Eine Kurzgeschichte von Herbert W. Franke

Waffenhandel

von kulturvollzug

"Erde und Schiff" aus dem multimedialen Marionettenspiel "Der Kristallplanet".

Von Herbert W. Franke

Kein Wesen ist so hässlich wie der Mensch. Schon die schlaffe bleiche Haut, die formlosen Gesichter, die weichen Hände. Noch schlimmer aber die Ausstrahlungen − die Gemeinheit, die Bosheit, die Aggression, die aus ihm heraus dünstet wie ein übelriechendes Narkotikum... Andere hatten es ihm gesagt − Grom hatte noch keinen Menschen gesehen, jedenfalls nicht aus der Nähe. Er hatte auch nicht den Wunsch gehabt, einen Menschen zu sehen. Und nun der Auftrag...

Er stand in einem Kraterfeld des Erdmonds, im Koordinatenkreuz 63° NB und 6° WL, genau wie vereinbart. Er stand reglos und wartete. Doch seine Gedanken arbeiteten. Innerlich bereitete er sich auf das Grässliche vor − die Begegnung mit einem Menschen. Über ihm hing die blaugrüne Kugel des Planeten Erde. Seine Entdeckung war eine Sensation für die Wissenschaft gewesen − und dann ein Schock. Ein Planet mit so reichem Bestand an Leben, ein Planet, dessen Lebensbedingungen sich gar nicht so sehr von jenen ihres armen Heimatplaneten unterschieden. Eine Welt mit einem Überfluss an Wasser − es kam im Boden vor, in der Luft, vor allem aber oberflächlich, in riesigen Ansammlungen. Eine Welt mit reichem Gehalt an Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff. Eine solche Welt musste ein Paradies sein.

Und in einem solchen Paradies lebt ein Wesen wie der Mensch! Im ganzen Weltraum hatten sie keine intelligente Lebensform gefunden, die auch nur annähernd so durchtrieben böse war, so falsch, so hinterhältig, so zerstörerisch − ganz auf die Vernichtung anderer Wesen eingestellt. Seine Mordlust machte nicht einmal vor seinesgleichen halt − Menschen brachten es fertig, andere Menschen zu töten, sie setzten sogar technische Mittel ein, um das in großangelegten Aktionen zu tun. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft fielen sie über andere her, setzten sie einem Hagel von Geschossen aus, besprühten sie mit ätzenden Chemikalien, ließen Bakterien auf sie herabregnen und entzündeten radioaktive Feuer, in denen die Überfallenen umkamen – und manchmal auch die Angreifer selbst.

Grom merkte, wie sich das Entsetzen in ihm ausbreitete. Gerade er musste mit dieser schrecklichen Mission betraut werden! Er fürchtete, ihr nicht gewachsen zu sein. Würde er die Nähe eines Menschen vertragen können? Er besaß keinen Schutzpanzer, denn er brauchte keinen, und er hatte keine Waffe. In seiner Welt gab es keine Waffen. Seine ganze Ausrüstung diente einem friedlichen Zweck: Mit einer Magnetschließe befestigt trug er das Kästchen mit dem Übersetzungsautomaten an seiner Brust − für die Verständigung war gesorgt.

Aus dem Dunkel des schwarzen Himmels löste sich ein heller Punkt − er sah es mit seinem Rückenauge. Und selbst auf diese Entfernung hin glaubte er einen Hauch des Bösen wahrzunehmen, das der Mensch um sich verbreitete...

Jahrelang hatten sie die Erde beobachtet. Als sie die schreckliche Wahrheit erkannt hatten, waren sie nur noch selten gelandet − an entlegenen Stellen, um Proben von Mineralien oder Pflanzen zu entnehmen. Der erste Versuch eines Kontakts mit den Menschen hatte sie ein Raumschiff gekostet − und ein Team von Wissenschaftlern. Man hatte einen großen freien Platz inmitten einer der Städte zum Landeplatz bestimmt. Das Schiff hatte noch nicht aufgesetzt, als man es mit Feuer eindeckte, so lange, bis es nur noch ein Klumpen verbogenen Metalls war.

