Sommertheater (Folge 1): Teamtheater Tankstelle – wo die Zaubernacht so kuschelig ist

von Barbara Teichelmann

Helena (Britta Scheerer) und Bob (Robert Atzlinger) in "Eine Sommernacht". Foto: Dieter Nelle

Es gibt viele Gründe, auch im Sommer ins Theater zu gehen. Im Biergarten regnet es, im Kino läuft nichts, was man noch nicht gesehen hätte, oder man kennt jemanden, der jemanden kennt, der mitspielt. Der wahrscheinlichste Grund aber ist dieser: Man ist weiblich, knapp unter 60, Mitglied der Theatergemeinde und fährt erst Anfang Oktober wieder in den Urlaub.

Also zieht man das Freischwingende mit den Trägern an (man hat ja sonst so wenig Gelegenheit es zu tragen), parfümiert noch mal gründlich in alle Ecken und Winkel hinein, klemmt Handtasche und, soweit vorhanden, den Ehemann unter, und weil die städtischen Theater gerade Ferien machen, geht man halt ins Teamtheater Tankstelle, da hat es eine Premiere. Mehr Schick ist für die Münchner Theaterliebhaberin derzeit nicht zu haben, also nimmt sie, was sie kriegen kann und ist ganz erstaunt, wie klein so ein Theater ist: „Das ist ja kuschelig hier. Aber nett.“ Eine Dame, die offenbar ein bisschen mehr rumgekommen ist, weiß: „Ich glaube, in Haidhausen gibt es noch so ein kleines Theater.“ Dann wird das Programmheft durchgearbeitet.

„Eine Sommernacht“ heißt das Stück, und lustiger- oder vielmehr ärgerlicherweise ist heute wirklich eine dieser seltenen Zaubersommernächte, in denen man das dringende Bedürfnis hat, das Leben flaschenweise in sich hinein zu schütten, um dann mit einem kleinen Rausch an der Hand durch die warme Nacht zu spazieren. Aber alles Jammern und Sehnen hilft nichts, heute ist Premiere, heute gibt’s Bühnenkultur statt Bierkultur. Kein Wunder, dass der Ehemann ein bisschen traurig schaut. „Es ist eine Liebeskomödie, geschrieben hat es ein junger Schotte und es wird auch gesungen.“ Geflüsterte Einweisung der Ehefrau. „Jetzt wird’s finster“ antwortet der Ehemann, denn das Licht geht aus. Und wahrscheinlich hat er wirklich ein bisschen Angst, aber es wird alles halb so schlimm, das Publikum kichert, kiekst und quiekt zwei Stunden am Stück.

Es ist Mittsommer in Edinburgh und es regnet seit Tagen in Strömen. Das „Stück mit Musik“, so der offizielle Untertitel, beginnt in einer Kneipe, wo ein Mann und eine Frau ebenfalls das dringende Bedürfnis haben, das Leben gleich flaschenweise in sich hinein zu schütten. Sie ist Anwältin, erfolgreich, ledig, vielleicht schwanger von dem verheirateten Typen, der sie gerade versetzt hat, und heißt Helena. Bob ist ebenfalls Mitte 30, Kleingangster mit einer ausgeprägten Tendenz zur kriminellen Tollpatschigkeit, ein klassischer Striezi. Bis auf ihr Alter und das unschöne Gefühl, „dass es das jetzt schon gewesen sein könnte“, haben sie nicht viel gemeinsam, landen aber trotzdem völlig besoffen in der Kiste. Am nächsten Morgen haben dann beide erstmal das große Kotzen, „Dieser Kater“ heißt das Lied, in dem sich Bob und Helena wechselseitig über Kopfschmerzen und Probleme des anderen lustig machen. Das ist fies und lustig. Britta Scheerer und Robert Atzlinger spielen die krisengeplagten Thirtysomethings mit viel Einsatz und Ironie. Die braucht es auch, denn wenn ein verkaterter Mann anfängt, sich mit seiner Morgenlatte zu unterhalten, kann das schnell richtig dämlich werden. Hier ist es witzig.

Dieter Nelle hat die 2008 in Edinburgh uraufgeführte – und damit noch recht frische – amour fou des schottischen Dramatikers David Greig flott und mit angenehm wenig Klimbim auf die Bühne gestellt: der Schuh wird zum Handy, die weißen Perlenvorhänge sind je nach Bedarf schottischer Dauerregen, Bett, Hotelzimmer oder Metapher für den verknoteten Seelenzustand der Protagonisten. Das Wichtigste aber ist, dass Nelle die Komödie nur darin ernst nimmt, sich nicht ernst zu nehmen. Das macht Spaß, alles andere  wäre schwer erträglich.

Der Applaus fällt anständig bis begeistert aus, man hat sich schließlich amüsiert. Natürlich sind auch ein paar Thirtysomethings im Publikum, aber der Altersdurchschnitt liegt deutlich jenseits der Midlifecrisis. Nicht dass das schlecht wäre, aber warum das so ist, darf man sich schon mal fragen. Wo sind sie denn, die jungen Theatergänger? Sitzen wahrscheinlich an irgendeiner Bar, den Rest kennt man ja. Und was soll man dagegen sagen? Nichts natürlich, denn Leben geht vor Theater. Jetzt aber raus, es ist  Sommer, die Nacht noch warm und jung, und niemand muss allein nach Hause gehen, bloß weil er im Theater war.

"Eine Sommernacht" läuft noch bis 10. September 2011 im Teamtheater Tankstelle.

Veröffentlicht am: 20.08.2011

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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