Karl Stankiewitz schaut zurück auf 50 Jahre Olympische Spiele in München, Teil IV

Als das altrussische Idyll friedlich siegte

von Karl Stankiewitz

Sonnenuntergang am Olympiapark. Foto: Thomas Stankiewicz

Der eisige Wind des Jahreswechsels 1971/72 schüttelt die Datscha und lässt das glitzernde Stanniol, womit die ganze Decke des Holzhäuschens verkleidet ist, mit leisen, weinenden Tönen erklingen. Unter einem Leuchter voller Christbaumkugeln steht der Eremit und singt und betet. Ganz allein, eine halbe Stunde oder länger. In russischer Sprache. Über den hochgeschlagenen Kragen des grünen Lodenmantels wallt das schlohweiße Haar.

Väterchen Timofej sieht aus wie der Weihnachtsmann aus dem Kinderbuch. Er küsst die Ikonen, löscht die Kerzen, schlürft zur Tür. Er ist doch schon alt geworden. „2000 Jahr“, behauptet er brummig. Und müde des Kampfes ist er auch. Am Fenster, dem gestickten Zarenadler gegenüber, hängt ein schwarzes Tuch. „Schlächte Zeit“, seufzt der Einsiedler.

Draußen wirft ein Schaufelbagger einen gewaltigen Erdwall auf. Olympia rückt hautnah heran an die 6000 Quadratmeter große Idylle am Rand des Oberwiesenfelds. Mit Lärm, Menschen und Maschinen. Die winzige heile Welt, das Fleckchen Alt-Russland inmitten Europas größter Baustelle – wird es den Trubel des nächsten Jahres überstehen? Sie haben Angst, die beiden Alten: Timofej und Natascha, seine 75-jährige Lebensgefährtin. Zuletzt hat gar das Landgericht München entschieden, Timofej Wassilij Prochorow und Frau müssen die auf ehemaligem Wehrmachtsgelände „in Besitz genommene Fläche unverzüglich verlassen und an die Beklagte herausgeben“; die Beklagte ist die Bundesrepublik Deutschland.

Zwar ist den Bedrängten nach der Intervention vom Stadtvater Vogel und einer gewaltigen Pressekampagne amtlich abermals versichert worden, dass sie nun doch nicht vertrieben werden sollen aus ihrem Paradiesgärtlein. Eher wollen die Münchner den preußischen Generalsekretär des OKs Herbert Kunze vertreiben als die beiden Russen. In Briefen heißt es beispielsweise: „Ihr baut ein neues München, eine Weltstadt mit kaltem Herzen.“ Das wollen die Olympia-Bauer angesichts des öffentlichen Interesses nun doch nicht. Sie lassen das geplante Stadion anderswo bauen, wenn auch teurer. Sie verzichten sogar auf 2700 Parkplätze zugunsten der kleinen Einsiedelei und pflanzen 27 Bäume ringsum – wohl nicht so sehr aus grünen Gründen, sondern um die eh schon versteckte illegale Idylle noch besser vor der großen Welt zu verstecken. „Wir haben gelernt, dass Väterchen Timofej zu den drei Heiligtümern der Münchner gehört, neben den Alleebäumen und den Dackeln“, sagt Gerhard Spiegel, Sprecher der Olympia-Baugesellschaft.

Im Plan wird das Kirchlein sogar amtlich gekennzeichnet – durch ein weißes Kreuz auf schwarzem Grund. Aber das alles kann die beiden Altrussen nicht recht glücklich machen. „Nix haben Papier“, klagen sie. Denn niemand hat ihnen das Verbleiben auf dem Gelände, das ihre Welt ist, schriftlich verbürgt. Nur zum Fotografieren hat ihnen jemand einmal ein Dokument in die Hand gedrückt – und gleich wieder weggenommen. Jetzt haben sie wieder Angst, doch noch vertrieben zu werden. Zumal vor drei Monaten zwei Beamte vom Finanzamt erschienen waren und 20.000 DM Nachzahlung für die unrechtmäßige Nutzung des Staatsgrunds sowie fortan monatlich 50 DM Pacht verlangten. Da nichts zu holen ist, ziehen die Finanzer wieder ab und melden sich nicht wieder.

Die Zweisiedler leben von der Fürsorge, von selbst angebauten Früchten und dem Honig ihres Bienenvolkes, von ein paar Groschen in der Opferbüchse des Kirchleins und gelegentlichen Spenden. So hat kürzlich ein englisches Fernsehteam, das den ganzen Tag bei Väterchen drehte, 20 Deutsche Mark hinterlassen. „Ich müssen brennen 200 Kerzen, viel teuer“, rechnet Natascha nach. Ein Dokument, dass sie wirklich bleiben dürfen – das wäre ihr schönstes Weihnachtsgeschenk gewesen. Sie hätten es im Vorraum der Kirche angenagelt, wie 1962 schon den Räumungsbefehl der Bundesvermögensstelle und 1963 einen Bescheid des Amtsgerichts über 50 DM. Neben urchristlichen Sprüchen wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und „Dein Wille geschehe“. Aber weder in der Olympia-Baugesellschaft noch im OK ist jemand bereit, so ein Schriftstück auszufertigen. „Sie leben ja auf fremden Grund, das kann man vielleicht tolerieren, aber nicht ausdrücklich sanktionieren.“ Wenn schon „nix Papier“, so wären die beiden Ruskis vom Oberwiesenfeld heilfroh, wenn ihnen die Olympier wenigstens elektrischen Strom und eine Wasserleitung zu ihrer Oase gebaut hätten. So aber haben sie an machen Wintertagen „20 Stunden Nacht“. Nur eine Ölfunzel brennt in der guten Stube. Sie wirft einen matten, fast magischen Schein auf vergilbte Fotografien der Zarenfamilie, auf ein Bild von Papst Johannes und ein signiertes Blatt vom berühmten Friedensreich Hundertwasser, das der Wiener Maler dem Väterchen persönlich überbracht und das Timofej über dem Fenster aufgehängt hat wie ein Handtuch zum Trocknen.

