Verwirrte Gefühle, Schwarz auf Weiß

von Michael Weiser

Foto: Weiser

Salzburg – Geglückte Melange: Matthias Hartmanns Inszenierung von Jean Racines „Phädra“ mit dem Münchner Bühnenstar Sunnyi Melles inmitten eines Ensembles von Burgschauspielern gehörte zu den Höhepunkten der 90. Salzburger Festspielsaison.

Aus dem Geschehen auf der Bühne Schlüsse zu ziehen, kann ja wohl nicht weiter schwer sein. Schließlich bekommt man hier die Geschichte der Phädra buchstäblich Schwarz auf Weiß serviert: In den Kostümen ebenso wie in Gestalt der Drehwand auf der Bühne. Weiß auf der einen, Schwarz auf der anderen Seite, mehr Kontrast geht nun wirklich nicht. Im Hellen, auf der Oberfläche sozusagen, sieht man Phädra, Hyppolitos und Co. quasi von ihrer offiziellen Seite, im Staatsdienst. Und auf der dunklen Seite der Macht gären die Leidenschaften. Immer, wenn die Wand sich dreht, dringt Meeresrauschen an das Ohr des Publikums. Da meldet sich die Natur oder vielmehr der Gott, schließlich ist ja der hier zuständige Herrscher Theseus der Sohn Neptuns. Ganz einfach also, oder?

Wer bei dieser Inszenierung, der letzten Premiere des Salzburger Jubiläumssommers, dialektische Klarheit erwartet, wird sich schnell getäuscht sehen. Die schwarzweiße Drehwand verharrt nur am Anfang klar quer, die gesamte Bühne sperrend. Dann aber ist es vorbei mit den klaren Trennlinien, im überzeugend puristischen Bühnenbild von Johannes Schütz ebenso wie in der Handlung. Denn nun vermischen sich die Gefühle und durchdringen einander: Hoffnung und Enttäuschung, Liebe und Hass, Freude und Reue. Verwirrung greift Raum, und auch die Götter bieten keinen Aufschluss: Das Meer rauscht unverdrossen und unverständlich weiter. Und Theseus fragt verzweifelt: „Warum sind nicht an unverwechselbaren Zeichen die Herzen von Verrätern zu erkennen?“

Die geometrische Strenge des Bühnenbilds lässt Raum. Wie vor einer reinen, unberührten Leinwand agieren die Darsteller, und der Zuschauer lässt sich gerne in den Bann schlagen von der Tragödie, die in feinen Strichen auf diese Leinwand gemalt wird. Solch filigranes Spiel ist selten, solch fein austarierte Aktion zwischen den Akteuren. Es ist ja keine unglaublich komplizierte Geschichte, die Jean Racine (1639 bis 1699)  in den Spuren von Euripides - und von Simon Werle elegant übersetzt - erzählt. Sie ist nicht von dieser erzenen Wuchtigkeit des "Ödipus auf Kolonos". Tatsächlich lässt sie sich in den knapp zwei Stunden in Salzburg trefflich unterbringen. Aber durch das präsente Spiel von Melles, Rehberg, Affolter und Co. gewinnt das Ganze reichlich Tiefenschärfe und Facetten. Man lacht sogar hie und da, zunächst zumindest, denn man fühlt sich ab und an ertappt und erinnert. Schließlich geht es ja um Liebe, und wer hätte da nicht schon Erfahrungen gesammelt?

Wunderbar ist der Kontrast, den Paul Manker als Theseus und Sunnyi Melles als Phädra auf Schützens Leinwand bringen: Manker als im Schmerz versteinernder Herrscher, Gatte und Vater, Melles als enttäuschte und rasende Liebende. Die Münchnerin setzt auf die ganze Bandbreite von Stimme und Stimmung, forciert ihr Spiel bis zum Überdrehen. Was bei schwächeren Darstellern nerven könnte, überzeugt hier: Diese Phädra nimmt man ihr ab. Viel verdienten Beifall gab es, Bravos für sie ebenso wie für ihre Kollegen.

„Salzburg ist einfach ein Ort des großen Dramas und der großen Oper.  In Salzburg muss man sich alles Große trauen“, hat Regisseur Matthias Hartmann vorher gesagt. Gewagt, gewonnen. Wer sich's ansehen will, muss künftig zu Hartmanns Schauspielhaus reisen: „Phädra“ steht in der kommenden Saison am Burgtheater in Wien auf dem Spielplan.

Veröffentlicht am: 29.08.2010

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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