Eine Kurzgeschichte von Maria Levina
Burlesque
Der Text "Burlesque" richtet den Blick auf die durch ein äußeres Objekt ausgelöste innere Bewegung des Ichs. Im Zentrum steht dessen momenthafte Verwandlung, die sich zwischen Projektion, Macht und Selbstinszenierung entfaltet und sich vor allem im Verhältnis von Sehen und Gesehenwerden manifestiert. Und so mündet das Spiel mit Blicken und Aufmerksamkeit in einen inneren Monolog über Größenfantasie und Begehren.
Von Maria Levina
Ganz weich und samtig, rot. Erinnert ein wenig an ein Bordell, warum auch nicht.
Man will sich darauf ausbreiten, die Arme ausstrecken, es umfassen, sich groß und pompös fühlen. Als säße man auf einem Thron, betrachtet die Vorbeilaufenden, lässt sich anschauen, nickt mal dem einen, mal dem anderen zu.
Hin und wieder ein kleines Lächeln, dann wieder ganz ernst, mit den Betrachtern spielend. Die Augen leicht zugekniffen, der Blick sticht, ein Bein über dem anderen, dunkle, hochhackige Stiefel, knallrote Tasche.
Ich schaue nach rechts und sehe meinen Arm, ausgestreckt. Ich schaue nach links, ausgestreckt. Ich lehne mich ein wenig nach rechts, nach links, wie ein kleiner Tanz, lege den Kopf schief.
Vor mir stehen Menschen. Sie lächeln mir zu. Machen "Oh" und "Ah". Sie scheinen beeindruckt, eingenommen – finde ich gut. Ich genieße die Aufmerksamkeit, lasse den Moment noch ein wenig länger sein, denke für einen kurzen Augenblick nichts mehr.
Und dann ist es genug. Ich stehe auf, lache. Es ist Zeit für eine Zigarette.
Interessant, was ein rotes Samtsofa auslösen kann. Ob sich wohl so der größenwahnsinnige Stift gefühlt hat?
Der Verweis auf den größenwahnsinnigen Stift knüpft an eine im Kulturvollzug bereits erschienene Kurzgeschichte an. Lesen Sie auch "Ohne mich seid ihr nichts" von Maria Levina.