Mit dem Wasser ist es auch so eine Not. Sie hatten sich einen Ziehbrunnen gegraben. Aber das Gesundheitsamt hat ihnen streng verboten, daraus zu trinken. Jetzt müssen sie mühsam das Regen- und Schmelzwasser sammeln, wenn sie sich eine Suppe kochen oder Tee bereiten im silberglänzenden Samowar. „Wir viel beten und Gott schicken Wasser“, vertrauen sie mit biblischer Ruhe auf die „Heilige Dreifaltigkeit Ost-West“, der sie ihre beiden kuppelbekrönten Kirchlein gewidmet haben. Gottlob schenken ihnen olympische Bauarbeiter und Bundeswehrpioniere gelegentlich Bauholz zum Feuer machen. Aber die Olympier haben die beiden Leutchen auch etwas einsamer gemacht: Sie streuten Mäusegift aus, damit die Zierbäume in den Pflanzkübeln nicht angenagt werden. An dem Gift sind jetzt die 18 Jahre alte Katzenoma Olonischka und sieben andere Katzen elend krepiert. „Ich weinen“, berichtet uns Natascha. Ein Weihnachtsgeschenk erhielten sie nun doch noch. Wenn sie wenigstens etwas sehen könnten von den Olympischen Spielen vor ihrem Gartenzaun, das wäre eine Riesenfreude, hatten sie mir, dem Reporter, anvertraut. Spezielle Wünsche wegen der Sportarten hat Väterchen nicht: „Alles will sehen.“ Und Natascha begründet: „Wenn einmal im Himmel, und lieber Gott fragen, was du wissen von olympisch, ich muss sagen: nix.“

Als ich dem Oberolympier Willi Daume den Herzenswunsch der guten Nachbarn übermittelte, erklärten sich dieser und andere hohe OK-Herren spontan bereit, den Sportfreunden von nebenan ein paar Eintrittskarten aus eigener Tasche zu spendieren. Sie werden also die Welt sehen – und die Welt wird sie sehen: diese Gestalten aus einem modernen Märchen mit ihrer Arche Noah im olympischen Meer. Zumindest alle Besucher, die mit der Straßenbahn zum Oberwiesenfeld fahren, müssen über einen neugebauten Weg an der Einsiedelei vorbei. Schräg gegenüber hat man sogar eine kleine Aussichtsplattform eingeplant. Und direkt hinter dem Russengärtchen entsteht ein riesiger Rummelplatz mit 5000 Plätzen, Bierausschank und Blasmusik. Nur ein wenig wollen sich die beiden sonderbaren Heiligen der Entwicklung anpassen: „Wir machen großes neue Kirche wie in Jerusalem.“ Natascha hat dafür schon gespart und eingekauft in Münchner Warenhäusern. Zwei große Kartons sind voller weißer Tücher und Papierblumen und goldener Fransen. „Viel Arbeit noch.“ Sie ringt die Hände über dem Kopftuch. Väterchen ist inzwischen schon wieder beim Holzhacken vor der Datscha. In Reihe 44 können die Bilderbuchrussen das Eröffnungsspektakel tatsächlich miterleben. „»Kinder«“ und „bayrisch Leut«“ haben dem Väterchen am besten gefallen, und dabei fängt er gleich ein bisserl zu schuhplatteln an. Zahllose Menschen, auch Sportler aus der Gottlosen-Welt, finden während der Spiele den Weg in das versteckte Idyll. „Kommen Schwarz und Weiß und Russ und alles.“ Im Opferstock, sammeln sich Münzen aller Länder. Das weiße ukrainische Hemd unterm schlohweißen Bart ist voll gesteckt mit Abzeichen wie die Uniform eines sowjetischen Generals, nur dass auf Väterchens Brust auch ein Kreuz baumelt.

Noch im Olympiajahr heiratete Timofej seine Natascha, die fünf Jahre später starb. Am 13. Juli 2004 ist starb auch Timofei Wassiljewitsch Prochorow, wie „Väterchen“ wirklich hieß, im vermutlichen Alter von 108 Jahren in einem Münchner Seniorenheim. Eine Stiftung Ost-West-Kirche e.V. kümmert sich um die Pflege des schön erhaltenen Idylls und bot vor Corona auch Führungen an. Das ehemalige Wohnhaus ist heute ein kleines, amüsantes Museum. Der Garten ist etwas verwildert, aber täglich geöffnet.

 

Veröffentlicht am: 25.02.2022