Kommentar zu den Wissenschaftstagen
Zwischen Festival und Berufsmesse für Schulkinder
Die Ankündigung klang vielversprechend: Die Münchner Wissenschaftstage im Forum Schwanthalerhöhe warben zusammen mit der Mitmachmesse "Forscha" für ein Wissenschaftsfestival für alle Altersgruppen. Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und weitere Institutionen wollten vom 17. bis zum 19. Juli 2026 vielzählige interaktive Mitmachstationen, Workshops, Vorträge, Diskussionsrunden und Science Shows zu Themen wie künstliche Intelligenz, Raumfahrt, Quantentechnologie, Medizin, Nachhaltigkeit und Ernährung präsentieren. Ziel war es, Wissenschaft verständlich, interaktiv und generationenübergreifend erlebbar zu machen.

Großer Andrang herrschte an den Mitmachstationen der Wissenschaftstage - insbesondere die Angebote des Munich Center for Quantum Science and Technology (MCQST) zogen viele Familien an. Foto: Olga Levina
Der Besuch am Sonntag zeichnete jedoch ein deutlich anderes Bild.
Erwachsene mit dem Wunsch nach wissenschaftlicher Vertiefung trafen zunächst auf eine schier überwältigende Zahl an Kindern. Das Bild wurde geprägt von schulklassenartigen Ansammlungen, die zeitweise das Gefühl vermittelten, als sei eine ganze Schule gleichzeitig vor Ort. Dass dieser Eindruck ausgerechnet an einem Sonntag entstand, überrascht etwas, weil ein Andrang im Schulklassenformat am Freitag zu erwarten gewesen wäre.
Der Geräuschpegel erreichte über weite Strecken ein Niveau, das konzentriertes Lesen oder längere Gespräche erschwerte. Gedränge, Warteschlangen und permanenter Lärm bestimmten somit den Aufenthalt. Viele Stände waren leider kaum erreichbar und Informationstafeln teilweise nur aus der Distanz zu erkennen. Wer hoffte, mit Forschern ins Gespräch zu kommen oder sich in Ruhe mit wissenschaftlichen Inhalten auseinanderzusetzen, fand dazu nur selten Gelegenheit.

Wissenschaft zum Anfassen: Auf der Ausstellungsfläche wurden Experimente, Beratung und Mitmachangebote angeboten. Foto: Olga Levina
Die Inhalte bewegten sich überwiegend auf elementarem Niveau. So wurde etwa erklärt, dass Bakterien nicht ausschließlich Krankheitserreger sind, sondern im menschlichen Körper wichtige Funktionen erfüllen. An anderer Stelle ging es um die Entstehung verschiedener Zelltypen. Für Kinder oder absolute Einsteiger sind solche Erklärungen sicherlich sinnvoll. Für Erwachsene mit allgemeinem Interesse an Wissenschaft boten sie jedoch kaum nennenswerten Erkenntnisgewinn.
Eine Ausnahme bildete ein Stand zur Herstellung von Mikrochips. Dort wurde für Groß und Klein anschaulich erläutert, wie moderne Halbleiter gefertigt werden. Selbst Besucher mit Vorkenntnissen konnten hier noch einzelne interessante Details mitnehmen. Gerade weil dieser Stand einen etwas tieferen Einblick bot, wurde umso deutlicher, wie selten vergleichbare Angebote auf der Veranstaltung insgesamt waren. Im Gegensatz dazu bot das Eventeiniges für Kinder und Jugendliche.

Kinder und Erwachsene konnten sich im Löten ausprobieren und technische Grundlagen in der Praxis kennenlernen. Foto: Olga Levina
Insgesamt entstand weniger der Eindruck einer Wissenschaftsausstellung, als vielmehr der einer Berufsmesse für Nachwuchstalente. Zahlreiche Stände dienten nämlich erkennbar der Studien- und Berufsorientierung. Gleichzeitig wirkte der überwiegende Teil des Publikums deutlich jünger als das Alter, in dem Studien- oder Berufswahl tatsächlich eine Rolle spielen. Die meisten Kinder schienen kaum älter als zwölf Jahre zu sein. Viele waren auch um einiges jünger. Trotz dieser Diskrepanz erscheint es möglich, dass manche von ihnen hieraus Inspiration schöpfen könnten, die ihre spätere Berufswahl prägt.

Ist das die Zukunft des Spielens? Vieles davon ist längst keine Vision mehr, sondern bereits Realität. Foto: Olga Levina
Untergebracht wurde das Ganze in den Räumen eines Einkaufszentrums, in dem sich das Event auf drei Etagen und wenige, freigeräumte Ladenflächen verteilte. Ein klassisches Messegefühl wollte dabei kaum entstehen. Das, was am meisten an eine Messe erinnerte, waren die ausliegenden Werbegeschenke wie Gummibärchen, Kugelschreiber, Bleistifte und andere kleine Give Aways. Hin und wieder ließ sich auch beobachten, wie Eltern eine ganze Handvoll dieser Artikel in Taschen verschwinden ließen, was eher der Jagd nach kostenlosen Werbeartikeln im Rahmen einer klassischen Business Messe, als einem messeähnlichen Wissenschaftsfestival glich. Am Ende bestand auch die Ausbeute des Besuchs der Journalistin dieses Textes aus einer Packung Gummibärchen und einem Aufkleber in Form einer Vermisstenanzeige von Schrödingers Katze, mit der Aufschrift: "Wantend - dead & alive. Schrödinger's cat - last seen before box was closed" - ein ernüchterndes Fazit für eine Veranstaltung, die wissenschaftliche Neugier bei Groß und Klein wecken möchte - auch, wenn der Aufkleber sehr gelungen ist.

Die begehbare "SpaceBuzz One" der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR vermittelte Besuchern einen Eindruck davon, wie sich eine Reise ins All anfühlen könnte. Foto: Olga Levina
Der Versuch, die angekündigte virtuelle Reise ins All zu besuchen, verlief ebenfalls nicht wie gehofft, wobei gerade dieser Programmpunkt zu den Angeboten gehörte, die auch für Erwachsene interessant werden konnten. Leider wurden nämlich bereits am Nachmittag keine Besucher mehr angenommen, obwohl die Veranstaltung noch lange geöffnet hatte.
Zwar bot das Programm auch Vorträge an, die sich an Erwachsene richten sollten - überwiegend war das Angebot jedoch auch in diesem Bereich auf Kinder und ihre Begleitpersonen zugeschnitten. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint die Auswahl der behandelten Themen gelungen.
Die Münchner Wissenschaftstage dürften für Kinder eine empfehlenswerte Veranstaltung sein, weil sie die Möglichkeit bieten, spielerisch erste Berührungspunkte mit verschiedenen Berufsfeldern zu sammeln. Als Wissenschaftsfestival für Erwachsene oder gar als Veranstaltung für alle Altersstufen hinterließ sie hingegen einen anderen Eindruck. Wer die Erwartung hatte, sich in Ruhe mit aktuellen wissenschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, durfte den Heimweg eher mit Werbegeschenken als mit neuen Erkenntnissen antreten. Als Familienveranstaltung oder Nachwuchsmesse wäre die "Forscha" treffender beschrieben – als Wissenschaftsfestival für alle Generationen löste sie ihren eigenen Anspruch, zumindest nach den Eindrücken dieses Sonntags, nicht ein.




