Interview mit dem Chirurgen Armin Parzhuber

"Es ist ein Kampf gegen die Windmühlen des Algorithmus"

von Michael Wüst

Armin Parzhuber. Foto: privat

Kulturvollzug sprach mit dem Chirurgen Armin Parzhuber, der bis vor kurzem am Kreiskrankenhaus Dachau arbeitete. Armin Parzhuber studierte an der LMU München, es folgten sechs Jahre als Assistent, dann als Oberarzt, Universitätsklinik München, schließlich war er 20 Jahre leitender Oberarzt Chirurgie Dachau. Im Gespräch wird klar, dass hinter der redundanten Information des Medienkonsumenten mit Statistiken und Graphiken aus der Pandemiebeobachtung auch rein ökonomische Fakten zu sehen wären, die mit der Modernisierung der Krankenhäuser zu tun haben.

Kulturvollzug: Nach dem Ende der DDR setzte in Deutschland mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1993 ein, was rückblickend auch als Vorbereitung auf Epidemien, speziell in Verbindung mit einem erwarteten Sars-Corona-Angriff, gedeutet werden kann: Die Welle der Privatisierungen im Gesundheitssystem nach amerikanischem Vorbild. Laut der privat finanzierten Elite-Universität Johns Hopkins galt bei Beginn der Pandemie Deutschland fast als so gut vorbereitet wie das am stärksten modernisierte amerikanische Gesundheitssystem. Mit DRG (Diagnosis Related Groups System) war die alte Tagessatzberechnung ersetzt worden durch die algorithmische, leistungsorientierte Berechnung auf der Grundlage mindestens 1300 verschiedener Behandlungsparameter. Bis 2015 war die durchschnittliche Verweildauer im "System-Krankenhaus" nach amerikanischen Vorbild um die Hälfte auf sieben Tage reduziert worden. In der aktuellen Pandemie stellte sich dann aber heraus , dass gerade eine längere Zeit im Intensivbett die großen Erlöse bringt. Bei einer langen Beatmungsdauer ab etwa 1000 Stunden rechnen sich für das Krankenhaus bis zu 200.000 Euro. Wie geht das zusammen?

Parzhuber: Das geht zusammen, weil es sich um eine Mischkalkulation handelt. Das Geschäftsmodell Krankenhaus folgt mit DRG nicht nur einer Maxime, der Verkürzung des Aufenthalts, wie etwa bei einer Gallen-OP, wo der Patient optimalerweise spätestens nach zwei Tagen aus dem Bett und den Büchern wieder heraus sein sollte. Überall dort, wo durch Komplikationen längere Zeiten anfallen, wo sich Notfälle gehäuft haben oder wo bei Elektivoperationen, die aus einer diagnostisch notwendigen "Wahl" resultieren, Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen auftauchen, berechnet das System kaufmännisch sozusagen ganz normal Sonderentgelte, wie dies nun in erheblichem Umfang durch die langen Beatmungszeiten geschieht. Es ist ja nicht abzulehnen, dass ein Krankenhaus darauf achtet, einigermaßen kostendeckend zu arbeiten, absolut verwerflich aber ist es, das Leben des Patienten dem Shareholder Value zu überantworten, was de facto geschieht.

KV: Da ist ja auch ein weiter Weg vom Krankenhausfinanzierungsgesetz, 1972, zur Modernisierung nach dem neuen Abrechnungssystem bis hin zur massenhaften Schließung von Krankenhäusern im Benehmen mit der Privatisierung der übrig Gebliebenen. 2019 prognostizierten Bertelsmann-Stiftung und McKinsey – was in Wirklichkeit ihre Forderung im Einvernehmen mit Politik und Wirtschaft war -  dass nur 600 der damals 1400 Kliniken überleben würden. Da wundert man sich nicht, dass sich Bürger darüber entsetzen, dass scheinbar das Geschäftsmodell Gesundheit wichtiger ist als ihr Leben.

