Entdeckungen beim Festival "Spielart"

Berührend, eklig und ziemlich großartig

von Michael Weiser

Einfaches, starkes Theater: "Criminal Tribes Act: Extended". Foto: Christian Altorfer

Zwei Wochen Theater, Tanz, Performance: Das war „Spielart“ 2021 in München. Und was bleibt? Unter anderem womöglich ausgerechnet die absurdesten Nummern des Festivals. Entdeckungen der aktuellen  „Spielart“-Ausgabe.

 

Ausgerechnet die besagten Aasgeier traten bei „Lullaby for Scavengers“ nicht direkt in Erscheinung, dafür umso stärker Eichhörnchen, Füchse und Fliegen, beziehungsweise Maden. Kim Nobles Solo-Abend im Carl-Orff-Saal des Gasteigs war eklig, albern, komisch, berührend und absurd, mit drei Wörtern: insgesamt ziemlich großartig. Worum es ging? Schwierig zu sagen, irgendwie um Abschied und Suche und überhaupt einige der wichtigsten Fragen der menschlichen Existenz.

Schräge Sache: Kim Nobel in "Lullaby for Scavengers". Foto Peter Hoennemann

Etwa: Wie das mit dem Tod und mit dem Sex ist, oder ob es möglich ist, wahrhaftigen Kontakt zu Tieren zu bekommen, also ein Fuchs unter Füchsen zu sein. In einer Kombination aus Video und Live-Performance lässt Noble ein totes, präpariertes Eichhörnchen ausführlich zu Wort kommen und versucht, den Bildungshorizont einer Made mit Videos von Pina-Busch-Choreographien zu erweitern. Ach, und die Aasgeier? Das könnten dann die Zuschauer gewesen sein, generell: die Spezies Mensch.

Ein Ausflug in die „Lothringer 13“

Am Ende waren alle Perlwein-Dosen geleert und auf dem Teppichboden in der „Lothringer 13“ verteilt, einen Tag später als ursprünglich geplant: Am Sonntag, nicht wie geplant schon am Samstag endete das „Spielart“-Festival, Ausgabe 2021, mit Jovana Reisingers Video-Sechsteiler „Men in Trouble“.

Talkshow-Wahnsinn und Perlwein: "Men in Trouble" in der Lothringer 13. Foto: Michael Weiser

Die spontane Sonntagszugabe bot die  unverhoffte Chance, sich frei von Theater-Termindruck einem Talkshow-Alptraum in Pink hinzugeben: Eine herrlich abgedrehte Dekonstruktion des Daily-Talk-Wahnsinns, mit tragikomisch scheiternden Dialogen, desinteressierter Regie und frustrierter Moderatorin (Julia Riedler), mit feministischen Parolen, oberflächlichen weiblichen und zuvorkommend weichgespülten männlichen Gästen.

Die ganz großen Fragen von Liebe, Glück und Glaube mit absurd geringem Ertrag verhandelt zu sehen, machte zum Abschied von „Spielart“ nochmals richtig Spaß.

Ausgrenzung per Kolonialgesetz

Manchmal ist die Wirklichkeit schon ohne Überzeichnung absurd genug. Wie "Criminal Tribes Act: Extended" (Regie: Sankar Venkateswaran) zeigt, die Fortsetzung von "Criminal Tribes Act", das 2017 bei "Spielart" zu sehen gewesen war. Es behandelt vordergründig das so krass ungerechte und westlichen Augen unlogische Kastensystem in Indien. Viel mehr aber geht es noch um den britischen "Criminal Tribes Act", ein Gesetz, das auf das indische Kastensystem aufbaute und es vertiefte, indem es Nomaden als Menschen mit Hang zur vererbbaren Berufskriminalität mit Strafe bedrohte.

Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist seitdem mit minderwertigen Eigenschaften verknüpft. Und noch heute können in Indien Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft schlecht behandelt, ja geschlagen und massakriert werden. Andererseits ist das System so absurd, dass "Unberührbare" weder Wasser noch Brunnen berühren dürfen - so dass Menschen höherer Kasten gezwungen sind, den "Unberührbaren" im Schweiße ihres Angesichts sowohl Wasser zu fördern als auch in ihre mitgebrachten Gefäße zu gießen.

Auf der kleinen Bühne des Volkstheaters unterhielten sich darüber die Schauspieler Chandru und Rudy. Letzterer, des Englischen mächtig, will die Geschichte Chandrus verkörpern (Chandra Ninsasam, der vorgibt, lediglich die indische Sprache Kannada zu beherrschen). Chandru besteht auf sein Recht, seine eigene Geschichte zu deuten, seine Regieanweisungen nehmen mehr und mehr eine gewalttätige Färbung an. Und auf einmal wirken festgeschriebene Rollen umgekehrt.

Chandru und Rudy (Anirudh Nair) klagen nicht nur an, ihre Geschichte erzählen sie leichtfüßig und mit Humor. Mit einem einfachen, starken Bild setzen die beiden den Schlusspunkt. Rudy will Chandru einen Krug mit Wasser reichen - da fällt das Gefäß zu Boden und zerbricht. Indem die beiden das widersinnigste Beispiel des Kasten-Alltags evozieren, verdeutlichen sie zugleich, wie zerbrechlich der Frieden in einer Gesellschaft sein kann.

Veröffentlicht am: 10.11.2021

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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