Von da an hatten sie die Menschen aus der Ferne beobachtet − jahrzehntelang. Sie hatten die Wogen der Zerstörung verfolgt, die von Zeit zu Zeit alles überschwemmten, das regelmäßige Aufflackern der Aggression, das sich nicht eher aufhalten ließ, als bis weite Landstriche vernichtet waren. Sie hatten festgestellt, dass die Waffen immer wirkungsvoller wurden, Meere zum Sieden brachten und Kontinente zerstörten. Und sie hatten gemerkt, wie der Mensch lernte, Raumschiffe zu bauen, und dass er sich anschickte die Erde und das übrige Sonnensystem mit seinen unbewohnbaren Planeten zu verlassen und den Raum seiner Aktivität in das All zu verlegen...

Das plumpe Schiff des Menschen setzte nicht weit von Grom auf. Die Fenster waren beleuchtet, er sah einen Schatten, eine winkende Hand. Eine Wand öffnete sich – eine Schleuse −‚ eine Leiter wurde herunter gekippt.

Grom kämpfte gegen eine Panik an und zwang sich dazu zurückzuwinken Er setzte sich in Bewegung und kletterte die Leiter hinauf. Er betrat die Schleuse und wartete. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Innentür, und er trat ein.

Es war noch schrecklicher, als er gefürchtet hatte. Nicht das Aussehen störte ihn − darauf war er vorbereitet – aber die überwältigende Ausstrahlung perverser Gedanken. Aber jetzt war er ruhig. Er wusste, dass jeden Moment Explosivgeschosse in seinen Leib einschlagen könnten, aber er hatte die Panik überwunden. Er dachte nur noch an seine Aufgabe, und daran, sie möglichst rasch hinter sich zu bringen.

„Hallo“, sagte Snider. „Kommen Sie näher! Wollen Sie sich setzen? Ich könnte Ihnen einen Whisky anbieten, aber ich schätze, Sie trinken ihn nicht. Na, dann prost!“ Er schenkte sich ein Glas voll ein und trank einen kräftigen Schluck.

„Können wir zu unserem Geschäft kommen?“ fragte Grom. Er blieb unbewegt in der Mitte des Raums stehen. Die Verständigung war gut, stellte er fest. Der Übersetzungsautomat funktionierte.

„Sie haben es eilig?“ fragte Snider. „Ich verstehe − an mir soll’s nicht liegen. Woran haben Sie gedacht? An H-Bomben, bakteriologische Waffen, L-Strahler, Virusgifte? Ich habe da einige brauchbare Sachen.“ Er streckte den Arm aus. Auf einen Knopfdruck hin glitt eine Schiebetür zur Seite. In Regalen aufgereiht, von Kunststofffolie umhüllt und an Halterungen sorgfältig befestigt, sah man alle möglichen Gebilde, deren Funktion sich Grom nicht erklären konnte − spindelförmige Körper, kopfgross, meterlange Metallzylinder, winzige Phiolen mit durchsichtigen Flüssigkeiten...

Grom trat näher. Er deutete mit seiner zwölffingrigen Greifhand auf einige Stücke. „Was ist das?“

„Das sind Pistolen“, sagte Snider stolz. „Alle möglichen Typen und Kaliber. Brauchen Sie Pistolen? Ich habe noch große Vorräte...

„Was macht man damit?“ fragte Grom.

Snider lachte. „Sie sollten sich ein paar Krimis anschaun!“ Er wurde schnell wieder sachlich, als sein Blick auf Groms Schuppenkopf fiel. „Es ist eine Waffe für den Nahkampf. Man kann damit einzelne Personen sehr wirkungsvoll...nun, sagen wir: um die Ecke bringen. Haben Sie etwas dergleichen im Sinn? Sehen Sie, ich zeige es Ihnen!“

Er nahm einen Revolver aus dem Regal, stellte einen Hebel um. An der Wand wurde eine Zielscheibe sichtbar – der Umriss eines Menschen. Snider schoss − man sah die Einschüsse an Kopf, Hals und Unterleib. Grom merkte das Vergnügen, das Snider daran hatte.

„Nein“, sagte Grom. „Ich brauche etwas Wirksames, etwas für eine großangelegte Aktion.“ Er näherte sich dem Regal und blickte auf die sauber gearbeiteten Bomben, Granaten und Torpedos.

