Deutschland-Premiere am Staatsballett

Entsetzlich brave Cinderella

von Isabel Winklbauer

Vier ästhetische Vogelmänner sind Cinderellas (Madison Young) Gefolge. Foto: Serghei Gherciu

Christopher Wheeldons "Cinderella" erlebte ihre Uraufführung 2012 am Dutch National Ballet in Ansterdam. Das ist keine zehn Jahre her, und doch wirkt das Stück verstaubt. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass das Märchenballett – der direkte Nachfolger von Wheeldons 2011er "Alice im Wunderland" – im Grunde genommen nicht alt, sondern altmodisch ist. Die Charaktere und vor allem die Choreografie haben jedenfalls nichts zu bieten, wenn man bei ihnen nach Beweisen für das Gegenteil sucht.

Gäbe es nicht die tschechische Märchenverfilmung "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", würde das Ganze vielleicht gar nicht so auffallen. Wer sich aber an die Jagdszene erinnert, in der die unvergleichliche Libuse Safrankova den Prinzen beim Armbrustschießen besiegt und ihm noch die Mütze ins Gesicht zieht, der kann bei Wheeldon nur zu dem Schluss kommen, dass seine Cinderella entsetzlich brav und kein bisschen selbständig ist. Seine Cinderella darf sich vor allem in endlosen Arabesken ergehen und sich spektakulär heben lassen, das ist von "Schwanensee" oder auch von "La fille mal gardée" meilenweit weg. Sie reitet nicht, widerspricht nicht, schießt nicht, hat kein Geheimnis. Sie hat nichts zu tun, als die Geschichte mit sich geschehen zu lassen. Das ist natürlich auf keinen Fall Madison Young anzulasten, die zur Premiere die Hauptrolle tanzte. Die zarte Solistin aus Houston, die via das Staatsballett Wien nach München kam, ist technisch auf höchstem Niveau und eine bezaubernde Darstellerin klassischer Rollen. Aber der Part, den sie hier ausfüllen muss, liegt unter ihrem Niveau. Man sehnt sich nicht nur nach Safrankova und danach, wie sie mit dem Besen den Staub ins Gesicht der Stiefmutter fegt, sondern auch nach starken Frauen wie Medora, Nikiya und Odette.

Edvina (Elvina Ibraimova, o.) und Clementine (Bianca Teixeira) geben sich Gegenseitig auf die Mütze. Foto: Serghei Gherciu

Die anderen Charaktere sind noch ärmer dran. Prinz Guillaume (Jinhao Zhan, ebenfalls in hier nutzloser Topform) hat schlicht gar keine Geschichte. Nur als er die Einladungen zum Ball verteilt, tauscht er mit seinem Freund Benjamin die Rollen, so dass er mit Cinderella am Kamin flirtet, während die Stiefschwestern Benjamin (Jonah Cook) umgarnen. Das Spiel wird später aber nicht mehr aufgegriffen. Besonders leiden die Stiefmutter Hortensia und die Stiefschwestern Edwina und Clementine: Prisca Zeisel darf die zweite Frau von Cinderellas Vater als Schnapsdrossel vorführen, die sich auf dem Ball zuschüttet und ihren Rausch auf der Couch ausschlafen muss – liebloser angelegt sieht man kaum eine dunkle Rolle, wobei Zeisel wenigstens versucht, mit gravitätischem Stolz so etwas wie Seele in die nüchternen Momente Hortensias zu bringen. Mit dieser Langer-Rock-Rolle ist sie freilich unterfordert. Aber es gibt in dem Stück auch kaum Rollen, in denen sich Tänzer zeigen können, es ist mit seinen unentwegten Drehungen, Hebungen, Arabesken und Attitüden nur auf Effekte ausgelegt. Die Stiefschwestern sind so simpel und grotesk gezeichnet, dass man sie auf keinen Fall als echte Bedrohung für Cinderella nehmen kann. Sie ziehen ständig aneinander herum, drücken sich gegenseitig nieder und exponieren sich offenkundig als lächerlich. Das hat keine Tiefe. Clementine (Bianca Teixeira) trägt außerdem eine Brille, so dass sie aussieht wie die Hauptfigur aus der 90er-Jahre-Serie "Ugly Betty". Gnädigerweise bekommt sie am Ende Benjamin ab, denn Brillenträgerinnen sind eigentlich gar nicht böse, scheint die Botschaft zu lauten. Das alles ist in Zeiten von #metoo zum Aufstöhnen, auch wenn man kein Eiferer der Bewegung ist.

Brav, gestylt, gesund: Cinderella (Madison Young) und Guillaume (Jinhao Zhang) entsprechen bei Wheeldon gut dem Typus des eher spießigen Teenagers. Foto: Serghei Gherciu

Freude macht allerdings die Ausstattung, teilweise. Ist es eine gute Idee, Kostüme aus verschiedenen Jahrhunderten zu kombinieren? Dem einen gefällt die Üppigkeit, für den anderen wirkt es unentschieden: Mal trägt das Corps de Ballet Barockroben, dann wieder Biedermeier. Der eine trägt 1900, der andere frühes Rokoko. Zum Ball geht Cinderella in einem goldorangefarbenen New-Look-Kleid à la Dior der 50er, worin sie zugegeben sehr berührend aussieht auf ihrer Kutsche, die aus allen möglichen Wesen des Waldes zusammengesetzt ist. Dieser Moment ist der einzige, der es mit der hoch liegenden tschechischen Messlatte aufnehmen kann. Zeitlos und überirdisch sind die vier blauen Vogelmänner kostümiert, die Cinderella stets umgeben, und damit erholsam anzusehen.

Besonders schön sind jedoch die technischen Spielereien, mit denen das Bühnenbild gestaltet ist. Zum Beispiel verändernim ersten Akt die Porträtbilder an der Wand ihre Gesichter und kommentieren so das Geschehen unter ihnen. Der fluoreszierende Baum in der Wunsch-Szene besitzt seine eigene grüne Magie, beim Ball entzünden die Diener eine nicht zählbare Menge an Kronleuchterkerzen, die dann wie kunstvolle Sternenbündel gen Decke schweben. Später tanzen schwarze Schatten vor blauen Fenstern.

Jeder will den Schuh probieren, auch die Zauberwesen des Waldes. Foto: Wilfried Hoesl

Wer mit Wheeldons "Alice im Wunderland" zufrieden war, könnte auch seine "Cinderella" mögen. Wer sich aber mit Schaudern an Graeme Murphys Revueballett "Die silberne Rose" von 2005 erinnert, der wird meinen, der Alptraum sei zurückgekehrt. Bedrückend, dass es über Weihnachten hinweg bis in den Januar 2021 hinein nichts anderes gibt als nun diese "Cinderella". Erst am 14. Januar steht die Wiederaufnahme von "Giselle" auf dem Plan. Einige sehr interessante Tänzerinnen bereiten die Rolle vor, unter anderem Prisca Zeisel. Die 130 Euro für die erste Reihe sollte man sich für dann aufsparen.

Veröffentlicht am: 23.11.2021

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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