Zwischen Himmel und Hölle! Mit Skywalks, Rutschen und Stränden klettert die Alpen-Vermarktung in schwindelnde Höhen

von kulturvollzug

"Skywalk" an der Kölnbreinsperre im Maltatal (Foto: Karl Stankiewitz)

Neues Programm im Alpenzirkus: Skywalks, Rutschen und Strände. Mit schöner Aussicht, Enzian und guter Luft allein lassen sich Touristen heute nicht mehr locken. Spaßfaktor und Nervenkitzel lassen die Alpenregion in Wachstumsvisionen investieren. Eine Entwicklung gegen den Trend?

Ein Balkon aus Stahl hängt an dieser begehbaren Krone der zweihundert Meter hohen Betonwand, der höchsten Staumauer Österreichs, der Kölnbreinsperre. Atemberaubend ist der Blick - über die Brüstung, durch den Glasboden oder ein Bodengitter - von 1900 Metern Seehöhe hinunter ins "Tal der stürzenden Wasser", wie das Maltatal in Kärnten schon in alten Dokumenten hieß. Manchen Besucher mag da ein wohliger Schauer überkommen. Im zylinderförmigen Berghotel, nur ein  paar Schritte entfernt, werden mutige Gäste an der Bar zum Bungee-Sprung animiert; am Seil können sie sich 165 Meter in die Tiefe stürzen. Fast fünf Millionen Euro ließ sich der "Verbund", einer der größten Stromerzeuger Europas, diese Neuheit und einige weitere nebenan kosten.

Eine Kanzel zum Schauen oder zum Schaudern? Schönblick oder Schandfleck der Bergwelt? Der "Skywalk" ist die jüngste Attraktion im Alpenzirkus. Der erste war mit Hilfe von zwei deutschen Firmen im etwas zurückgebliebenen Westen des amerikanischen Grand Canon gebaut worden. Plötzlich, 2010, bahnte man solch "himmlische Wanderwege" auch in den Alpen, nicht zueltzt am schmalen bayerischen Rand. Hier begann es mit einem Riesenfernrohr: an der Bergstation der Karwendelbahn bei Mittenwald ragt es auf 2244 Metern sieben Meter über die Felskante. Es folgte die Alpspitze. Bei 60 Helikpterflügen wurden 84 Metallteile auf 2200 Meter transfortiert, 24 Meter tief im Fels verankert und zu einer Aussichtskanzel montiert, die 16 Meter in den Himmel hinausragt und die Form eines großen X hat, fast tausend Meter über der Garmischer Hölenschlucht. Den sogenannten "AlpspiX" ermöglichte  Geld aus Österreich. Dort ist man, wie immer, dem Trend bereits ein Wegstück voraus.

"Skywalk" an der Kölnbreinsperre im Maltatal (Foto: Karl Stankiewitz)

Nach der Erschließung haben die Mobilisierung und Vermarktung der Alpen neue Höhen erreicht, die richtig abenteuerliche Aussichten bieten. Das Zirkusprogramm wird einem analysierten und vermeintlichen Zeitgeist angepasst. "Der Berg als Freizeitarena Mitteleuropas" - so lautet das Motto einer Doppelmesse, die in Bozen die allerneuesten Berg-Maschinen und Projekte präsentierte. Erkennbar wurde dort ein Haupttrend: Noch mehr Ideen und Investitionen für den alpinen Sommertourismus.

Also noch mehr Spaß und Sport vor allem für ein jüngeres Publikum, wenngleich die Entscheidungen nun infolge der Finanzkrise - wie es in Bozen hieß - "etwas länger dauern". Widerspruch gegen die neu aufgebrochenen Wachstumsvisionen hörte man jedoch gleichzeitig beim 20. Tourismus-Forum der Alpenregion in Engelberg. So meinte die Münchner Freizeitforscherin Felicitas Romeiss-Stracke, etwa ein Drittel der westeuropäischen Bevölkerung werde sich "zur Sinngesellschaft bilden", und die brauche nicht noch mehr "Halligalli und Allinclusive rund um die Uhr", sondern schäte wieder Einfachheit, Natur- statt Kunstwelten und echte Erfahrungen, die emotional berührten.

Ungeachtet aller Theorien aber schreitet der Umbau der Alpen zur Kunstwelt rüstig voran. Das Schlag- und Leitwort heißt: "Inszenierung"! Und dies gilt nicht mehr nur für "Alpen-Lifestyle-Metropolen" wie das hier führende Ischgl, wo für die Saison 2010/11 noch einmal 20 Millionen Euro investiert wurden, oder andere First-class-Arenen; das Zillertal beispielsweise hat das für weitere 32 Millionen Euro aufgerüstet. Zunehmend wollen auch bisher stille Orte mithalten im alpinen Show-Business.

Hochseilgarten Ötztal (Foto: AREA 47/Markus Geisler)

Kapital genaug scheint trotz der Finanzkrise verfügbar zu sein. Andernfalls oder obendrein spekulieren Betreiber und Gemeinden auf öffentliche Finanzspritzen, insbesondere aus dem Regionalfördertopf der EU, aus dem sich ein Anteil von bis zu 60 Prozent holen lässt, oder aus dem Seilbahnförderprogramm des Freistaats Bayern. Und wenn man sich schon keine dieser neuen Super-Spektakel leisten kann, dann tut es auch eine Art Wanderzirkus, den - meist ortsfremde - Event-Agenturen gegen gute Bezahlung besorgen.

