Holger Dreissigs "Heiratsmarkt" im i-camp: Slapstick, Schmäh und Mopsmoderne

von Michael Wüst

Zwischen Blumen und Schleier: Liane Müller als unverwaltete Braut, Foto: Lisa Miletic

Mit seiner 21. Verwaltungsperformance „Heiratsmarkt“ feiert Autor und Regisseur Holger Dreissig heuer ein Jubiläum. Seit 20 Jahren nun schon hält er das Münchner Publikum an, mit ihm über das Verhältnis von Theater und Verwaltungsperformance zu forschen. Es scheint allerdings gewaltiger Umwege und Denkschleifen zu bedürfen, die Begrifflichkeit des Langzeitprojekts selbst zu klären, widmet sich Dreissig mit seinen Stücken doch seit Jahren schon dem, was nicht verwaltbar ist. Könnte es sein, dass es sich da um einen Schmäh handelt?

In der Tat. Es steckt ja schon eine ganze Menge absurder Komik allein in dem Worthybrid Verwaltungsperformance. Man fühlt sich an das Kakanien des Hertzmanowsky-Orlando, das vergessene absurde Theater erinnert. Das neuerdings verwaltungsfremde Thema der 21. Stunde im i-camp war die Heirat, Hochzeit, der dafür bereite Markt, gesellschaftlich wie phantasmagorisch. Die fast den ganzen Abend über etwas ideenlos gleich hell gehaltene Bühne zitiert in den Materialien Rot und Weiß, suggeriert Archetypen von Unschuld, Trauer und Blut.

Beginn, wie häufig gesehen: Herumflackende – schlafend oder ruhig gestellt, schön die Frau (Eyreen Prochnow) in Unterwäsche die Männer (Muriel Aichberger, Ben Lange, Holger Dreissig). Vielleicht Depperte. Um einen Anfang zu machen, erklingt der Hochzeitsmarsch als Weckersignal. Die drei Männer und die Frau wenden sich dem Publikum zu und vor diesem als Spiegel liefern die Vier nun in Slapstickmanier positive Gesten ab. Dazwischen putzen sie sich die Zähne. Was wird denn das?

Wo geheiratet wird, da fallen Blüten: Muriel Aichberger, Holger Dreissig, Lilian Müller, Ben Lange, Eyreen Prochnow, Foto: Lisa Miletic

Dann ein bisschen was Sprachliches. Alle Welt heiratet. Da wird aufgesagt: Denise, Dennis, Melvin, Melanda, Candy, Sandy, Emily, Linda. Tatsächlich, Kevin hat man sich erspart. Ach ja, und da stehen  ja reihenweise Schuhe vorne an der Bühne! Wie sich herausstellt, dienen sie dem semantischen Verwaltungsbezirk der Fußnoten. Also plappert man Fußnoten, Sprüche, Verdrehtes, Verhaspeltes daher. Gelegentlich, ein Aufblitzen von Witz: „Magst du Kinder?“ „Ja, ich kann nur kein Ganzes essen, sie ist ja noch ein halbes Kind“. Es folgt ein Slapstick mit vielen Schuhen, die anschließend träge und irgendwie unbeteiligt in einen Behälter gegeben werden.  Zäh und spannungslos sind all die Umbauten mit Umbaumusik.

Und dann muss der Bräutigam präpariert werden! Dazu palavert man über Möpse, Polster und Finanzpolster. Ob es so die erwünschte Märchenhochzeit wird? Da tritt die Braut auf. Die noch nicht 18jährige Liane Müller erweist sich als ein absolut unverwaltetes Wesen aus Fleisch und Blut. Großartig. Für einen Moment erfährt das seltsame Stück eine Erdung. Die vielen uneigentlichen, disparaten Elemente – oft schön, allein für sich – wollen zusammen. Doch nein, es geht von vorne los.

Der Platt-Plot muss im Laufe des Abends sogar dreimal wiederholt werden, damit man ihn besser unversteht. Zum Beispiel die sechs Leitern, auf deren Sprossen Schädel gestellt werden! Warum? Is halt a Schädelverwaltung! Dazwischen reinstes Bütten-Dada: Die Heirat, der Ernstfall. Nein, die Kleine ist Ernsts Fall. Wuha! Rote Vorhänge, weiße Vorhänge, Spielzeugdrachen, rote Vorhänge, weiße Vorhänge. Varieté demente! - Strotzend von Andeutungen, die nirgendwo und überall hinweisen, Symbole, die für nichts mehr stehen. Eine Moderne, die hinter sich herhinkt.

"Heiratsmarkt" läuf noch bis zum 15. und vom 18. - 22. Januar im i-camp, Karten unter  Telefon 089/650000

Veröffentlicht am: 13.01.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Ben Lange
13.01.2012 19:13 Uhr

Hier eine fundierte Kritik: http://www.theaterkritiken.com/index.php?option=com_content&view=article&id=492&catid=60

Kulturvollzug - Michael Grill
14.01.2012 13:25 Uhr

Sehr geehrter Herr Lange,

danke für Ihren Hinweis. Ich finde es nur schade, dass Sie mit dem Begriff "fundiert" eine abgrenzende Linie ziehen.

Mit freundlichen Grüßen, gr.

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