„Oh“, sagte Snider und legte den Revolver ins Regal zurück. „Da sind Sie bei mir an der richtigen Stelle. Von mir bekommen Sie kein Spielzeug. Dieses Gerät hier, ein L-Strahler − eine sehr sinnreiche Anwendung des Laserprinzips. Auf diese Weise können Sie große Energien verzögerungsfrei in die Ferne werfen und dabei sehr genau zielen. Und hier haben wir eine automatische Rakete − sie steuert ihr Ziel selbst an. Im Kopf können Sie eine Atombombe anbringen, aber auch organische Gifte, chemische Kampfstoffe usw. Und hier, diese Flüssigkeit, über Trinkwasser verabreicht, verbrennt jedes Lebewesen von innen heraus. In jenem Gefäß ist Transuran 113. Vor der Applikation wird es durch Neutronen aktiviert. Einige Mikrogramm auf die Haut gebracht, führen zu einem Zerfallsprozess, der sich innerhalb von Sekunden über die gesamte Körperoberfläche verbreitet. Wir haben auch langsam wirkende radioaktive Präparate für gezielten Effekt − man kann die Lunge und die Leber, die Milz, das Gehirn zersetzen und verfaulen lassen. Auch für den Großraumeinsatz ist gesorgt. Sehen Sie, dies hier ist ein Zerstrahlungskatalysator. Er zerstört jede komplexe organische Struktur. Die Wirkung pflanzt sich blitzschnell über Tausende Kilometer fort. Damit können Sie das Leben auf einem ganzen Planeten vernichten“. Er nickte bekräftigend. „Eine ausgezeichnete Waffe − mit selektiver Wirkung. Alles technische Inventar bleibt unangetastet..“

„Doch, ja, das wäre vielleicht brauchbar“ sagte Grom überlegend. „Aber wer garantiert, dass die Waffe das hält, was sie verspricht?“

Snider lachte wieder. Sein Lachen war schrill, und Grom fing eine Gedankenausstrahlung ein, in der sich der Gemütszustand des Menschen mit aller Nacktheit entblößte – es war die Inkarnation des Grausamen, des Entarteten, des Irrsinns. Ich muss es hinter mich bringen, dachte er.

„Kommen Sie“, forderte ihn Snider auf. Er trat an das Okular eines Fernrohrs, das auf die Erde gerichtet war. „Hier können Sie jede Einzelheit sehen. Die Waffe wurde angewandt, erst gestern − wussten Sie das nicht?“ Seine Worte wurden zu einem Geflüster. Wieder bemerkte Grom schaudernd die starke mentale Ausstrahlung. „Alles Leben auf der Erde wurde vernichtet. Überzeugen Sie sich! Einen besseren Beweis gibt es nicht. Stellen Sie nur die Vergrößerung ein, wie Sie es wollen!“

Er machte Grom Platz, der eines seiner Kugelaugen an das Okular zu bringen versuchte. Und dann sah Grom die tote Erde − die verwüsteten Städte, die verbrannten Pflanzungen, die kahle Landschaft, er sah Details, Spuren von Menschen, zu Staub zerfallen, leere Kleidungsstücke, Schuhe, Büschel von Haaren, und daneben immer wieder die Häufchen von Staub.

„Ja“, sagte Snider. „Es ist vorbei. Ich bin übriggeblieben. Allein. Und es ist völlig logisch, dass gerade ich übriggeblieben bin − ich, der die Waffen geliefert hat.“ Er drehte sich zu Grom um, der vom Fernrohr zurückgetreten war und wieder neben dem Regal stand.

„Ich freue mich“, sagte Snider. „dass wir Kontakt aufgenommen haben. Ich muss mich ja jetzt nach neuen Märkten umsehen. Haben Sie sich entschlossen? Nehmen Sie diese Waffe?“

Grom rückte näher an das Regal heran. Er streckte die Hand aus. „Unter diesen Umständen“, sagte er, „genügt mir das!“ Er hob die Pistole und richtete sie auf Snider. Jetzt hatte er keine Bedenken mehr. Er tat, was er tun musste.

 

Diese Geschichte ist in dem Band  "Einsteins Erben" enthalten und kann als Neuauflage bei der Österreichischen Computergesellschaft (OCG) bezogen werden.

Weitere Informationen zu Herbert W. Franke finden sich auf seiner eigenen Seite sowie bei Art Meets Science.

 

« 1 2 »
Veröffentlicht am: 07.12.2012

Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image