Die Matz zieht weiter

Gesehen in der Schwabinger Erlöserkirche, in der die Trauerfeier für den Münchner Journalisten Franz Kotteder stattfand. Georg Ringsgwandl sang am Ende zur Gitarre „Ja, des Glück, des is a läufige Hundsmatz, es bleibt nie lang beim selben Mann, denn Sicherheit im Tausch für Langeweile, des ist ein Handel, den es nicht leiden kann“ (aus „Glück im Mercedes“). Denn der Kotteder Franz, er hatte schon ein buntes, aufregendes, irgendwie auch wildes Leben gehabt, insofern hing ihm die läufige Hundsmatz bemerkenswert lange am Bein, insbesondere in Zeiten, in denen Journalismus entweder kaputtgespart oder instrumentalisiert wurde oder beides zusammen. Doch dann zog die Matz weiter und überließ den Franz der Krankheit, wohl auch Tribut für all die Jahre, und er ging am 30. Dezember 2025 im fast noch frühlingsfrischen Alter von 62. Der einst mit 81 gestorbene Sommer Sigi wurde als stadtbekannter Journalist in der Theatinerkirche betrauert, wo eine Verlegerin eher peinliche Worte säuselte; doch Schwabing war dem Pasinger Kotteder zeitlebens ganz sicher eh näher als der Odeonsplatz, und Verleger blieben ihm - zumindest am Ende - auch erspart, so dass eine mit Münchner Kultur- und Schreibprominenz randvolle Erlöserkirche im Vergleich kein Malus war. Da er die letzten Jahre über alles mögliche und insbesondere Kulinarik geschrieben hatte, war es gut zu sehen, dass man den Kulturredakteur und -reporter Kotteder in München noch nicht vergessen hat. Er stand wie kaum ein anderer unter den Journalisten für die „Münchner Kultur“, die er zwar nicht erfunden, aber geprägt hatte wie kaum ein anderer Schreiber. Diese Münchner Kultur ist, beziehungsweise war, ja nicht nur die Kultur Münchens, sondern auch eine einigermaßen legendäre Zeitungsseite in der "Süddeutsche Zeitung" gewesen. Die Älteren erinnern sich an Zeiten, in denen Zeitungen noch überraschende Dinge machten. Wie eben jenes, dem damals in jeder Hinsicht noch sehr bleigrauen Feuilleton einen wilden Ableger zur Seite zu stellen, und dann einfach mal zu schauen, was aus dieser nicht geringen Reibung Interessantes entsteht. Dieser Journalismus war lustig, exzessiv, informativ, stilbildend, und er bedurfte zur Abkühlung nicht nur einmal im Jahr wie beim FC Bayern am Rathausbalkon, sondern Abend für Abend im Stadtcafé der Weißbierdusche. Doch das Glück is a Hundsmatz und so ist auch das Zeitungspapier in mehrfacher Hinsicht längst vergangen. Zurückgeblickt wird noch, und zwar nur noch, wenn einer stirbt. Andrea Kästle, mit der Kotteder eine Lebensbeziehung hatte, erinnerte an sein „Delfinlächeln“ und setzte den so treffenden wie abgründigen Nachsatz hinzu „bei dem man nie wusste, wie viel Traurigkeit darin enthalten war“. Dass er „überhaupt kein Geltungsbedürfnis“ hatte, dass er es für einen Vorteil hielt unterschätzt zu werden, dass er, wie seine Redaktionskollegin Christine Dössel anfügte, „weder Testosteronschleuder noch Labertasche“ war. Das wäre schöne Weißbier-Diskursrunden wert gewesen. Und dass das Trauerprogramm ein Karl-Marx-Zitat zierte („Allein das Leben vergeht ja nicht, sondern das einzelne Sein“), ließ auch tief blicken: Die Freuden des Kollektivismus stets im Blick und als Richtschnur, an diesem Tag erst recht; auch Verdi stand Spalier für den, natürlich, „kämpferischen“ Betriebsrat. Beim Franz stimmte ja ausnahmsweise sogar mal die Klischee-Stanze. Friedrich Ani schrieb und sprach vom Band das Gedicht „Bruder Franz“, geschrieben im Gedenken an denselben, darunter die Zeilen: „Stund um Stunde ohne / Sperrstund alle Zeit / Muss so sein / Muss so sein / Weil anders, Franz, / gingen wir vor Herzweh ein“. Wo auch immer der Franz nun „sein Weißbier“ aufmacht, Ringsgwandl rief ihm mit seinem Song den Gruß der versammelten Gemeinde zu beziehungsweise nach: „Wenn du das Glück einmal triffst, sag ihm von mir einen wirklich schönen Gruß, faß es zart um seine warmen Hüften und genieße seinen Kuß.“ gr. / Foto: Michael Grill

