Tanztheater im Schwere Reiter

Gefangen im Corona-Murmeltiertag

von Isabel Winklbauer

Oh großer Wissender, wir grüßen dich! Die verängstigte Gruppe huldigt einem Forscher oder Politiker. Foto: Ufuk Arslan

Was macht die Pandemie mit uns? Johanna Richters "Fearless", das im Oktober am Neuen Globe in Schwäbisch Hall seine Uraufführung erlebte und jetzt nach München kam, geht dem detailliert nach. Die Tänzer bekamen im Schöpfungsprozess sogar Fragebögen, die nach ihren Ängsten fragten, weshalb das choreografische Ergebnis ziemlich exakt ausgefallen ist. Aber auch zu lang. In den 90 Minuten im Schwere Reiter zog sich einiges endlos hin – und nervte damit genauso wie Corona.

Körperliche Nähe ist so ein Problem, seit der Virus sein Unwesen treibt. Von Richters Protagonisten gehen damit einige relativ entspannt um, andere sind geradezu panisch, und alle umschleichen sich merkwürdig, so wie man es jetzt aus dem Supermarkt kennt. "Hi, I'm Tony Testimony!", geht ein selbst ernannter berühmter Rapper auf die anderen zu. Doch die winden sich, rennen davon oder klammern sich aneinander wie an Rettungsboote. Dann wieder tritt ein Hipster mit Ökobart auf, den alle anbeten und anlächeln, als wäre er der schwarzlockige Romeo der Virologie. Man springt aber auch schon mal aufeinander herum, schließlich spielt das Ganze ja in einer Art Käfig, dargestellt durch eine winkelförmige Grundfläche mit Metallgestänge darüber. Man klebt aufeinander. Das ist dumm, wenn man einander misstraut.

Eine Technoparty mit Tanzeinlagen vereint die Protagonisten. Foto: Ufuk Arslan

Und dann ist da noch die Sprache. Jeder redet seinen eigenen Slang, der Rapper Tony natürlich Englisch, aber das versteht von den fünf anderen nur einer, und der verheimlicht es. Eine etwas hysterische Dame im Abendkleid palavert Italienisch, die anderen sprechen gar Fantasiesprachen. Einer Blondine im Jogginganzug wird es zu bunt. "Ich verstehe euch nicht!", wütet sie, "seid endlich still!" Die Situation ist wirklich beklemmend. Was leider auch 60 Minuten ausgewalzt wird. Der tänzerische Aspekt tritt sowieso stark in den Hintergrund, denn Corona braucht eher eine Pantomime der Gruppe – deren einfache Gesten, wie umarmen, wegstoßen, umschubsen, niederringen, anbeten nun mal schnell erschöpft sind. Es entsteht der Eindruck von Subjekten, die in einer endlosen Handlungsschleife gefangen sind. Es ist Corona-Murmeltiertag, aber nicht unbedingt absichtlich so konzipiert. Das zermürbt.

Alle kuscheln wieder miteinander – eine schöne Utopie beendet das Stück. Foto: Ufuk Arslan

Schließlich gipfelt der Bühnen-Lockdown in einer riesigen Technoparty, zu einer House- und Techno-Beatbox-Vorführung von Tony Testimony. Erlösung! Musik und Körpersprache, idealerweise Tanz, verstehen dann doch alle. Das geht bis zur allgemeinen Erschöpfung und dem Zusammenbruch eines Tänzers. Praktisch durch Zufall fällt er aus der abgewinkelten Grundfläche heraus aufs weite Parkett, denn der Raum im Schwere Reiter ist viel größer, als man der Truppe durch die Bühnenarchitektur vormacht. Und jetzt geht die Party richtig los! Die anderen folgen ihm, erkunden die Weite und die vielen weißen Kisten, die hier herumstehen wie symbolische neue Ideen. Die Tänzer umschwärmen einander, tragen neue Gedanken hin und her, berühren sich wieder, da der Fluchtweg ja so einfach ist. Zuletzt liegen alle aufeinander wie ein Haufen verschmuster Koalabären. Es gibt keine Angst mehr vor Nähe, das ist erlösend.

Doch wie kam es dazu? Einer hat die gewohnten Muster verlassen. War er nun Querdenker oder Genie, oder vielleicht der Messias? Darauf gibt es natürlich keine Antwort. Leider gibt "Fearless" keine Anleitung, wie man das wird, angstfrei. Vorerst hilft aber bestimmt House- und Technotanzen. Wer dem besten Tony Testimony folgt, den er findet, macht zumindest nichts falsch.

Am 27. Januar 2022 gastiert das Stück noch einmal am Theater in Kempten.

Veröffentlicht am: 30.11.2021

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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