An Geld wird also nicht gespart. Immerhin konnte Österreichs Seilbahnindustrie in den letzten Wintern bessere Ergebnisse denn je verbuchen. Auch an Superlativen wird nicht gespart: Als "weltweit einmalig" rühmt die Tirol-Werbung einen Tummelplatz für Fans von Trend- Fun- und Outdoor-Sportarten, der am Eingang des Ötztals aufgemacht hat. Eine schwankende Netzbrücke spannte man zwischen zwei bestehende Brückenpfeiler, die als Kletterwände hergerichtet wurden. Auf diesem "Skywalk" kann man einen reißenden Fluß überqueren. Der Alpenfan der neuen Generation kann auch im Klettergurt einen "Mega-Swing" von 30 Metern wagen oder von der Freestyle-Rampe per Maountainbike oder Snowboard direkt ins Wasser jumpen. Schlafen kann er hier auch, natürlich nicht in gewöhnlichen Tiroler Gasthöfen, sondern in Tipis oder Lodges aus Holz. Kananda lässt grüßen. Im Stubaital nebenan eröffnet eines Aussichtsplattform mit Blickkontakt bis nach Innsbruck, die "ganz leicht" mit den Gletscherbahnen zu erreichen ist.

Das Kapital ist hier oft vielfach verflochten. Die "Steinplatte Aufschließungsgesellschaft mbH & Co. KG" in Waidring wählte für ihren "Skyway" die Form einer Koralle; diese Panoramakanzel schwebt 15 Meter über dem Abgrund. Eine ähnliche Anlage in Rofan ist wie ein Adlerhorst gebaut und heißt deshalb auch so. In Saalbach entstand ein "Turm 6", der im ersten Betriebsjahr eine Million Menschen, dreimal so viel wie bisher, auf beheizten Sesseln beförderte. In Schladming entsteht für die Ski-WM 2013 ein "Planet Planai": ein überdimensionaler Looping mit tausend Quadratmeter großer Glasfläche. Riesige Seilrutschen, "Flying Foxes" genannt, breiten sich ebenso rasch alpenweit aus wie allerlei andere Freizeitattraktionen. Vom 2038 Meter hohen Gschöllkopf schwingt man sich per "Skyglider" mit Tempo 80 zu Tal. Serfaus, einst wegen seiner umweltfreundlichen "Dorf-U-Bahn" gerühmt, veranstaltet einen "Waterslide Contest", bei dem das Skirennen in einem Bassin endet, und den Wettbewerb "Chill & Destroy", während Jerzens mit "Fire & Ice" und Hochfilzen mit einem Volksbiathlon aufwarten. Die Alpen als Abenteuerspielplatz mit Adrenalin-Ausstoss, gleichsam ein Outdoor-Oktoberfest? Ins Kalkül kommt jedenfalls eine neue Größe: der "Spaßfaktor".

Neue Attraktionen locken und beschleunigen auch jenen Freizeitgast, der sich eher weniger bewegen will. In der "Skiwelt Wilder Kaiser", mit 91 Liften das größte Verbundskigebiet Österreichs, erspart ein 20 Meter langes Förderband mit anschließendem, solarbetriebenem Lift den ohnehin kurzen Anstieg. Solche "Zauberteppiche" stehen fußmüden Touristen jetzt vielerorts zur Verfügung. Im französichen Skiort Val Thorens erreichen sie ein Rekordtempo von 1,2 Metern pro Sekunde. Rolltreppen gehören längst zur Ausstattung vieler Bergbahnstationen.

Und Wasser! Für die wichtig werdende "Summer World" offeriert eine Münchner Event-Agentur namens "The Wave" mobile, schnell montierbare Wasserbecken, worin Pumpen eine Surfwelle erzeugen, ähnlich der im Münchner Eisbach. Auf dem Pilatus, den von Luzern aus die steilste Zahnradbahn der Welt erklimmt, wurde auf über 2000 Meter Höhe gar ein Wasserspielplatz mit Strand und Wasserwanderweg installiert, in Verbindung mit einer überdeckten Panoramagalerie zwischen der Bergstation und dem Gipfelhotel. Die Planer von künstlichen Stränden haben nach den Großstädten die Berge entdeckt.

Der Gipfel zeitgemäßer Geschmacksfindung indes dürfte die 55 Meter hohe Jesus-Statue sein, die ein Hamburger Unternehmer auf Anregung eines Bergbahnbetreibers und nach Vorbild der 20 Meter kleineren Christus-Figur von Rio auf den 1613 Meter hohen Gipfel des Predigtstuhl bei Bad Reichenhall stellen wollte. Doch die Stadträte - mit einer Ausnahme - sowie die Kirchen versagten ihre Zustimmung, obwohl bereits ein Künstler engagiert und zwei Millionen Spendengelder in Sicht waren. Nunmehr wäre dem Initiator auch ein Berg mit einem weniger sakralen Namen als Standort genehm.

Karl Stankiewitz

 

 

Veröffentlicht am: 01.11.2011

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