Parzhuber: Sicher, das ist nachvollziehbar, aber eben nur aus der individuellen Sicht. Wenn die individuelle Sicht allerdings die gesellschaftliche zunehmend überdeckt, dann entstehen verständlicherweise Positionen massenhafter Egozentrik. Trotzdem ist die Politik dringend dazu aufgerufen, den Kahlschlag zu stoppen. Im vereinten Deutschland mit der damals weltweit größten Dichte an Kliniken sind bis dato 53 Prozent aller Kliniken verschwunden. Dass der Bettenabbau dann immer noch weitergeht mit Argumenten des Tenors, dass das Pflegepersonal einfach abhaut, keine Lust mehr hat, ist eine Frechheit. Unter Maßgabe moderner Computer-Kalkulation ist auch im Personalbereich immer wieder das Objekt der Pression der nackte Mensch. Wenn früher auf einer Station zwei Schwestern und zwei Pfleger waren, so ist das jetzt genau halbiert, eine Schwester, ein Pfleger. Der Arbeitsaufwand ist derselbe, er wird sogar größer. Wie sollen 60 Euro als tarifliches Schmerzensgeld psychisch Ausgebrannte bei der Stange halten? Die Resignation dieser wichtigen Helfer muss man als politisch gewollt bezeichnen. Krankenhauskonzerne wie Helios stellen Personal einfacher Dienste aus. Für Reinigungskräfte, Wachpersonal, Küche usw. haben die Klinikketten ihre eigenen Subfirmen, die die gleichen Positionen zu schlechterer Bezahlung wieder besetzen.

KV: Das wirkt doch wie Modernisierung nach dem Rasenmäherprinzip?

Parzhuber: Eine pauschale Modernisierung, die ja beim Bettenabbau mit dem Argument der Personalflucht weiterläuft, ist strukturell widersinnig. So gilt besonders für kommunale Krankenhäuser unbedingt der Versorgungsauftrag, da gibt es nichts, was dem Shareholder weiter versilbert werden darf. Mildernd wirkt, dass hier im Landkreis Dachau viele Schwestern noch aus dem ländlichen Umfeld kommen und sich nicht auch noch den großstädtischen Mietverhältnissen aussetzen müssen. Noch spricht vieles für die Leistungsfähigkeit des Kreiskrankenhauses! Widersinnig, dass ein jahrhundertelang gewachsener Aufbau auf der Basis der Kommunen mit einem undifferenziertem Top-Down-Argument zerstört werden kann. Grundsätzlich hat ohnehin der Versorgungsauftrag der Bevölkerung auf allen Ebenen weiter zu gelten!

KV: Wenn es richtig ist, dass mehr als 90 Prozent der Entgelte für das Krankenhaus während des letzten Lebensjahres eines Versicherten auflaufen und davon besonders während der buchstäblich letzten Atemzüge, wie kann der Schwerkranke geschützt werden vor einem quälend langem Sterben?

Parzhuber: Bei bewusstlosen, beatmeten Patienten, die zu einer eigenen Willensäußerung nicht mehr fähig sind, wird täglich am Bett mit Synopse aller Befunde, Einbeziehung des Hintergrundes des Patienten, das weitere Prozedere hinsichtlich Ausweitung oder auch Minimierung der Therapie ventiliert, immer in der Überlegung, was der vermeintliche Patientenwille ist. Zusätzlich kann jederzeit von allen Mitarbeitern die Ethikkommission der Klinik einberufen werden, in der dann im Konsens entschieden wird.

KV: In "Geburt der Klinik" spricht Michel Foucault, der große Archäologe der Medizin, vom sich wandelnden Blick des Arztes.

Parzhuber: Wie sich der Diskurs des Arztes, der sich mit der Nosologie (Anm. d. Red.: Lehre der Krankheiten) vom Patienten abwandte zu den Erscheinungen der Krankheit, um diese zu heilen, hat sich der Blick erneut dahin gewandt, wie die Krankheit am billigsten und am gewinnträchtigsten zu behandeln und zu pflegen ist. In diesem Diskurs sollte jeder Arzt mit dem Gewicht seines Wortes weiter darauf bestehen, den klassischen „Arzt-Patienten-Vertrag“ hoch zu halten. Er muss sich wehren, wo er zum Dienstleister degradiert wird. Die Fürsorgepflicht muss verteidigt werden, der Arzt ist nicht Agent des aktuellen Geschäftsmodells "System-Krankenhaus". Es ist allerdings ein Kampf gegen die Windmühlen des Algorithmus inmitten der Alltags-Belastungen! Das Gesundheitssystem muss sozial und ethisch wiederbelebt werden, daran führt kein Weg vorbei!

KV: Herr Parzhuber, wir danken für das Gespräch.

Veröffentlicht am: 20.12.2021

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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