspiel in der Residenz in die Hand nehmen. Von Änderungen zu sprechen, wäre krass untertrieben: Kusej hat eine radikale Neuausrichtung des Hauses mit neuem Konzept und weitgehend neuem Personal eingeleitet.

Diese Ankündigung wird vielleicht mal als der „Münchner Friede“ in die Bühnen-Geschichte eingehen. „Auch die Feindschaft mit dem Theater weiter unten an der Maximilianstraße erkläre ich offiziell für beendet“, witzelte Martin Kusej, nachdem er schon alle Gerüchte über Streitigkeiten mit dem Noch-Intendanten Dieter Dorn ausgeräumt hatte. „Ich habe ein sehr tolles Verhältnis mit meinem Vorgänger“, sagte der 49-Jährige, „ich weiß nicht, ob es ein anderes Theater gibt, in dem man so was machen kann.“

Mit „so etwas“ war das gesellige Zusammensein noch unter der Intendanz von Dieter Dorn gemeint, das Kusej nutzte, um sich, sein Team und die Pläne für die kommende Spielzeit vorzustellen. Routineangelegenheit zu anderen Zeiten, diesmal nicht weniger als die Ankündigung einer Revolution. Ensemble, Spielplan, Ausrichtung: So gut wie nichts wird so bleiben, wie es das seit grauen Vorzeiten treue Resi-Publikum gewohnt ist.

Das Theater, das so mancher weniger als Staatstheater denn als staatstragendes Theater sah, wird sich öffnen, so viel war nach Kusejs Vorstellung klar. Viele lobende Worte gab es zum Beispiel für Christian Stückl und Johan Simons, die Intendantenkollegen vom Volkstheater und den Kammerspielen, mit dem künftigen Gärtnerplatz-Intendanten Josef Ernst Köpplinger ist Kusej auch befreundet. Und so kündigte er „gute Zusammenarbeit“ mit den anderen Häusern an. Die werden dann auch künftig eher mit dem „Resi“ zu tun haben, feixte Kusej: „Versuchen Sie mal, Bayerisches Staatsschauspiel schnell auszusprechen.“

Gerade mal eine Handvoll Schauspieler bleibt vom alten Ensemble, darunter Publikumsliebling Shenja Lacher. Dafür kommen Stars wie Birgit Minichmayr und Tobias Moretti nach München, und zwar nicht als Gäste, sondern als Ensemblemitglieder. Auch Ulrich Matthes und Sophie von Kessel werden künftig in München zu sehen sein. Auf Gäste will Kusej weitgehend verzichten. Er sprach von einer „radikal gemeinten Identität“ und kündigte ein Personal an, „das ganz klar als unser Ensemble erkannt wird“.

Vom alten Spielplan bleibt nichts übrig, kein einziges Stück wird übernommen. Stattdessen will der neue Intendant zur Tour de Force aufbrechen: 25 Premieren in einer Spielzeit, schon in der ersten Hälfte der Saison gehen fünf Uraufführungen und zwei deutschsprachige Erstaufführungen - teilweise als Produktionen anderer Theater - über die Bühnen der drei Staatstheater-Spielstätten. Zum Start am 6. Oktober inszeniert Kusej Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ – einer der wenigen Klassiker auf dem Spielplan.

Mit einem Gastspiel des Betty Nansen Teatret Kopenhagen gibt sich nach seinem „Fidelio“ erneut Calixto Bieito die Ehre. „Er ist bekannt und gefürchtet und ein wahnsinnig netter Kerl“, sagte Kusej über den Katalanen, der mit seinem Operneinstand in München das Publikum polarisierte. Bieitos Visite ist bei weitem nicht der einzige spannende Termin im Programm, mit Stücken von Helmut Krausser, Albert Ostermaier und Roland Schimmelpfennig sorgt das neue „Resi“ für große Erwartungen.

Mit Kusej kommt der Großteil seines Salzburger Teams nach München, darunter auch Chefdramaturg Sebastian Huber. Der freut sich offenbar ziemlich auf das Cuvilliés-Theater, wo ausschließlich zeitgenössische Autoren aufgeführt werden sollen. „Das gibt eine richtig schöne Reibung“, sagte der Freiburger. Ob die Reibungen, die sich mit dem alteingesessenen Publikum einstellen werden, auch so schön werden, war die große Frage, die über dem Beisammensein lag. „Es wird Kollisionen mit den Zuschauerinteressen und –erwartungen geben“, schwant es auch Kusej, „aber ich will natürlich niemanden vertreiben“. Sein Ziel sei „spannendes, leidenschaftliches Theater“, beteuerte der Kärntner. Und damit soll sich das Haus auch wieder als europäische Marke etablieren, ähnlich wie die Kammerspiele.

Martin Kusej wird erst in ein paar Monaten seinen Posten antreten. Ob der Hauch, der im Foyer des „Resi“ zu spüren war, ein frischer Wind war oder der erste Vorbote eines heftigen Sturms, wird man auch erst dann sagen können. Sicher ist, dass ein Wechsel der Intendanz in Bayern schon lange nicht mehr mit so viel Spannung erwartet wurde.

Veröffentlicht am: 01.04.2011

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