Am Münchner Volkstheater

Sentimental Journey, Riesenspaß und Diskursstifter - so war Radikal Jung 2026

von Jan Stöpel

"Die Allerletzten", inszeniert von Marco Damghani. Foto: Ute Langkafel/Aybüke Kücük

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Radikal Jung kommt gut in die Jahre: Die 20. Auflage des Festivals der jungen Regie präsentierte dem Publikum zwölf Stücke. Der verdiente Sieger: "Die Allerletzten" vom Theater Maxim Gorki in Berlin, inszeniert von Marco Damghani. Was sonst noch los war bei der Jubiläumsausgabe.

Klar, ein Apfelbäumchen:  Du pflanzt es, Tipp von Martin Luther, wenn das Ende der Welt nahe ist. Du darfst es natürlich auch setzen, um anzufangen. Der Baum als gutes Omen, ein Ausrufezeichen der Hoffnung: Das hier soll Heimat werden. Den Bäumchen von Noah und Yasmin geht’s grad nicht so gut, Yasmin hat’s mit dem Wässern nicht gerade übertrieben. Die Gewächse sind etwas angehört. So wie der Traum vom Häuschen auf dem Lande: Draußen die braunen Nachbarn, drinnen die Geister vergangener Zeiten, Muff aus tausend Jahren, die Finsternis, die aus den Wänden sickert, die Gruppenfotos in Schwarzweiß von Männern in Uniform. Yasmin und Noah haben aufgeräumt und renoviert, das Geld ist geschwunden, und mit ihm die Kräfte. Die beiden schauen zurück, aufs Kennenlernen, die Liebe, den Umzug. Die Angst, die seitdem mehr und mehr die Regie übernommen hat. Man hat sich eingegraben in diesem Dorf abseits der großen Stadt.

„Die Allerletzten“: So heißt das bemerkenswert intensive und intime Stück, das Marco Damghani geschrieben und für das Maxim Gorki Theater in Berlin auf die Bühne gebracht hat. Das Siegerstück bei Radikal Jung 2026, zu Recht, weil es so - rund ist, so eindrücklich wie still. Der Text vermeidet den Zeigefinger, ist konzentriert und treffsicher. „,Nazis raus’ schreit es sich am leichtesten, wo keine Nazis sind“, sagt Noah mal. Die Dialoge changieren zwischen Liebe und Wut, intimer Nähe und Distanz, Trauer und Rechtfertigungszwang. Jonas Dassler und Aysima Ergün haben diese Leichtfüßigkeit, diese scheinbare Beiläufigkeit, die den Zuschauer vergessen lässt, dass er einer Vorstellung bewohnt. Sie wird wohl zurückziehen in die Stadt, sie will sich nicht gegen die braunen Nachbarn verbarrikadieren. Er will bleiben, Ausharren als heroischer Akt, obwohl sie doch findet, dass sie einen Partner brauche, keinen Helden.

Die beiden Darsteller kommen mit minimaler Ausstattung aus. So bleibt Raum fürs Kopfkino. Lichtketten hängen von der Decke, symbolisieren mal das Haus. Am Ende erlischt das Licht im kleinsten Saal des Volkstheaters - nur die erneut umdrapierten Lichtschnüre ergeben: zwei Apfelbäume, die im Dunkel leuchten. Ist da noch Hoffnung?

Zwölf Stücke standen bei der Auflage 2026 auf dem Spielplan von Radikal Jung, ein Motto, einen Nenner, einen Trend zu finden: Wie eigentlich immer schwierig. Das Festival lebt nach wie vor auch in der 20. Ausgabe von seiner Bandbreite. Und von seiner Internationalität. Zu den besten Stücken gehörte „Hello“ von Olivia Hyunsin Kim: Drei Leben, drei Geschichten - drei Perspektiven für Einblicke in ein abgeschottetes Land. Tanz, Wahrsagerei und Essen schaffen die Grundlage für so etwas wie einen virtuellen Begegnungsraum. In dem man sich, ursprünglich in eine von drei Gruppen eingeteilt, beim Speed Dating austauschen konnte.

Nicht alles ist radikal, nicht alles wirkt wirklich jung. „Antigone“ nach Sophokles, in der Fassung von Roland Schimmelpfennig etwa. Regisseur Mikhail Charkviani lässt in seiner Produktion für das Staatstheater Wiesbaden das Drama vom Widerstand gegen unmenschliche Gesetze zwischen drei Reihen von insgesamt zwölf Klavieren laufen. Klaviatur der Macht, Quelle von Misstönen: So kann man den Stoff einrahmen. Mit einem Zuviel an Videos und Übertiteln, noch dazu einer Schauspielerschar in Dauererregung - da wirkte das Drama jedoch so getragen wie gekünstelt.

Zum Ausdauertraining wurde gar „Der Idiot“ nach Dostojevski. Milena Michaleks Fassung für das Theater Münster verläuft sich im Personentableau, zumal die Akteure geschlechterübergreifend meist zwei Rollen übernehmen. Unbeirrbar und souverän bleibt allein der Fürst Myschkin von Clara Korneck: Ein guter Mensch von Petersburg. Sein Beispiel setzt sich am Ende unvermittelt durch. „Alle sind erlaubt“, jubelt am Ende ein Schauspieler, „was für eine Herrlichkeit!“

In der Woche des Festivals war sogar unter Theater-Afficionados viel von Fußball die Rede, wegen des Dramas des FC Bayern gegen Paris Saint Germain. Auch im Spielplan rollte der Ball: „Der Zauberer von Öz“ in der Regie von Aram Tafreshian (Theater Bremen) verhandelt am Beispiel von Mesut Özil Themen wie Migration und Willkommenskultur. Bunt und wortreich war es, nicht immer schlüssig. Özil-Fans und -Kritikern sei auf jeden Fall die nachvollziehbarere ZDF-Doku ans Herz gelegt.

