Radikal Jung 2026 im Volkstheater

Ein Fest fürs Theater in Zeiten knapper Kassen

von Michael Weiser

"Antigone": Mit diesem Klassiker reist das Staatstheater Wiesbaden nach München. Foto: Max Borchardt

"Radikal Jung" kommt in die Jahre und macht noch immer Vorfreude: Vom 24. April bis zum 3. Mai 2026 geht im Münchner Volkstheater die 20. Auflage des Festivals für junge Regie über die Bühne. Ein Ausblick auf eine Theaterparty in Zeiten knapper Kassen.

Es gibt die großen Häuser in München, das Resi und die Kammerspiele. Und es gibt ein Haus von eigener Größe - das Münchner Volkstheater. Und dass das so kommen konnte, das mit der Größe, nach einer Phase, die für das Volkstheater eigentlich nur noch begleitetes Sterben vorsah, liegt auch an einer Idee, die Volkstheater-Intendant Christian Stückl und SZ-Kritiker C. Bernd Sucher vor etwas über 20 Jahren gemeinsam ausbrüteten. Die Idee von einem Festival für junge Regisseure, mit Namen "Radikal Jung". Das Festival wird heuer von 24. April bis 3. Mai über die Bühne des Volkstheaters gehen - in der 20. Auflage.

Ob der Titel glücklich gewählt war, schon wegen des Anspruchs des "Radikalen", der sich nicht durchwegs halten lässt, war eine Diskussion der ersten Jahre. "Radikal Jung" ist längst ein Markenzeichen. Ein Theaterereignis, das dem  Volkstheater tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal verleiht. Nicht nur in München, sondern weit über Bayern hinaus. Ein Festival, das eine mögliche Zukunft des Theaters aufzeigen sollte und dies nach wie vor immer wieder ermöglicht. Ein Klassentreffen der Vielversprechenden, von denen viele in den Jahren nach ihrem radikal-jugendlichen Auftritt in München tatsächlich den Durchbruch schafften.

Ein Kraftakt für das Volkstheater, von Beginn an. Intendant Christian Stückl muss das Festival stets finanzieren. Das gelang in den ersten Jahren auch dank der Firma E.on. Wir bräuchten ein Geld, habe er seinerzeit einen guten Bekannten beim Stromlieferanten gefragt, der habe gefragt, wieviel. Und Stückl soll gesagt haben: "So 400..." Womit nicht vierhundert Euro gemeint waren. Für E.on offenbar kein Problem. Diese Zeiten sind vorbei, E.on ist weggezogen aus München, Sponsoren sind überhaupt schwer zu finden, auch die Stadt München will bei der Kultur kürzen. Es werde weitergehen, sagte Stückl bei der Vorstellung des Programms. Finanziert aus eigenen Mitteln.

Es wäre schade um das Festival, das immer eine Wundertüte war. Weswegen man für 2026 kaum einen Tipp abgeben kann. Wohl aber für das Heimspiel des Festivals, "Die Nashörner" von Eugène Ionesco. Anna Marboe hat da für das Münchner Volkstheater eine starke Regiearbeit hingelegt, mit Slapstick im Highspeed, mit all ihren Einfällen fast schon gefällig - bis der Zuschauer merkt, dass er da selbst einer Masche aufsitzt. Ganz im Sinne des Stücks, das die Frage nach der Verführbarkeit des Einzelnen und der Gesellschaft stellt.

Den Start des Festivals markiert aber "Antigone" nach Sophokles in der Regie von Mikheil Charkiviani vom Staatstheater Wiesbaden. "Eine reduzierte und ästhetisch markante Inszenierung des antiken Stoffs", so das Volkstheater in seiner Pressemitteilung, diegleichwohl die Dringlichkeit und Aktualität weiblichen Widerstands aufzeige.

"Hello" von Olivia Hyunsin Kim vermittelt in Co-Produktion mit den Sophiensälen Berlin Einblicke in den Alltag in Nordkorea - mit Tanz, Musik und gemeinsamem Essen.

Oper, Gospel, Solo und Chor: Vielfältig tönt die "Opera of Hope" von Mable Preach für Kampnagel Hamburg, um vom Ankommen in Deutschland zu erzählen.

