Die Verbannung eines Engels

von Jan Stöpel

Ob die beiden zusammenkommen? Albert (Felix Krämer) und sein Engel (Xenia Tiling). Foto: Arno Declair

War sie ein Engel, der, auf die Erde verbannt, im Tode Erlösung und Heimkehr findet? Im Münchner Volkstheater schickt Regisseurin Anna Bergmann Ödön von Horvaths „Unbekannte aus der Seine“- nicht ohne komische Elemente - auf eine schrille und düstere Reise.

Hier wohnt der Alptraum zur Untermiete: Für den ersten Akt der „Unbekannten aus der Seine“ hat Ben Baur eine düstere Straßenszene auf die Bühne des Volkstheaters gezaubert; Fenster und Türen gähnen wie Höhlen in schwarzgrauen Fassaden.

Kaltes Licht lässt die Akteure wie in Asche getaucht erscheinen. Wie zum Hohn schwebt in pinker Neonröhrenschrift das Zauberwort „Glückseligkeit“ über der Bühne, als Fernziel, dem, wie man in den kommenden sechzig Minuten der ersten Hälfte sehen wird, jeder auf seine eigene Art nachgeht:  im Streben nach Dominanz oder Unterwerfung, mit der Suche nach Liebe oder menschlicher Nähe, mit Alkohol. Wenn Lucilie (Ursula Burkhart) sich begehrend an die Leiche des ermordeten Uhrmachers (Michael Tschernow) schmiegt, gewinnt man einen starken Eindruck von den Störungen und Verstörungen der Figuren. Das kann durchaus, da ist Bergmann ganz bei Horvath, seine komischen Momente, etwa, wenn Jean-Luc Bubert als Ernst versucht, einen Kanarienvogel mit Insektenspray umzubringen.

Lieber Travestie als nie: Emil (Robin Sondermann) scheint mit seinem alternativen Lebensentwurf nicht ganz glücklich zu sein. Foto: Arno Declair

Es sind die griffigen und atmosphärisch dichten Bilder, die Anna Bergmanns Inszenierung von Horvaths düsterer Komödie „Eine Unbekannte aus der Seine“ tragen. Aus Horvaths scharfzüngiger Studie über das Elend der menschlichen Existenz macht sie eine schrille Tour de Force menschlicher Abseitigkeiten, die im Schrecken der Spießerexistenz gipfeln. Horvaths Sprache findet zwar über weite Strecken weder Raum noch Resonanzboden, an seine Stelle hat Bergmann aber in aller Überdrehung die Karikatur der Bürgerlichkeit gestellt. Diese Konsequenz überzeugt in aller Garstigkeit, obwohl außer Albert und der Unbekannten die Akteure - bei so viel Treiben, so viel Assoziationsreichtum nur folgerichtig - nur holzschnittartige Linien erhalten: Wirkung durch Kontrast und Travestie, nicht durch durch Obduktion mit dem Skalpell.

Das ist nicht so sehr Horvath, sondern eher Bergmann, funktioniert aber meist ganz gut. Aus dem Zuschauerraum arbeitet sich Albert (Felix Kramer) in Richtung Bühne vor. „Sind Sie glücklich?“ fragt er jemanden aus dem Publikum, „ja, dann machen Sie weiter so, nur weiter so!“ Wortreich und clownesk breitet er sein Unglück und seine Pläne für die Zukunft aus. Und die lassen nichts Gutes erwarten... Ein starker Volkstheater-Einstand von Felix Kramer.

Um den künftigen Raubmörder Albert herum stellt Bergmann ferngesteuerte Gestalten, die sich wie Automaten bewegen und meist ohne große Emotion sprechen. Wo die Figuren Hass und Kummer spüren, brüllen sie. Dann trifft Albert auf die schöne Unbekannte (Xenia Tiling), und die Uhren gehen auf einmal anders: Um die beiden herum bewegen sich Figuren rückwärts oder in Zeitlupe – es wirkt, als habe Bergmann einen Spot nur auf die beiden gerichtet.

Und im grellen Licht dieser Aufmerksamkeit gelingt Tiling ganz still und eindrucksvoll das Kunststück einer Figur, die ihre Reinheit noch inmitten eines Meers von Schmutz bewahrt. Für eine Limonade entblößt sie die Brüste, der blinde Theodor (Justin Mühlenhardt) darf ihr an den Schritt fassen – und noch immer wirkt sie wie ein Engel auf Ausflug in der Hölle. Ihr Schicksal erfüllt sich im Unterholz, am Rande der großen Stadt, im Gestrüpp der Triebe sozusagen, in dem der nackte Albert, dieses unverhüllt getriebene Wesen, aber auch überhaupt kein Wort der Liebe an ihre Adresse findet. Sie geht, allerdings nicht aus freien Stücken wie bei Horvath; Alberts Zukünftige Irene (Sina Kießling), die umtriebige Geschäftsfrau, mordet sie in aller Entschlossenheit, als letztes Hindernis vor der bürgerlichen Existenz. Kurz davor hatte es noch so ausgesehen, als könnten die beiden Frauen, diese entgegengesetzten Pole, verschmelzen: Teile des Textes sprechen die beiden synchron. Eine letzte Chance – vertan!

Willkommen in der verrückten Welt: Emil (Jean-Luc Bubert) und Klara (Kristina Pauls) haben sogar schon Nachwuchs. Foto: Arno Declair

Es fällt stattdessen der Unterholzvorhang, es erscheint ein rosa Spießeridyll, in dem sich all die verlorenen Seelen dieses Pandämoniums in scheinbar geordneten Eheverhältnissen wiederfinden. Auch mit der Mordtat an der Unbekannten arrangiert man sich: Die Tote wird zur Installation und bleibt Gesprächsstoff, nicht viel anders als die berühmte Totenmaske jener Unbekannten aus der Seine wird sie künftig Spießers Schlafzimmer zieren. Mord und Totschlag? Iwo, nicht bei uns, ist doch nur Kunst. Willkommen in der schönen neuen Welt – einer verrückten Welt, wie ein Kinderchor noch mit einem Song von Tears for Fears zu verstehen gibt. Noch mal einen draufgesetzt – und die Unbekannte lächelt still dazu.

Veröffentlicht am: 20.03.2011

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