Christine Manns "Mein Abschied" im Literaturhaus
Eine Frau, stark wie eine Sinfonie
Vor zwei Jahren ist Christine Mann in München gestorben. Die Tochter von Physiker Werner Heisenberg und Ehefrau von Thomas-Mann-Enkel Frido Mann (85) hat eine beeindruckende Erzählung über Krankheit, Glauben und Lebensmut hinterlassen. Das Literaturhaus hat dazu einen persönlichen Leseabend veranstaltet – und großen Beifall geerntet.
"In meiner Familie wird dann halt einfach gestorben!" So raisonnierte Christine Mann, als man sie von einer äußerst heiklen Herzoperation überzeugen wollte. Ihr Sohn Stefan berichtete von dieser Situation bei der ärztlichen Beratung auf der Bühne des Literaturhauses. Dieses widmete der Ehefrau von Frido Mann einen ganzen Abend, der so hieß wie das Buch, das nach ihrem Tod veröffentlicht wurde: "Mein Abschied". Zu ihren Lebzeiten hat es keinen Verlag gefunden, jetzt ist es in München bei Rubicon erschienen. Der Essay beschreibt den Weg einer höchst vernunftbegabten, doch gefühlvollen Frau durch einige medizinisch sehr schwere Jahre – ihre letzten.
Die Schweizer Schauspielerin Miriam Japp dient dabei als lesende Stimme von Christine Mann. Furios trägt sie eine Schlüsselstelle des Buchs vor: Mann liegt zur Anästhesie im Krankenhaus und leidet unter abstrusen Horror-Visionen. Später, in einer wieder geerdeten Reha-Szene, liest Japp mit ruhiger, hoffnungsvoller Stimme. Zum Schluss gibt es außerdem Textpassagen aus dem Nachwort von Frido Mann zu hören, die ebenso berührend sind wie die Schilderungen seiner Frau zuvor. Wie das Ehepaar sich fast 60 Jahre lang gegenseitig bestärkte, auch im religiösen Glauben an die Liebe und das Leben, trägt Japp mit treffenden Anklang von Frido Manns freundlicher, aristokratischer Art vor. Sie ist eine exzellente Wahl für den Abend, hat auch einige Erfahrung im Lesen von Mann-Texten.
Zwischendurch präsentiert Violinist Vesselin Paraschkekov Stücke von Bach, sozusagen als emotionale Ruheinseln. Er spielte die "Giaccona" und anderes bereits sowohl zu Christine Manns 70. Geburtstag als auch zu ihrer Beerdingung. Christine und Frido Mann waren schließlich ein musikalisches Paar: Sie spielte Bratsche, er war zu Zeiten des gemeinsamen Theologiestudiums bereits fertig studierter Pianist und Organist.
Für Japp wie auch für Moderatorin Marie Schoess ist es eine Gratwanderung, die manchmal ulkigen Wendungen des Abends würdevoll zu durchschiffen. Denn bei den Manns und Heisenbergs ist Krankheit und Tod auch etwas, dem man mit Humor begegnet. Christine Mann selbst beschreibt sich gleich zu Anfang ihrer Niederschrift lakonisch als "schwierige Patientin", resümiert auch ihre eigene Hilflosigkeit während der Genesung einigermaßen selbstironisch. Ihr Mann wiederum zeichnet im Nachwort die Szene nach, die die beiden Eheleute während des Theologiestudiums fürs Leben zusammenschweißt: Er beruhigt ihre Glaubenszweifel damit, dass der größte Beweis für Gott doch die Liebe sei – was in einer sehr irdischen Umarmung endet. Auch wie er ihr in den letzten Lebenstagen sein Handy mit Schuberts "Forellenquintett" aufs Kopfkissen legt, worauf sie erleichtert seufzt, verführt trotz aller Tragik zum Lächeln. Allen voran sorgt Sohn Stefan Mann mit seiner quirligen Art und seinen sprudelnden Erzählungen aus dem Familienleben für Frohsinn und Pragmatismus.
Überlebt hat Christine Mann leider nicht. Zwar meisterte die Frau, die stark wie eine Sinfonie war, ihre Herz-OPs mit erstaunlicher Zähigkeit und Hilfe ihres Mannes. Doch zuletzt diagnostizierte man bei ihr einen Gehirntumor. Gegen diesen kamen weder gesunder Menschenverstand noch Liebe an.
Übrig bleibt "nur noch die Hälfte meiner selbst", wie Frido Mann es beschreibt. Und ein wunderbares Buch, das medizinische Großereignisse am Lebensende aus zutiefst menschlicher Sicht schildert. Es ist ein potentieller Klassiker, der auch nach diesem Abend im Literaturhaus noch lange lesenswert bleiben wird.
Christine Mann: "Mein Abschied", Rubicon, 128 Seiten, 18 Euro.