Zwei unterschiedliche Halbzeiten hatte „Unruhe“, Nolwenn Peterschmitts Tanzperformance mit der Groupe Crisis aus Marseille. Die erste Hälfte bescherte dem womöglich mittanzenden Betrachter Aufschluss über Massenphänomene und Manipulation, die zweite Hälfte zog sich im Mythenbrei nervig dahin.

Kolonialismus und Migration sind die Themen von „Opera of Hope“ in der Regie  Marbel Preach von Kampnagel Hamburg. Leider bleibt die „Oper“ auf seichtem Musical-Niveau, synthielastig wie zuletzt in den 90er Jahren. Wo blieb die erregende Fusion aus ghanaischer Musik und Jazz, die die Erzählerin in Deutschland erlebt haben will?

Ganz groß: „Minihorror“ von Alina Fluck am Theater Magdeburg. Ein Paar verfängt sich im kleinen Horror des Alltags zwischen Telefon-Warteschleifen und Vordrängeln im Wartezimmer der Arztpraxis. Ein schriller Trip wie ein Comic Strip, temporeich, witzig und manchmal ein klein wenig gruselig, getragen von vier hervorragenden Schauspielern: Anton Andreew, Laura Fouquet, Luise Hart und Niklas Hummel.

Wenn Sitzsäcke zu Barrieren werden. Oder zur Figur des Vaters. Oder zu Puzzleteilen einer neuen Identität: Chiara Liotine kommt bei ihrer Bearbeitung von Édouard Luis Roman „Anleitungein anderer zu werden“ fürs Thalia in Hamburg mit spärlichen Mitteln aus. Den Kampf mit Herkunft, Sexualität und Armut zelebriert Johannes Hegemann als Solist mit beeindruckender Präsenz. Die Erzählung von einem Weg mit vielen Windungen, von Eddy zu Èdouard, vom Außenseiter zum Intellektuellen, packte die Zuschauer - trotz des nicht mehr ganz neuen Themas. Warum beschleicht einen da manchmal der Verdacht, man wohne einer Sozialkundestunde bei?

Um Heimat und Herkunft drehte sich auch „Heidi“ von Lena Reißner und Ensemble, eine Co-Produktion vom Theater Freiburg und dem Theater Neumarkt Zürich. Mehr Heimat, mehr Heimlichkeit vielmehr geht gar nicht. Und so sorgt Reißners heterogenes Ensemble von Anfang an für maximales Befremden. Heidi lebt, sie ist beschäftigt, sie ist alt geworden, sie ist - tot: Mit Tempo und Spielfreude fügen Elisa Lynn Dillier, Victor Calero, Challenge Cumbodete, Kei Muramoto und Anja Schweitzer ein Bild der Widersprüche zusammen. Ein Bild wie Heidi selbst: nationales Denkmal der Eidgenossenschaft und zugleich globales Popphänomen.

 

Jüngere Bühnenklassiker sind bei Radikal Jung schon seit längerem selten.  Diesmal blieb das Lily Kuhlmann vorbehalten, die mit Dürrenmatt „Besuch der alten Dame“, produziert für die Vagantenbühne Berlin, zu Radikal Jung eingeladen wurde. Dürrenmatts Aussagen sind so klar, dass sie gut zur Schullektüre taugen. Die insgesamt doch biedere Mischung aus Klamauk und Horror fügte dem alten Dürrenmatt keine neue Ebene hinzu.

Ein anderer Klassiker der Moderne: „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, der Eigenbeitrag des Münchner Volkstheaters in der Regie von Anna Marble. Eine witzigem temporeiche und präzise choreographierte Farce zu Konformität und skeptischer Widerständigkeit.

Was war Radikal Jung 2026 noch? Familiär, wie eh. C. Bernd Sucher waltete zum letzten Male als Mitglied der Jury neben Leon Frisch, Hannah Mey, Isabelle Redfern und Christine Wahl. Das Festival werde er aber weiter besuchen, kündigte er an, bevor er unter großem Beifall das Podium des Festivalzelts verließ.

Radikal Jung 2026, das war auch wieder ein Klassentreffen, diesmal auch der ehemaligen Festivalteilnehmer. Zur 20. Auflage hatten viele von ihnen persönliche Gedanken zum Festival ans Volkstheater geschickt. Etwa Milos Lolic, der mit seiner Fassung von „Gott ist ein DJ“ vor 15 Jahren bei Radikal Jung gastierte - und damit den Durchbruch schaffte. „You changed my life“, schrieb er ans Faestival adressiert, „it’s not a joke!“ Stundenlang könne er berichten, wie wichtig die Begegnungen gewesen seien, die Diskussionen und die feuchtfröhlichen Abende - der Autor dieses Berichts über die  Auflage 2026 meint sich gut daran erinnern zu können.

Veröffentlicht am: 08.05.2026

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