Alina Flucks "Minihorror" von Barbi Markovic sucht nach dem Horror des Alltäglichen, bei Urlaub, beim Einkauf und in der Beziehung. Hört sich nach Schrecken an, soll aber nach den Juroren von "Radikal Jung" so humorvoll wie eindringlich sein.

"Zugleich Konzert, Theater und Feier" ist laut Volkstheater die Produktion "Unruhe". Ausgangspunkt ist eine rätselhafte Tanzepidemie, die 1518 Hunderte von Menschen wochenlang tanzend auf die Straßen Straßburgs trieb. Damit ist die Groupe Crisis aus Marseille in München zu Gast.

"Die Allerletzten" heißt eine Produktion vom Maxim Gorki in Berlin, für die Marco Damghani Text und Regie geschaffen hat. Es geht um ein junges Pärchen, das sich aufs Land flüchtet - und sich in einer Umgebung wiederfindet, in der die Reichskriegsflagge als legitimes Hoheitszeichen gilt. Rückzug oder bleiben? Das Paar hat für sich und über sich Entscheidungen zu treffen.

Mit der Adaption des Dostojewski-Romans "Der Idiot" reist ein Ensemble des Theaters Münster nach München. Regie führt Milena Michalek.

Zu schön, um wahr zu sein? Lena Reißner knöpft sich "Heidi" vor, zusammen mit dem Ensemble des Theaters Freiburg. Und versieht die Geschichte von Johanna Spyri mit einem Untertitel, der Mythenzertrümmerung ahnen lässt: "Wie eine heile Bergwelt ins Rutschen gerät."

Eine „poetisch-fragmentarische“ Adaption des Romans „Anleitung ein anderer zu werden“ verspricht die Volkstheater-Jury für die gleichnamige Produktion des Thalia-Theaters Hamburg. Regie führt Chiara Liotine, die in ihrer Fassung des Erfolgsromans von Édouard Louis die Beziehung des Romanhelden Eddy zu seinem Vater untersucht, während Eddy versucht, sich zu Édouard zu mausern und sich ein neues Umfeld zu erschließen.

Weltmeister und Hassfigur, von Rassismus betroffen und selbst ein Provokateur: Das bisherige Leben des Mesut Özil ist spannungsgeladener als das der meisten Kicker. Ein Ballkünstler, der mit seinem Foto zusammen mit Erdogan die Diskussionen anheizte. Mit „Der Zauberer von Öz - Eine Fußballtragödie“ beschwört Regisseur Aram Tafreshiam für Ozil die Geister der Vergangenheit.

Die Stadt Güllen steht vor dem Ruin. Für Abhilfe könnte die alte Dame sorgen, die, einst in Schanden aus der Stadt verjagt, schwerreich zurückgekehrt ist. Dafür verlangt sie den Kopf des Mannes, der sie einst geschwängert hat. Die Vagantenbühne Berlin ist mit dem Dürrenmatt-Klassiker „Besuch der Alten Dame“ bei „Radikal Jung“ zu Gast. Regisseurin Lily Kuhlmann packt die Story in einen Horrortrip.

Das Programm drum herum:

Am 24. April 2026 startet um 22.30 Uhr die Eröffnungsparty mit DJ Luis Buchmann. "Toxische Pommes" ist am 28. April um 19 Uhr auf Bühne 2 zu Gast. Mit dem Programm „Wunschlos unglücklich“, einem komischen Theaterstück von einem Menschen, der laut Ankündigung „nichts von Theater versteht, für Menschen, die nichts von Theater halten“. Die Popcörner nennt sich der Gossip-Stammtisch am 28. April und am 1. Mai im Festivalzelt. Und es gibt Mode zum 20. Geburtstag. Die Meisterschule für Mode München gestaltet ein Festival-Shirt, live im Siebdruck-Verfahren. Und es gibt Botschaften all der Regisseure zu lesen, die zu "Radikal Jung" eingeladen wurden. Wäre ich eingeladen gewesen, einen Gruß mit Rückblick auf 20 Auflagen "Radikal Jung" zu verfassen - er könnte so lauten: "Vielen, vielen Dank. Und bitte mehr."

 

Veröffentlicht am: 17.03.2026

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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